Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Sonnen-Architektur

Die Akkuhaussiedlung

Neue Solarhäuser erzeugen doppelt soviel Strom wie sie verbrauchen.

Die Akkuhaussiedlung Die Akkuhaussiedlung
Rolf Disch

Auf den ersten Blick wirken die Häuser von Architekt Rolf Disch vielleicht ein wenig seltsam. Provisorisch? Was ist los mit den Dächern der Siedlung am Schlierberg in Freiburg? Ist den Bauherren unisono das Geld ausgegangen und haben sie deshalb günstige Metallkonstruktionen gewählt? Mitnichten. Die Dächer dieser Siedlung sind alles andere als „Billig-Lösungen“. Denn die Dachkonstruktionen sind allesamt kleine Kraftwerke, die Strom produzieren. „Zusammen doppelt so viel, wie die gesamte Siedlung verbraucht“, sagt der Architekt stolz.

Richtig ausgerichtet

Auf den zweiten und dritten Blick werden die Häuser immer schöner. Die Farbauswahl fällt ins Auge. Der Berliner Künstler Erich Wiesner, genannt „der Färber“, entwarf eine beliebig kombinierbare Farbpalette von zwölf Farben, die hier angewendet wird. Alle Räume sind nach Süden ausgerichtet und verfügen über hohe Fensterfronten, durch die viel Licht hereinfällt. Das macht die Räume hell, freundlich und warm. Ein Dachüberstand im Süden hält die Sonne im Sommer fern. Nach Norden liegen Bad, Küche, WC. Ein Anbau, die so genannte Remise, dient als Abstellraum und ist auch von außen zugänglich.

Die Baumaterialien bestehen – aus Überzeugung des Architekten – ausschließlich aus naturverträglichen und recyclefähigen Materialien. Das bedeutet: Die Außenhäute der Häuser von Deutschlands renommiertestem Solararchitekten bestehen aus einer Holzkonstruktion mit hochwertigen Mineraldämmfilzen. Das ganze ist 40 Zentimeter dick und hält die Wärme im Haus. Gleichzeitig sorgen die verwendeten Materialien für ein angenehmes Raumklima.

Tricks vermeiden Wärmeverlust

Auch die Balkone der Disch-Häuser scheinen seltsame Konstrukte zu sein. Sie wirken wie vom Dach abgeseilt. Die Konstruktion hat ihren Sinn. Durch die wenigen Kontakte zum Hauskörper werden Kältebrücken minimiert. Damit kommt der Architekt seinem Ziel ein Stückchen näher, nur ja keine Energie zu verschwenden und Wärmeverluste zu vermeiden.

Das Dach als Energiezelle

Sein Ziel sind solche Häuser, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Dafür wird nicht nur das Dach zur Energiezelle. Die Fenster sind das Energieeinfallstor. Eine Dreifachverglasung sorgt dafür, dass es umgekehrt keinen Weg hinaus gibt. Und auch die Wärme im Inneren des Hauses wird recycled. Wo auch immer sie entsteht – ob beim Kochen, Duschen, durch Lampen oder die Bewohner selbst – ein Wärmetauscher sorgt dafür, dass nichts davon verloren geht. Dabei herrscht selbst ohne Lüften immer gute Luft im Haus. Küchendüfte sind Schnee von gestern.

Der Architekt Disch

Disch baut seit 25 Jahren energiesparende Häuser. Sein Engagement für neue Formen des Bauens entstand aber schon früher, nämlich während der Anti-AKW Bewegung der 70er-Jahre. Konkret wurde es für ihn mit seinem persönlichen Widerstand gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl bei Freiburg. „Als man uns vorwarf, hier würden bald die Lichter ausgehen, wenn das Kraftwerk nicht gebaut würde, war unser Ehrgeiz geweckt zu beweisen, dass das nicht der Fall ist.“

Disch-Häuser als Kleinkraftwerke

Disch begann an alternativen Techniken des Bauens zu arbeiten und versuchte zu beweisen, was unter Experten mittlerweile Konsens ist. Statt Energie von Großkraftwerken zu beziehen, können Häuser selbst zu Kleinkraftwerken werden. „Statt 200.000 Liter Öl im Jahr zu verbrauchen, erzeugt die Solarsiedlung am Schlierberg 420.000 Kilowattstunden Sonnenstrom“, sagt Disch. „Statt mit Nebenkosten kann man mit Nebeneinnahmen rechnen.“

Prototyp des Plusenergiehauses

Zu Beginn der 90er-Jahre baute der Architekt für 1,5 Millionen Euro den Prototypen des  Plusenergiehauses, das er am Schlierberg das erste Mal verwirklichte.  „Heliotrop“ das Haus, in dem der Architekt selbst wohnt, dreht sich der Sonne nach, hat große offene Fensterfronten, die die Sonne hereinströmen lassen und jede Menge Sonnenkollektoren auf dem Dach. „Das Heliotrop war von Anfang an als Prototyp gedacht, bei dem es darum ging zu zeigen, was technisch möglich ist“, sagt Disch.

Das Energiesparhaus wird marktreif

Die nächste Herausforderung war, im Zusammenspiel von Technik und Architektur Plusenergiehäuser zu entwickeln, die nur wenig teurer sind als herkömmliche Bauten. Zehn Jahre nach Erstellung des Prototypen Heliotrop hatte der Disch zusammen mit seinem Architekturbüro ein System entwickelt, durch das Plusenergiehäuser nur noch zehn bis 15 Prozent teurer sind als so genannte Niedrigenergiehäuser.

Verwirklicht in der Freiburger Solarsiedlung am Schlierberg. Seit dem Jahr 2000 sind hier 60 Plusenergiehäuser sowie ein Gewerbebau mit 5.500 Quadratmetern Nutzfläche entstanden, die rund doppelt so viel Energie erzeugen, wie sie verbrauchen.  „Das geht überall, auch in Norddeutschland“, ist Disch überzeugt. „Vielleicht ist hier der Energie-Überschuss geringer. Aber ein Plus kommt in jedem Fall heraus.“

Modulares Hauskonzept

Und seine Vision geht weiter. Disch möchte in jeder Gemeinde sein Plusenergiehaus verwirklicht sehen. „Dazu gilt es, die Kommunen mit ins Boot zu holen.“ Und natürlich die Baukosten weiter zu minimieren. Dazu hat er ein modulares Hauskonzept entwickelt. Mit Standard-Elementen, die sich zu Einraum-, Doppel-, Reihen- oder Einzelhäusern kombinieren lassen. Wichtigstes Element ist dabei die so genannte Powerbox. Sie stellt die Kernzelle des Hauses dar und beherbergt die gesamte Technik inklusive aller Installationen. Die Powerbox wird komplett vorgefertigt, wodurch sich einerseits die Bauzeit verkürzt und zusätzlich Kosten minimiert werden.

Ziel: Null Emissionen durch 100 Prozent Erneuerbare

Und noch eine Mission hat Deutschlands bekanntester Solar-Architekt: Ihm geht die Zielsetzung der Bundesregierung nicht weit genug. „In 30 Jahren 30 Prozent weniger CO2-Ausstoß ist viel zu wenig, wir müssen ehrgeiziger sein: 100 Prozent Versorgung aus Erneuerbaren Energien und null Emission“, schweben ihm vor. Schließlich wisse man inzwischen, dass Fabriken, Mietskasernen, Wolkenkratzer und Einfamilienhäuser rund 40 Prozent der globalen Energie verschleudern. Das ist mehr, als die weltweite Autoflotte verbraucht.

Mit Verzicht habe das beim Wohnen oder Bauen rein gar nichts zu tun. Für den Solararchitekten soll der Komfort ausdrücklich nicht auf der Strecke bleiben. „Ökologie muss gerade nicht verquälte Askese sein, sondern sollte human, inspirierend und in einem guten Sinn luxuriös sein“, sagt Disch.

Weitere Informationen:

www.plusenergiehaus.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014