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Passivhaus

Die Großzügigkeit der Höhe

Im Minimum Impact House in Frankfurt am Main kann man auf fünf Geschossen klimafreundlich wohnen und arbeiten.

Die Großzügigkeit der Höhe Die Großzügigkeit der Höhe
energlobe.de, Maud Radtke

Alle reden vom nachhaltigen Bauen, doch was genau bedeutet das eigentlich? Auf jeden Fall etwas mehr als nur ein bisschen Wärmedämmung. Gemeint ist ein schonender Umgang mit Ressourcen für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Das junge Frankfurter Architekturbüro Drexler Guinand Jauslin und die TU Darmstadt haben sich damit beschäftigt. Ziel war es, einen Prototyp für nachhaltiges Bauen in der Stadt zu entwerfen.

Baugrundstücke in der Stadt sind rar und teuer. Die Bauaufgabe für die Architekten war deshalb die Herausforderung, auf einer winzigen Baulücke mit gerade einmal 29 Quadratmetern Grundfläche im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen ein komfortables Wohnhaus inklusive Arbeitsbereich zu errichten. Herausgekommen ist das „Minimum Impact House“, ein urbanes Holzgebäude, das seinen ökologischen Fußabdruck äußerst klein hält.

Auf der überbauten Fläche wurde eine Nutzfläche von insgesamt 154 Quadratmetern erzielt. Das Raumprogramm des fünfgeschossigen Gebäudes zum Wohnen und Arbeiten entwickelt sich fließend aus der kleinen Grundfläche heraus – von unten nach oben werden die Funktionen privater. In den beiden unteren Geschossen sind ein Showroom und das Büro untergebracht, darüber folgen Küche und Essplatz, dann ein Wohn- und Schlafzimmer mit Bad, darüber ein zweites Schlafzimmer mit einer großen Dachterrasse als Gartenersatz.

Der Holzbau im Passivhausstandard überrascht auch durch seine ungewöhnliche Optik. Die biomorph anmutende Fassade aus furnierbeschichteten Phenolharzplatten und Holzstäben greift die Licht- und Schattenspiele der beiden Pappeln auf, die hier früher einmal wuchsen. Im Vergleich zu einem Massivbau dieser Größe wiegt das Haus nur rund die Hälfte und setzt in der Herstellung nur ein Drittel soviel Treibhausgase frei.

Die leichte Baukonstruktion aus Holz konnte einseitig an das bestehende Nachbargebäude angehängt werden. „Wir haben uns für eine Holzkonstruktion entschieden, weil Holz als nachwachsender Rohstoff grundsätzlich nachhaltiger ist als konventionelle Baustoffe wie Beton oder Stahl, die unter einem hohen Energieaufwand erzeugt werden müssen“, erklären die Architekten.

Alles ist hier minutiös geplant, jeder Quadratzentimeter wird optimal ausgenutzt. Bis auf das notwendige, schmale Treppenhaus hat das Gebäude keine reine Erschließungsfläche. Verglaste Decken- und Wanddurchbrüche schaffen vielfältige Blickbeziehungen zwischen den Geschossen und einen wechselnden Blick in die Stadt. Und sie lassen die Räume weit und geräumig wirken. Die Einschnitte in den Decken erzeugen nicht nur eine Offenheit, sondern auch interessante Licht- und Schattenspiele. Dieser natürliche Eindruck wird durch die in den Innenräumen verwendeten Materialien unterstützt: rohe Ziegelwände, Parkettböden, weiße Decken, Glas und sichtbare Stahlträger, die die Tragkonstruktion sichtbar machen. Das schmale Treppenhaus ist geschlossen und eher rustikal mit rohen Ziegelwänden und einer Steintreppe.

Ob zum Wohnen oder Arbeiten – alle Räume sind so konzipiert, dass sie sich verändernden Nutzerbedürfnissen flexibel anpassen können. „Bei der Entwicklung des Innenraums wollten wir vor allem, die Großzügigkeit, die konventionelle Wohnungen in der Fläche haben, indem die Räume nebeneinander angeordnet sind, in die Vertikale entwickeln“, erläutern die Planer.

Das ungewöhnliche Townhouse ist mit einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ausgerüstet. Das nicht unterkellerte Gebäude hat eine Luft-Wasser-Wärmepumpe im Erdgeschoss, die durch eine Solarthermieanlage auf dem Dach unterstützt wird. Warmwasser wird in eine Fußbodenheizung eingespeist. Diese Ausstattung ermöglicht ein angenehmes Raumklima bei niedrigem Energieverbrauch und guter Luftqualität. Wichtig war den Planern, dass der hohe energetische Standard mit einer vergleichsweise einfachen Low-Tech Lösung erreicht wurde. Sie optimierten die Anordnung der Fenster für solare Gewinne und die Ausführung der Bauteile und Anschlüsse. Auf diese Weise erreicht das Haus einen Heizwärmebedarf von 13,9 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr – das entspricht dem Passivhausstandard. „Dieser Prototyp ist kein Formel-1-Wagen, der für die Praxis eigentlich nicht einzusetzen ist, sondern es ist ein intelligenter Einsatz von derzeit verfügbarer und auch kostengünstiger Technologie“, erklärt der Architekt Hans Drexler das Konzept.

Zur Erschließung der innerstädtischen Nischen ist die Entwicklung neuer Bautypologien für die Schaffung von nachhaltigem Wohnraum in der Stadt dringend nötig. Der Prototyp des „Minimum Impact House“ geht nun in die zweite Phase: Das nächste Minihaus ist bereits in Planung. Wieder ist es eine unansehnliche Baulücke, die aufgewertet werden soll. Im Erdgeschoss befindet sich ein Kiosk, darüber erhebt sich eine Brandwand. Der Kioskbesitzer war nach der Besichtigung des Prototyps derart überzeugt von Konzept und Aussehen, dass er seinen Kiosk jetzt mit vier Mini-Apartments aufstocken lässt. Damit hat das Architekten- und Forscherteam eine weitere Zielvorgabe des Projekts zumindest in einem Fall schon erreicht: „Die Wahrnehmung der Leute, die solche Grundstücke haben, zu schärfen und einen Vorstellungsraum für solche Projekte zu eröffnen.“

Weitere Informationen:

„Minimum Impact House“ im Verlag Müller und Bussmann, 198 Seiten für 12,90 Euro.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014