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Interview

„Schnell weg vom Status Quo“

Der Architekt Werner Sobek über nachhaltiges Bauen und fehlende Innovationen.

„Schnell weg vom Status Quo“ „Schnell weg vom Status Quo“
A.T. Schäfer

Unter den Star-Planern ist Werner Sobek eine Ausnahme. ENERGLOBE.DE sprach mit dem renommierten Architekten und Ingenieur über Häuser, die bereits nach einem Tag wieder spurlos verschwinden könnten und darüber, warum Aktivhäuser besser sind als Passivhäuser.

Deutschland galt, was das ökologische, energieeffiziente Bauen betrifft, weltweit lange Zeit als Vorreiter. Ist das noch der Fall?

Werner Sobek: Deutschland hat sicher noch einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung, insbesondere was das sogenannte energieeffiziente Bauen betrifft. Hier spielen etwa die seit Jahren bestehenden und kontinuierlich verschärften (Heiz-) Energieeinsparverordnungen eine wichtige Rolle. Aber andere Länder holen deutlich auf – zum Beispiel, wenn es um das recyclinggerechte Bauen geht. Hier ist man anderswo teilweise weiter als in Deutschland.

Können Sie Beispiele nennen?

Sobek: In Singapur und Südkorea ist man im Bereich der Forschung und der ersten Umsetzung schon sehr weit, auch in China wird sehr viel Geld in ressourcenschonendes Bauen investiert. Unter ressourcenschonendem Bauen verstehe ich hier die Reduktion der eingesetzten Materialmenge bei gleichzeitiger Erhöhung der Recyclingquote. China hat auch in den nächsten Jahren einen immensen Neubaubedarf. Man hat in China erkannt, dass es nicht nur um die Einsparung von Heizenergie gehen kann, sondern um den schonenden Einsatz aller Ressourcen. Und es geht darum, für die Ressourcen, die man verbaut, bereits in der Planung ein „design for disassembly“ und ein „design for recycling“ einzubeziehen.

In China, aber auch in anderen Ländern, gibt es ganze Städte, die nach solchen Prinzipien gebaut werden sollen – manche kommen allerdings, wie Masdar City in Abu Dhabi, über das Planungsstadium nicht hinaus. Für wie realistisch halten Sie solche Pläne?

Sobek: Wir brauchen diese Städte doch dringend! Wie viele Häuser werden jeden Tag gebaut, wie viel Stadt entsteht täglich – und wie wenig Avantgarde und Innovation ist dabei! Wir gehen unter im Mittelmaß, wir kommen einfach nicht vom Fleck – weder ästhetisch noch technologisch und auch nicht in Bezug auf die Nachhaltigkeit im vollen Umfang des Begriffs.

Die Konzepte für solche Städte liegen nicht auf der Hand, weil sich die meisten Stadt- und Verkehrsplaner diesen Fragen weltweit seit mehr als 30 Jahren verschlossen haben – obwohl die Probleme, für die wir dringend Lösungen brauchen, schon seit längerem bekannt sind. Die Welt braucht viel mehr Projekte wie Masdar City. Wir müssen viel mehr ausprobieren, entwickeln, verwerfen, konzipieren, um schneller vom Status quo wegzukommen, in dem wir schon viel zu lange verharren. Dabei müssen wir auch die Möglichkeit des Irrtums akzeptieren. Veränderung und Weiterentwicklung beinhalten immer auch die Möglichkeit des Irrens.

In Deutschland gibt es bislang nur gesetzliche Vorgaben für den effizienten Umgang mit Energie – andere Ressourcen wie etwa Baustoffe bleiben außen vor. Denken Sie, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird?

Sobek: Ja, davon bin ich überzeugt. Die Automobilindustrie muss bereits heute mehr als 85 Prozent ihrer Autos recyclinggerecht gestalten, und ich bin sicher, dass auch im Bauwesen vergleichbare Forderungen seitens des Gesetzgebers kommen werden.

Das Bauwesen ist für 60 Prozent unseres Ressourcenbedarfs verantwortlich, im Bauwesen werden 80 Prozent der mineralischen Ressourcen verbraucht. In den nächsten Jahren werden wir nicht nur mit einem Anstieg der Energiepreise konfrontiert sein; auch die Rohstoffpreise werden steigen, ebenso die Kosten für die Entsorgung von Bauschutt. Letztlich wird das Deponieren von Bauschutt so teuer werden, dass dadurch eine neue Art des Bauens - auch durch die Bauherren - erzwungen werden wird. Man wird dann beispielsweise sehr viel vorsichtiger beim Einsatz von Verbundwerkstoffen wie beispielsweise Wärmedämmverbundsystemen sein. Diese bestehen heute aus vielen unterschiedlichen Materialien: aus mineralischen, organischen, aus Schäumen, die fest miteinander verklebt und deshalb nie mehr sortenrein voneinander zu trennen sind. In Zukunft werden wir Werkstoffe so einsetzen, dass wir sie wieder voneinander trennen und sortenrein recyceln können. Nur so können wir die Ressourcen- und die Abfallfrage in den Griff bekommen.

Ihre Häuser folgen dem Triple-Zero-Prinzip, das kurz gesagt bedeutet: Kein fossiler Energieverbrauch, keine Emissionen und kein Müll, der zurückbleibt. Können Sie beziffern, wie hoch die Mehrkosten für ein solches Haus sind?

Sobek: Nein, das wäre nicht seriös, dafür spielen zu viele Aspekte, wie etwa der Grad an individuellem Komfort und Luxus, den der Bauherr wünscht, eine wesentliche Rolle. Ich halte aber die Mehrkosten für ein recyclinggerechtes Haus – und ich spreche hier von echtem Recycling, nicht von der sogenannten thermischen Verwertung – für nur unwesentlich höher. Allerdings ist die Planung etwas teurer, weil sie sehr viel sorgfältiger vonstatten gehen muss. Zudem sind viele Planer mit dieser Materie noch nicht genügend vertraut; sie müssen sich erst einarbeiten und brauchen schon alleine deshalb mehr Zeit und mehr Geld. Aber ich bin sicher, dass es keine zehn Jahre mehr dauern wird, bis ein „design for disassembly“ und ein "design for recycling" völlig selbstverständlich sind.

Viele Menschen, die heute besonders energiesparend bauen wollen, bauen ein Passivhaus. Was halten Sie davon?

Sobek: Das Passivhaus in seiner "Reinform" hatte – ich wiederhole: hatte – seine Berechtigung, als man die heute möglichen Aktivhauskonzepte noch gar nicht denken konnte. Es hatte seine Berechtigung, um einen ersten Schritt zu tun – auf den leider kein zweiter gefolgt ist. Ein Passivhaus ist ein Gebäude, das nicht auf die Veränderungen des Außen – Sonne, Regen, Sommer, Winter – und auf die Veränderungen des Innen – es ist niemand da, es sind viele Menschen im Haus – reagieren kann. Es versucht, alle klimatischen Eventualitäten und Veränderungen im Innen und im Außen mit einer Gebäudehülle, deren physikalische Eigenschaften konstant sind, abzudecken. Das ist - wissenschaftlich gesehen - ein per se suboptimaler Ansatz.

Ein Aktivhaus – diesen Begriff habe ich vor bereits zehn Jahren geprägt und ich baue auch nur Aktivhäuser – hat dieses Handicap nicht, weil es die Veränderungen im Innen- und im Außen berücksichtigt und aktiv darauf reagiert. Je nach Bedarf kann es beispielsweise mehr oder weniger Wärme ins Haus hinein lassen, kann Energie speichern oder abgeben, kann die Lüftung und die Heizung anpassen etc. pp. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich dieses Konzept bald flächendeckend durchsetzen wird. Damit wird das Passivhaus in seiner bisherigen Form durch das Aktivhaus abgelöst werden.

Bestehende Gebäude benötigen etwa dreimal soviel Heizenergie wie Neubauten. Wie kann man diese Bauten energieeffizienter gestalten – ohne auf die von Ihnen kritisierten Wärmedämmverbundsysteme zurückzugreifen?

Sobek: Auch hier führt kein Weg am Aktivhaussystem vorbei; mit Passivhaustechnologien allein bekommt man das Problem nicht in den Griff. Erstens zerstört eine 10 bis 25 Zentimeter dickes Wärmedämmsystem die architektonische Erscheinungsform vieler Gebäude (auch die von nicht denkmalgeschützten). Zweitens ändert sich durch solch eine nachträglich aufgebrachte Dämmung auch das Wasserdampf-Diffusionsverhalten. Das kann bei einem unzureichenden Lüftungsverhalten zur Kondensat- bis hin zur Schimmelpilzbildung an den Innenwänden führen.

Derartige Probleme entstehen nicht, wenn man mit aktiven Systemen arbeitet. Diese messen die Feuchtigkeit in der Luft der Wohnung und führen gegebenenfalls eine gezielte Durchlüftung herbei - idealerweise dann, wenn der Bewohner gerade nicht da ist. Darüber hinaus kann man mit einem derartigen Steuerungssystem – das technologisch sehr viel simpler funktioniert als etwa ein Handy – auch das thermische Verhalten einer Wohnung oder eines Hauses steuern, indem zum Beispiel die Temperatur automatisch abgesenkt wird, wenn man das Haus verlässt. Damit lässt sich sehr viel Energie einsparen.

Zur Person:

Werner Sobek (Jg. 1953) ist Architekt und beratender Ingenieur. Sein 1992 gegründetes Büro mit mehr als 200 Mitarbeitern arbeitet weltweit und hat Niederlassungen in Stuttgart, Dubai, Frankfurt, Istanbul, Kairo, Moskau, New York und Sao Paulo. Werner Sobek leitet das Institut für Leichtbau Entwerfen
und Konstruieren an der Universität Stuttgart und ist Mies van der Rohe Professor am Illinois Institute of Technology in Chicago.

Werner Sobek im Netz: www.wernersobek.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014