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Ökoeffizienz

Intelligent verschwenden

Michael Braungart propagiert mit seinem Designkonzept Cradle to Cradle die intelligente Verschwendung.

Intelligent verschwenden Intelligent verschwenden
Uptown Verlag, Michael Pasdzior

Ein Leben ohne Müll – das ist die Vision von Michael Braungart. Seit den 1980er Jahren berät der Umweltchemiker und Materialforscher Unternehmen darin, ihre Produkte so zu konzipieren, dass diese wiederverwertbar oder kompostierbar sind. So entstehen Produkte – die nach dem Vorbild der Natur – in Stoffkreisläufen funktionieren. Eine Ausstellung in Berlin präsentiert noch bis zum März 2010 die Möglichkeiten des Konzepts Cradle to Cradle („Von der Wiege bis zur Wiege“). Mit ENERGLOBE.DE sprach Michael Braungart über essbare Möbelstoffe, Sado-Maso-Gelüste und die Kraft der Schönheit.

Herr Braungart, wofür steht Cradle to Cradle?

Michael Braungart: Cradle to Cradle ist ein Designkonzept, welches den menschlichen Fußabdruck feiert. Es geht nicht darum, weniger schädlich zu sein, sondern nützlich zu sein. In diesem System geht alles in biologische oder technische Kreisläufe zurück. Cradle-to-Cradle-Produkte etwa werden auf ihren gesamten Lebenszyklus hin entwickelt. Voraussetzung ist, dass sie sich in ihre Bestandteile zerlegen lassen und so zum Rohmaterial für andere Folgeprodukte werden können. Das funktioniert bei einem Fernseher wie bei einem T-Shirt. Dadurch entstehen viel schönere Produkte. Und es gibt keinen Müll mehr.

Das klingt doch sehr gut. Warum hat sich das Prinzip noch nicht auf einer breiten Ebene durchgesetzt?

Braungart: Besonders in Deutschland definieren wir Umweltschutz als ein „weniger kaputtmachen“. Wenn wir sagen: „Schütze die Umwelt“ sagen wir damit auch: „Fahre weniger Auto, spare Wasser, mache weniger Müll.“ Damit schützen wir die Umwelt aber gar nicht, wir zerstören sie nur etwas weniger. Das wäre so ähnlich, wie wenn wir sagen: „Schütze dein Kind schlage es nur drei Mal, anstatt fünf Mal.“

Wir haben diese „weniger-schlecht-Mentalität“ praktisch perfektioniert. Wir haben das ganze Land mit Müllverbrennungsanlagen überzogen, und jetzt müssen wir diese Anlagen unbedingt füttern. Eine Änderung der Stoffkreisläufe ist so nicht möglich, denn der Müll brennt nur, wenn Papier und Kunststoff drin sind. Deshalb bleibt man bei einer bestehenden „weniger-schlecht-Methode“ zu lange. Auch wenn sie nicht sinnvoll ist.

Sie propagieren die „intelligente Verschwendung“. Ist das in einer Zeit, in der alle über Einsparungen, Energieeffizienz und Downsizing reden, nicht ziemlich gewagt?

Braungart: Wir haben in Deutschland das Vermeiden und das Schuldmanagement perfektioniert. Die Natur lehrt uns aber etwas anderes. Sie produziert in Hülle und Fülle, aber alles steht in einem Kreislauf und erfüllt einen bestimmten Zweck. Die Erde hat mindestens 10.000 mal mehr Energieeintrag als wir brauchen. Wir könnten also durchaus verschwenderisch mit ihr umgehen, wenn es nur intelligent geschehen würde.

Warum ist das Konzept in den Niederlanden so erfolgreich?

Braungart: In Holland hat sich Cradle to Cradle ausgebreitet wie ein freundlicher Tsunami. Dort pflegt man eine Kultur der Unterstützung, nicht der Kontrolle. Holland baut sich gerade selbst um. Die Regionen etwa um Maastricht oder Limburg, sind Cradle-to-Cradle-Regionen. Jede öffentliche Beschaffung wird nach unserem Konzept durchgeführt. Die Menschen dort brauchen keine Gesetze dafür, weil ihnen die Vorteile einleuchten. Es gibt bereits Untersuchungen, die belegen, dass die Krankheitsrate in Cradle-to-Cradle-Betrieben um 30 Prozent gesunken ist, weil die Leute plötzlich stolz sind, dort zu arbeiten. Holland eignet sich hervorragend als Blaupause für unser industrielles System.

Es gibt mittlerweile schon über 600 Cradle-to-Cradle-Produkte.

Braungart: Ja und es werden immer mehr. Beispielsweise Teppichböden, die die Luft reinigen. Also Teppiche, die nicht weniger stinken, sondern einen wirklichen positiven Effekt für das Gebäude und die Menschen haben. Es gibt auch Farben und Beton, die die Luft reinigen. Und Bezüge für Möbel, die man essen kann.

Auf der Expo in Shanghai wurde im deutschen Pavillon ein T-Shirt ausgestellt, dass kompostierbar ist. Wie kann man Verbraucher ermuntern, auf solche Produkte umzusteigen?

Braungart: Wir sind für die meisten Dinge keine Verbraucher, wir nutzen ja meist alles nur in einem begrenzten Rahmen. Die Kompostierung ist nur das Minimum. Ich bin schon kompostierbar, wenn ich auf die Welt komme. Das ist keine besondere Leistung. Es geht darum, alle Dinge so zu machen, dass sie nützlich sind. Wenn ein Produkt durch Cradle to Cradle teurer wird, dann ist daran etwas falsch. Dann sind vielleicht die Stückzahlen noch zu gering. Insgesamt sind Cradle-to-Cradle-Produkte 20 Prozent billiger, denn sie brauchen keine nachgeschalteten Kläranlagen oder Verbrennungsanlagen für Sondermüll, der Arbeitsschutz und die Lagerhaltung ist einfacher. Allerdings gilt auch: Ein T-Shirt, dass aus Baumwolle hergestellt wird, ist dann wirklich aus Baumwolle. Heute besteht ein normales T-Shirt, wo Baumwolle draufsteht, nur zu 70 Prozent aus Baumwolle, der Rest wird durch billige Chemieharze ersetzt.

Gebäude sind für zwei Drittel des weltweiten Energie- und Materialeinsatzes verantwortlich. Liegen hier nicht auch große Potenziale?

Braungart: Sie haben recht, das ist bei weitem der wichtigste Bereich überhaupt. Darum ist die Architektur und Landschaftsplanung entscheidend dafür, wie die Zukunft aussehen wird. Es geht uns ausdrücklich nicht um grüne Architektur, das ist wieder nur eine kleine Nische. Uns geht es um gute Architektur.

Es geht uns auch nicht um Passivhäuser. Also wenn Sie persönlich Sado-Maso-Gelüste haben und gerne ausgepeitscht werden, dann ist vielleicht ein Passivhaus genau das Richtige für Sie. Aber ich möchte aktiv an meiner Umwelt mitwirken. Und das Erste in einem Gebäude ist die Innenraumluft. Statt also das Gebäude zu versiegeln, um noch etwas mehr Energie zu sparen, sollte man sich zuerst überlegen, was eine gesunde Innenraumluft ist.

Jetzt gibt es Recyclingmaterialien, bei denen alte PVC-Böden in neuen Teppichböden verarbeitet werden. Das heißt nichts anderes, als das die Schwermetalle und die Weichmacher aus dem Ursprungsprodukt auch in dem neuen Produkt zu finden sind – und Menschen zum Beispiel unfruchtbar machen können. Und das nennt sich dann grüne Architektur. Mir geht es um Qualität, und es geht mir um Schönheit. Ein Produkt, dass krank macht, ist nicht schön. Ein Haus, dass die Natur zerstört, ist nicht schön.

Deshalb verankern wir positive Elemente in unserer Architektur, um zu zeigen, wie Cradle to Cradle aussieht. In jedes dieser Gebäude packen wir aber nicht mehr als vier bis fünf Cradle-to-Cradle-Elemente, weil das Bauen sonst zu lange dauert. Beispielsweise verbauen wir Badefliesen, die man leicht wieder abnehmen kann. So bleibt die Umgebung variabel und man kann den Menschen das Gefühl geben, dass sie nichts verpassen, dass sie in ihren vier Wänden nicht einzementiert sind. Architektur ist ein Lebensgefühl und kann viel dazu leisten, dass sich die Menschen auch wirklich wohlfühlen.

Weitere Informationen:

Bis zum 16. März 2010 findet in Berlin das Cradle-to-Cradle-Festival „The Next Industrial Revolution – Blueprint Netherlands“ statt. Informationen zum Programm und den Ausstellern auf www.cradletocradlefestival.com.

Ein Interview mit Michael Braungart erschien im Februar 2010 bei Uptown: www.uptown-online.de.

Die Homepage von Michael Braungart informiert ausführlich über Cradle to Cradle: www.braungart.com.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014