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Buchmesse

Investieren in Cancún

Viele Neuerscheinungen im Herbst widmen sich den Themen Energie und Klima. Überraschungen sind nur wenige dabei.

Investieren in Cancún Investieren in Cancún
energlobe.de, Denny Rosenthal

Wie sieht der Energiemix aus in 2020, 2030 oder 2050? Und wie lautet die Reiseroute dahin? Das energlobe.de-Resümée der Frankfurter Buchmesse zeigt: Seit die Energiedebatte global hochkocht, kommen auch die Fachautoren ohne Jahreszahlen oder Aktionspläne kaum mehr aus.

Revolutionäre Thesen enthielten die gedruckten „Maßnahmenbündel“, die auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt wurden, zwar nicht. Doch immerhin ein Titel war für eine Überraschung gut. Denn während sich fast alle Klimaexperten von Nicholas Stern bis hin zu Ottmar Edenhofer einig sind, dass ohne einen Global Deal und weltweiten Emissionshandel der Klimawandel schlicht nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, tanzt einer aus der Reihe. Der Mathematiker und langjährige Grünen-Politiker Karl-Martin Hentschel behauptet in seinem neuen Buch „Es bleibe Licht“: Ein Weltklimaabkommen wäre sicher wünschenswert, ist aber gar nicht nötig.

Blumenstrauß von Alternativen

Um mit seinem Buchmessepublikum bei einer Diskussionsrunde über diese These zu debattieren, brachte er den Desertec-Aufsichtsratsvorsitzenden Max Schön mit auf das Podium. Der ist nebenbei auch Präsident der deutschen Sektion des Club of Rome – und begreift die Post-Kopenhagen-Depression lieber als Chance für neue Lösungswege. Schön zitiert aus diesem Anlass gerne den US-Ökonomen Dennis Meadows: „In Kopenhagen ist eine Hoffnung gestorben, nämlich die Hoffnung, die da oben werden es schon richten.“ Stattdessen, so Schön, müsse die Zivilgesellschaft der Treiber für die neue globale Gesellschaft sein. Wie sie das schaffen kann, ist in Hentschels rund 300 Seiten dickem „Reiseführer“ ins Jahr 2050 nachzulesen. Strom aus der Wüste ist dabei nur ein Aspekt von vielen in Hentschels „Blumenstrauß von Alternativen“, wie er es selbst bezeichnet. Die zentrale Botschaft des Buches lautet: Deutschland und Europa müssen als gutes Vorbild vorangehen, um Groß-Emittenten wie China später mitreißen zu können. 

Grüner Kapitalismus

Mit Klimagipfeln hat auch Tadzio Müller so seine Erfahrungen. Der Politologe und Climate-for-Justice-Aktivist hatte zuletzt von sich reden gemacht, als er als einer der führenden Köpfe des Protests gegen den UN-Klimagipfel in Kopenhagen verhaftet worden war. Sein Buch „Grüner Kapitalismus“, das bereits 2009 erschien, ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, doch für Müller war die aktuell brodelnde Energie- und Ökodebatte Anlass genug, um seinen linken Aktionsplan für mehr Klimagerechtigkeit bei einer Lesung im Café ExZess in der Frankfurter City weiter unter das Volk zu bringen.

Rot-Grün hat dominiert

Überhaupt war die Dominanz der Autoren vom rot-grün orientierten Lager – zumindest in Bezug auf die Energiethemen – nicht zu übersehen. Während Tadzio Müller seine externe Lesung von der Rosa-Luxemburg-Stiftung sponsern ließ, war das druckfrische Buch „Für den Fortschritt. Industriepolitik für das 21. Jahrhundert“ des Gewerkschafters Michael Vassiliadis auf dem Stand des Vorwärts-Verlages zu finden. Schade nur, dass der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie und Energie kurzfristig erkrankte und damit die Chance verpasste, sein Maßnahmenpaket für das 21. Jahrhundert – Energie ist darin ein zentraler Aspekt – auf dem hochfrequentierten Podium zu präsentieren, wo Vorwärts seine Autoren im Akkord inszenierte. Im Buch selbst kann man dafür nachlesen, dass Vassiliadis sich ausdrücklich gegen die weit verbreitete These ausspricht, ohne Kernkraft könne man die Klimaschutzziele nicht erreichen. Für die Vision, bis 2050 auf 100 Prozent Erneuerbare umstellen zu können, hat er aber auch nicht viel übrig. Bis dahin und wahrscheinlich noch um einiges länger, müsse man stattdessen in klimafreundliche Kohlekraftwerke, sprich CCS-Technologie, investieren.

In Asien weht der „Wind of Change“

Von CCS sehr angetan ist auch die Energieexpertin Xiaodong Wang, Autorin der Studie „Winds of Change – East Asia’s Sustainable Energy Future“. Wang publiziert im Verlag der Washingtoner Weltbank, deren ursprüngliche Aufgabe es einmal war, den Wiederaufbau der vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Staaten zu finanzieren. Inzwischen hat sich das Finanzinstitut auf die Fahne geschrieben, die Umsetzung internationaler Entwicklungsziele durch wissenschaftliche Aufklärungsarbeit voranzutreiben. Wangs Studie fokussiert auf Energieeffizienzziele speziell für die Länder China, Vietnam, Thailand, die Philippinen, Indonesien und Malaysia. Für die Weltbank hat der Titel laut Eigenaussage Flagschiff-Charakter. Nicht zuletzt vermutlich, weil Wang errechnet hat, wieviel Geld die reichen Industriestaaten in den kommenden beiden Jahrzehnte ausgeben müssten, um in den betreffenden Ländern Know-How zu schaffen sowie den Auf- und Ausbau Erneuerbarer Energien voranzutreiben: 80 Milliarden US-Dollar. Klingt vergleichsweise moderat, bezieht sich aber auch nur auf obengenannte sechs Länder. Hypothetisch gesprochen: Afrika, Indien und Südamerika bei einer Umsetzung von Wangs Finanzierungsmodell gleichzeitig außen vor zu lassen, würde sofort eine Gerechtigkeitsdebatte entfachen. Insofern werden Wangs Studienergebnisse so schnell keinen Einfluss auf die Realität haben. Es lohnt also weiterhin, Spannung in den nächsten Klimagipfel in Cancún zu investieren.

Weitere Informationen:

Demnächst finden Sie auf energlobe.de in der Rubrik „Publikationen“ detaillierte Informationen über Buchtitel zu Energiethemen.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014