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Ernährung

Revolution auf dem Acker

Interview mit der indischen Umweltaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva.

Revolution auf dem Acker Revolution auf dem Acker
ENERGLOBE.DE/ Denny Rosenthal

Vandana Shiva ist Umweltaktivistin der ersten Stunde. Bereits in den 70er Jahren engagierte sie sich in der indischen Umweltbewegung Chipko für den Schutz der Wälder. Shiva gilt als Expertin für eine nachhaltige Landwirtschaft und kämpft für ein neues Demokratie- und Wirtschaftsmodell. Mit ENERGLOBE.DE sprach die vom Time Magazine als Heroe of the Century ausgezeichnete Bürgerrechtlerin über die Unruhen in den arabischen Ländern und erläutert wie Bio-Lebensmittel zu günstigen Preisen hergestellt werden können.

BSE, die Vogel- und Schweinegrippe sowie Dioxin in Tierfutter erschüttern das Vertrauen in die Nahrungsmittelindustrie. Kann die nachhaltige Landwirtschaft von den Lebensmittelskandalen profitieren?

Vandana Shiva: Es ist an der Zeit, dass die Menschen sich für die Herstellung ihrer Lebensmittel aktiv einsetzen. Der größte Fehler im System ist, dass Industriekonzerne die Lebensmittelproduktion beherrschen und sie die Landwirtschaft zu einem Handelsgut auf spekulativen Finanzmärkten gemacht haben.

Wir leben in einer Lebensmittel-Blase, in der sich die Armen ihre Nahrung nicht mehr leisten können. Die Revolutionen im Mittleren Osten belegen das: Die Menschen gingen nicht nur gegen Mubarak auf die Straßen, sondern auch wegen der Arbeitslosigkeit und weil sich die Preise für Brot und Gemüse verdoppelt hatten.

Die konventionelle Landwirtschaft verursacht zudem klimaschädliche Treibhausgase ...

Shiva: So ist es. Auf die konventionelle Landwirtschaft entfallen 40 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Sie ist auch für einen enormen Wasser- und Energieverbrauch verantwortlich. Sie benötigt mehr Ressourcen, als sie produziert. 

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima und eine starke Protestbewegung haben den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie beschleunigt. In Spanien und den arabischen Ländern wie Ägypten und Syrien kämpfen die Menschen für ein neues Demokratieverständnis. Leben wir in einer Zeit, in der sich tatsächlich etwas verändern könnte?

Shiva: Ob in den industrialisierten Nationen oder den aufstrebenden Schwellenländern – die Menschen begreifen, dass sie die gleichen Probleme haben. Sie verlangen gesunde Lebensmittel und eine Landwirtschaft sowie Tierhaltung, die die natürlichen Ressourcen nicht schonungslos ausbeutet. Der Klimawandel ist eine reale Bedrohung, die überall spürbar wird. In den 80er und 90er Jahren erlebten Afrika und Indien einen Strukturwandel ihrer vorherrschenden Systeme zugunsten globaler Industriekonzerne. Nun trifft der Strukturwandel Länder wie Griechenland, Portugal oder Irland und somit das Herz Europas. Gleiches gilt für die arabischen Länder, in denen es niemand es für möglich gehalten hätte, dass ein solcher Umbruch überhaupt möglich ist.

Die Menschen haben an das klassische Demokratieverständnis geglaubt, an eine Demokratie von den Menschen für die Menschen. Nun spürt eine wachsende Masse immer mehr, dass ihre gewählten politischen Vertreter ihre Mandate nicht erfüllen. Überall wird den Menschen klar: Hier läuft etwas falsch.

Was hat das mit einer nachhaltigen Landwirtschaft zu tun, für die Sie sich einsetzen?

Shiva: Wenn sich in diesen Ländern ein Großteil der Bevölkerung gegen die Atomenergie ausspricht und dennoch neue Kraftwerke gebaut werden oder auf die Straßen geht, um gegen die Arbeitslosigkeit zu demonstrieren, ihre Regierungen aber Unmengen von Geld in die Rettung von Banken investieren, kippt das Vertrauen in das politische System. In jüngster Zeit sind zwei Ereignisse aufeinander geprallt: Erstens wurde offensichtlich, dass Regierungen weltweit mehr um das Wohl der Industrie und Kapitalmärkte besorgt sind, als um das der Bevölkerung.

Zweitens zeigen die Ereignisse in vielen Ländern, dass die Menschen sich über ihre Rolle als globale Konsumenten bewusst werden. Ein Arbeiter bei General Motors etwa hat ein gutes Leben, solange es dem Unternehmen gut geht. Eine Pleite des Konzerns aber würde den Menschen in der Detroiter Region die Arbeitslosigkeit bringen. Deshalb ist ein neues Beschäftigungsmodell erforderlich, um sichere Jobs und stabile Lebensgrundlagen zu gewährleisten. Hier könnte die Landwirtschaft für viele eine Lösung sein, denn Lebensmittel müssen in Zukunft ohne lange Transportwege zu den Menschen gelangen.

Wäre das denn möglich – Bio-Lebensmittel für alle?

Shiva: Natürlich. Zwar beherrscht noch immer der Mythos die Debatte, das Bio-Lebensmittel nicht ausreichend für die gesamte Weltbevölkerung produziert werden könnten. Das ist schlichtweg falsch. Bio-Lebensmittel sind nicht teurer als ihre Pendants aus konventioneller Erzeugung, weil ihre Produktion aufwendiger ist. Das größte Problem sind die Markthemmnisse für Bio-Produkte. Für Bio-Hersteller entstehen enorme Kosten, weil sie ihre Waren nur mit Labels und Zertifizierungen auf den Markt bringen können. Ständig müssen sie ihre Produktqualität in teuren Verfahren nachweisen.

Die Hersteller konventioneller Lebensmittel müssen ihre Produktionsprozesse, die unter großem Einsatz chemischer Stoffe ablaufen, nicht offenlegen. Auf industriell hergestelltem Käse steht nicht, dass die eingesetzte Chemie Krebs erzeugen und uns krank machen kann. Diese Unternehmen müssen auch nicht kenntlich machen, dass sie ihre Produkte nur aufgrund staatlicher Subventionen zu solch niedrigen Preisen anbieten können.

Um welche Kosten handelt es sich konkret?

Shiva: In meinem Forschungsinstitut haben wir herausgefunden, dass 40 bis 50 Prozent der Ausgaben, die bei der Produktion von Lebensmitteln entstehen, auf Transportkosten, den Ausbau der Infrastruktur, Pachtkosten, Düngemittel und Saatgut zurückzuführen sind. Diese Kosten könnten mit ökologischer Landwirtschaft drastisch sinken. Die konventionelle Landwirtschaft wird in den reichen Industrieländern mit rund 400 Milliarden US-Dollar subventioniert, ohne den Menschen wirklich zu nützen.

Wenn mehr Menschen in der lokalen Landwirtschaft Arbeit finden, werden biologisch angebaute Lebensmittel für jedermann zugänglich, sie können dann günstig hergestellt werden. Darum ist ein Umdenken so wichtig. Wir brauchen eine Revolution: Bio-Lebensmittel sind auf lange Sicht die günstigere und gesündere Alternative für Mensch und Natur.

Vandana ShivaZur Person:
Vandana Shiva, indische Umweltaktivistin und Bürgerrechtlerin, wurde in Dehradun am Fusse des Himalaya geboren. Shiva studierte Philosophie und Physik und promovierte an der Universität of Western Ontario mit einer Arbeit über Quantenphysik. Auf eine akademische Laufbahn verzichtet sie und widmet sich dem Kampf gegen Landraub und Gentechnologie. Hierfür gründet Shiva 1982 ein Forschungszentrum – die Research Foundation for Science, Technology and Ecology. Für ihren Einsatz für die Rechte der Frauen in der Landwirtschaft erhielt sie 1993 den Alternativen Nobelpreis. Sie ist Vorsitzende im International Forum on Globalization sowie Mitglied des Club of Rome und Weltzukunftsrates.

Weitere Informationen:
Webseite der von Vandana Shiva gegründeten „Research Foundation for Science, Technology and Ecology“: www.navdanya.org

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014