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Energieverbrauch

Tanken mit der CO₂-Kreditkarte

Privathaushalte sollten am Emissionshandel teilnehmen, fordern Experten.

Tanken mit der CO₂-Kreditkarte Tanken mit der CO₂-Kreditkarte
energlobe.de, Maud Radtke

Tanken mit der CO2-Kreditkarte

Zehntausend Tonnen Kohlendioxid lagert Stefan Wobst aus Solingen in seinem Zuhause. Dafür hat der Druckereiunternehmer sogar 2.500 Euro bezahlt. Zum Glück handelt es sich nur um harmlose Papiere: CO2-Zertifikate aus dem Europäischen Emissionshandelssystem (ETS). Sie berechtigen Wobst dazu, die entsprechende Menge des gefährlichen Treibhausgases in die Atmosphäre zu blasen. Ursprünglich habe er mit der ungewöhnlichen Ökoaktion nur das Klima schützen und nicht Geld verdienen wollen. Indem er die Emissionsrechte kaufte und vom Markt nahm, sind sie für andere potenzielle Luftverschmutzer gesperrt. Doch womöglich zahlt sich die Investition für Wobst auch finanziell aus.

Klimakonto für Jedermann

Denn zahlreiche Experten rechnen fest damit, dass die Bürger über kurz oder lang in den Emissionshandel einbezogen werden, wenn Europa seine hochgesteckten CO2-Reduktionsziele erreichen will. „Wir werden einen größeren Beitrag der privaten Haushalte einfordern müssen, aber die Politik möchte ihnen nicht wehtun“, sagt Professor Bernd Meyer von der Universität Osnabrück, ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesumweltministerium. Klimaforscher Olav Hohmeyer, deutscher Vertreter im UN-Weltklimarat, fordert ein Klimakonto für jeden einzelnen Menschen. „Vielleicht ist es schon 2015 so weit“, unterstützt der Energieexperte Klaus-Dieter Clausnitzer vom Bremer Energie Institut diese Idee.

Momentan erfasst der Emissionshandel nur rund 12.000 Unternehmen, die lediglich für knapp die Hälfte der Emissionen in der EU verantwortlich sind. Falls auch der Privatsektor herangezogen würde, hätte Stefan Wobst preiswert vorgesorgt, weil er nur 25 Cent pro Zertifikat bezahlt hat. Aktuell kostet eine Tonne CO2 im ETS rund 15 Euro. Langfristig könnten die Preise sogar auf 50 bis 100 Euro steigen.

Möglichkeit zum Geldverdienen

„Private Carbon Trading“, also privater Emissionshandel, funktioniert grundsätzlich wie der Handel zwischen Unternehmen. Das Prinzip: Die Politik deckelt die gesamte Kohlendioxidmenge und weist jedem Bürger eine Höchstgrenze in Form von CO2-Emissionen zu. Sie werden auf einer persönlichen Chipkarte verbucht und beim Bezahlen eingelöst. Wer mehr verbraucht als ihm zusteht, kann Zertifikate an eigens dazu eingerichteten Börsen zukaufen. Solange es Teilnehmer gibt, die mehr sparen wollen als andere, existiert ein reger Handel zwischen den Akteuren.

Wer sich daran nicht beteiligen will, verkauft seine Zertifikate einfach und bezahlt beim Kauf einzelner Güter für das bei der Produktion entstandene Kohlendioxid. In diesem Fall stehen den Einnahmen aus dem Verkauf höhere Ausgaben für Energie gegenüber. Gegenüber einer CO2-Steuer bietet der Emissionshandel entscheidende Vorteile: Ein festes Reduktionsziel kann festgelegt werden. Der Verbraucher spart nicht nur Energie, sondern verdient auch noch Geld. Im Gegensatz dazu hat die Ökosteuer auf Benzin nicht dazu geführt, dass die Menschen weniger tanken.

System birgt Gerechtigkeitslücke

Die Bundesregierung unter Angela Merkel ist beim privaten Emissionshandel bereits weit vorausgeeilt. Als erste Regierungschefin eines G8-Staates hat die Kanzlerin den Aspekt einer globalen Klimagerechtigkeit betont. Nach Merkel müssen die Begrenzungen der Treibhausgasemissionen letztlich darin enden, dass künftig jedem Menschen das gleiche Recht zur Emission von Treibhausgasen zusteht. Dessen Höhe richtet sich nach wissenschaftlichen Erwägungen. Doch darin liegt das größte Problem: Der private Emissionshandel birgt eine Gerechtigkeitslücke.

Schließlich gibt es Menschen, die zum Wohlfühlen mehr Energie benötigen: vor allem Bewohner kälterer Regionen, Alte, Kranke oder Alleinstehende. Wer im Gebirge wohnt verbraucht mehr Kraftstoff für sein Auto als auf dem flachen Land. Er emittiert daher eine größere Menge CO2. Eine faire Allokation müsste daher eine ungleiche Verteilung von CO2 zur Folge haben. In der Praxis ist jedoch äußerst schwierig zu bestimmen, wem wieviel zusteht.

Probleme mit der Abrechnung

Ein weitere Hürde ist die Abrechnung und Überwachung. Sämtliche Verkehrsbewegungen, jeder Konsum von Lebensmitteln und jeder Kauf von Textilien verursacht Treibhauskosten und müsste über das CO2-Konto abgerechnet werden. Die lückenlose Kontrolle aller Bürger ist allerdings eine Horrorvorstellung für Datenschützer. Sie ist freilich wegen der Fülle benötigter Informationen auch schlicht unmöglich.

Wegen des immensen administrativen Aufwands sind die Staaten bislang so zögerlich. In Deutschland gibt es trotz Merkels Anregung keine konkrete Gesetzesinitiative. Private Haushalte in den Emissionshandel einzubinden war zwar schon die Forderung Großbritanniens und Schwedens bei früheren Klimaschutzverhandlungen. Letztlich wurde der Emissionshandel aber zunächst nur für große Industriebetriebe und Kraftwerksbetreiber zur Pflicht, weil es hier eine überschaubare Anzahl großer Emittenten gibt.

Erste Pilotprojekte

Dennoch halten Experten es für praktikabel, den privaten Verbrauch von Strom, Wärme und Treibstoffen einzubeziehen. In einem Modellprojekt im niedersächsischen Emsland proben Privatleute seit Sommer 2006 den Handel mit CO2-Zertifikaten. Wenn sie in Energiesparmaßnahmen investieren, etwa eine Solaranlage oder Wärmedämmung, bekommen sie vom Versorger EWE für jede eingesparte Tonne Kohlendioxid ein Emissionszertifikat im Nennwert von 20 Euro ausgezahlt. Die von allen Haushalten eingesparte Menge kann sich EWE dann im europaweiten Zertifikatehandel anrechnen lassen. Die Idee zu dem Projekt wurde mit dem Bremer Energie Institut entwickelt und auf der UN-Klimakonferenz 2008 im polnischen Posen vorgestellt.

Das Modellprojekt EmSAG (Emissionsankauf durch Schornsteinfeger für energetische Verbesserungen in Anlagentechnik und der Gebäudehülle) von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Umweltallianz Hessen lief bis 2008 nach dem gleichen Prinzip. Schornsteinfeger fungierten hier als Energieberater und Bindeglied zwischen Privathaushalt und Klimabörse. Schornsteinfeger gelten gemeinhin als Glücksbringer. Vielleicht werden die Männer in Schwarz tatsächlich irgendwann das Klima retten.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014