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Serie: Expo 2010

„China hat nicht vor, kürzer zu treten“

Peter Head von der Ingenieurfirma ARUP sollte Asiens erste Ökostadt bauen, doch die Bagger stehen still

„China hat nicht vor, kürzer zu treten“ „China hat nicht vor, kürzer zu treten“
energlobe.de, Maud Radtke

Peter Head leitet das internationale Planungsteam für ganzheitlichen Urbanismus beim renommierten Ingenieur- und Designfirma ARUP. Der Bauingenieur gehört zu den weltweiten anerkannten Experten im Brückenbau. Der Engländer, der vom Time Magazine zum Öko-Helden erklärt wurde, lebt und arbeitet in China.

energlobe.de sprach mit Head über die größte Wärmepumpe der Welt, Ökostädte vom Reißbrett und Chinas euphorische Aufbruchstimmung.

Ihr Unternehmen hat nicht nur den Wettbewerb für die Gesamtplanung des Expo-Geländes in Shanghai gewonnen, Ihre Ingenieure haben auch an der baulichen Umsetzung von fünf Länderpavillons mitgewirkt. Inwiefern sind Sie dabei dem Leitspruch der Weltausstellung "Better City – Better Life" gefolgt?

Peter Head: Alle Pavillons mussten spezifische „grüne“ Anforderungen seitens der Shanghaier Regierung einhalten. Die ganze Expo sollte so weit es geht emissionsfrei ausgerichtet werden. Um die CO2-Bilanz niedrig zu halten, haben wir Erneuerbare Energien ebenso eingesetzt wie Energiesparmaßnahmen beim Bau des Geländes und der Pavillons. Wir haben eine Infrastruktur implementiert, in der beispielsweise gefiltertes Regenwasser für die sanitären Anlagen genutzt wird. Herzstück ist jedoch eine Wärmepumpe, die im Huangpo-Fluß in 35 Metern Tiefe installiert ist. Sie ist die derzeit größte Geothermie-Wärmepumpe der Welt und liefert kühles Wasser für die Klimatisierung der Pavillons und großen Veranstaltungsgebäude auf dem gesamten Expo-Gelände. Da ein Großteil der Gebäude nach der Expo abgerissen wird, mussten beispielsweise die Architekten die Länderpavillons so konstruieren, dass ein Großteil der Baumaterialien recycelbar ist. Eine natürliche Lüftung durch ausgeklügeltes Fassadendesign war ebenfalls erwünscht, damit haben wir unter anderem die Pavillons von Dänemark, Korea, China, Singapur und Großbritannien ausgestattet.

Nachhaltiges Bauen erfordert qualifiziertes Personal. Welche Erfahrungen haben Sie mit den chinesischen Bauarbeitern gemacht?

Head: Die Inder haben für die Expo das größte Bambushaus der Welt errichtet. Und ich weiß, dass die Architekten wegen mangelnder Fachkräfte viele Hindernisse zu überwinden hatten. Aber die chinesischen Bauarbeiter lernen schnell. Ich bin eigentlich Brückeningenieur und weiß wie die Chinesen in diesem Bereich aufgeholt haben: In nur fünf Jahren haben sie es bis an die Weltspitze im Brückenbau geschafft. Ich bin sicher, im Gebäudebau wird es ähnlich laufen.

China ist von einer rasanten und historisch einmaligen Urbanisierung betroffen: Laut Schätzungen werden bis 2050 350 Millionen Menschen vom Land in die Städte ziehen. Werden Megacities die Lebensorte der Zukunft?

Head: Die Meinung darüber hat sich in den letzten fünf Jahren sehr verändert. Momentan ist es so, dass die grossen Städte wie Beijing und Shanghai nicht mehr so stark wachsen; die Menschen zieht es in andere Städte. China stellt gerade fest, dass Megacities gar nicht so toll sind, weil sie nicht sehr effizient sind. Menschen, Ressourcen oder Handelsgüter müssen über große Entfernungen transportiert werden. Besser sind Städte von kleinerer oder mittlerer Größe und einer Einwohnerzahl von fünf bis sieben Millionen.

Die Stadt Dongtan unweit von Shanghai sollte die erste Ökostadt der Welt werden und sich mit Erneuerbaren Energien versorgen, über ein integriertes Wassermanagement verfügen und komplett nachhaltig wirtschaften. Sie waren für die Planung der emissionsfreien Stadt verantwortlich. Warum wurde das Projekt gestoppt?

Head: Für Städte, die am Reißbrett entstehen, braucht es Zeit. Es ist ein langwieriger Prozess. Vielleicht war es zu viel Innovation auf einmal. Ich denke trotzdem nicht, dass dies das Ende für Dongtan bedeutet. China braucht Städte, die quasi emissionsfrei wirtschaften. Ich hoffe, wir können bald weitermachen.

Der Bauboom in China hält seit Jahren unvermindert an. Woher sollen zukünftig die Rohstoffe kommen?

Head: Das Ressourcenproblem ist schon lange auf der politischen Agenda in Beijing. Ob Öl, Edelmetalle, Aluminium, Stahl oder fossile Energieträger wie Kohle – China muß viel importieren. Die enormen Baumaßnahmen verschlingen große Mengen an Material. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, gibt es irgendwann keine Ressourcen mehr, mit denen man weitermachen kann. Und es sieht ganz so aus, als hätte China nicht vor, kürzer zu treten. Ganz im Gegenteil: Die Urbanisierung wird in diesem Stil voraussichtlich noch 15 bis 20 Jahre so weitergehen. Irgendwann werden die Ressourcen auch weltweit nicht mehr zu einem bestimmten Preis verfügbar sein. China hat deshalb ein großes Interesse Rohstoffe zu nutzen, die im eigenen Land vorhanden sind, die schnell nachwachsen oder recycelt werden können, um unabhängiger vom Öl zu werden.

Jede Woche geht ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Wie entwickeln sich die Erneuerbaren Energien?

Head: Bis zum Jahr 2020 sollen 15 Prozent des Energiebedarfs aus Erneuerbaren Energien stammen. Kohle dominiert immer noch, auch wenn alternative Ressourcen schon eine Rolle spielen. Bis 2050 wird sich China jedoch nicht zu einem Großteil aus Erneuerbaren Energien versorgen können. Kohle wird der entscheidende Energieträger bleiben. CCS (Carbon Capture and Storage), also die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid, wird sich zu einem großen Wirtschaftszweig in China entwickeln. Man beschäftigt sich hier schon intensiv mit der Entstehung eines Kohlendioxidmarktes. Auch wir forschen derzeit mit internationalen Instituten an neuen Formen der CO2-Nutzung: beispielsweise an Bioreaktoren, in denen Algen das Kohlendioxid biologisch abbauen und zu Kompost umwandeln. Aus dem CO2 der Kohlekraftwerke könnte nach diesem Verfahren Düngemittel für die Landwirtschaft hergestellt werden. Ganz so einfach ist das leider noch nicht: Die Kosten für CCS sind hoch und ob der Dünger landwirtschaftlich taugt, ist noch nicht gesichert.

Mit der florierenden Wirtschaft haben auch neue Konsumwelten China erreicht. Welche Rolle spielt der Umweltschutz in Politik und Gesellschaft?

Head: Es ist interessant, wie sehr sich China in dem Verständnis von Nachhaltigkeit von den Europäern unterscheidet. Die Menschen in China verstehen sehr gut, was sich hinter nachhaltiger Entwicklung verbirgt – das liegt daran, dass sie die Idee nachhaltiger Systeme aus den Lehren des Konfuzianismus und Taoismus kennen. Die Philosophien behandeln das grundlegende Verhältnis von Mensch und Natur und sind bis heute ein fester Bestandteil der Kultur. Auch die Regierung nutzt diesen Umstand und verkündete im elften Fünfjahresplan, die Entwicklung hin zu einem umweltverträglichen Lebenstil voranzutreiben. Präsident Hu Jintao spricht von einem Übergang hin zu einem neuen Öko-Zeitalter, einer Öko-Zivilisation. Mein letzter Besuch des chinesischen Pavillons auf der Expo hat diesen Eindruck verstärkt. Für mich war die wichtigste Botschaft Chinas bevorstehender Übergang in eine grüne, umweltvertägliche Gesellschaft. Diese Selbstbild an die eigene Bevölkerung und die ganze Welt zu kommunizieren – das ist doch wirklich erstaunlich. In China wird sich eine Wende vollziehen. Und zwar in eine gute Richtung.

Beflügelt wird dies natürlich auch von einer großen Euphorie über den Aufschwung...

Head: Und einem tiefen Glauben an eine bessere Zukunft! Die jungen Chinesen sind überzeugt, dass sie die Welt verändern können. Und vielleicht können sie das auch. Sie lieben neue Technologien und begrüßen den Fortschritt. China wird versuchen, sich nachhaltig zu entwickeln. dies in einem nie da gewesenen Ausmaß vorführen. Natürlich ist es frustrierend, dass diese Entwicklung nicht schon in den vergangenen vier Jahren stattgefunden hat. Aber es wird auch nicht mehr lange dauern. Und dann wird China es so wie immer tun: große Herausforderungen annehmen und sie auf einen neuen Vollkommenheitsgrad bringen.

Weitere Informationen:

Website von ARUP www.arup.com

Websiten der Expo-Pavillons Dänemarks, Koreas, Großbritanniens und China.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014