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Urbanisierung

Chinas Ökostädte am Scheideweg

Die Pioniere des urbanen Fortschritts werden oft nicht so grün gebaut wie geplant.

Chinas Ökostädte am Scheideweg Chinas Ökostädte am Scheideweg
GMP Architekten

Chinas Stadtplaner wollen nachhaltiges Bauen in die Praxis überführen. Deshalb basteln sie an grünen Vorzeigestädten. Doch manche werden nie fertig gebaut. Andere verlieren mit jedem Planungsjahr zusehends mehr von ihrem grünen Glanz.

Ein Regentropfen, der ins Wasser fällt: Das ist das Sinnbild für die Ökostadt Lingang. So wie sich die Wellen auf der Wasseroberfläche beim Auftreffen eines Tropfens konzentrisch nach außen fortsetzen, dehnt sich auch die Musterstadt in alle Richtungen aus. Inmitten der kreisförmig angeordneten Stadt, die an den Zeichentischen des renommierten Hamburger Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner entstanden ist, ruht ein See. Um ihn herum gruppieren sich die Quartiere für Arbeit, Wohnen und Freizeit. Autos fahren nur in den äußeren Stadtringen. So prägen nicht mehrspurige Straßen, Lärm oder Abgase das Stadtbild, sondern harmonisch angeordnete Quartiere und großzügige Grünflächen. Allein zwei Millionen Bäume wurden bereits gepflanzt. Den Energiebedarf der Ökostadt, die etwa 40 Kilometer von Shanghai entfernt liegt, sollen Sonne, Wind und Biomasse decken.

Ökostadt mit „Copacabana in erstklassiger Lage“

In Lingang steht die Erholung der Bewohner im Vordergrund. „Für alle Bewohner ist der See als Ruhepol im Zentrum schnell erreichbar“, beschreibt Architekt Meinhard von Gerkan das Stadtkonzept am Wasser, das sogar aus dem Weltall zu sehen ist. Da Bauland sehr teuer ist, wurde ein Küstenstreifen durch jahrelanges Aufschütten baufähig gemacht. Die zehn Kilometer lange Strandpromenade bezeichnet von Gerkan gern als „Copacabana in erstklassiger Lage“.

Bis 2020 soll die Ökocity die neue Heimat für fast eine Million Menschen werden. Das sind mehr als doppelt so viele wie anfangs geplant. Drei Monate hatte das Architektenteam Zeit, um das ursprüngliche Konzept für 300.000 Bewohner auf 800.000 zu erweitern. Noch leben hier erst 150.000 Menschen – meist Studenten und Professoren, denn die Marine-Fakultät der Tongji-Universität hat ihren Betrieb bereits aufgenommen. Ebenso wie eine Hochschule für Fischerei.

Chinas Musterstädte sollen Schule machen

Die „aus einem Tropfen geborene“ Musterstadt gehört neben Canberra, Brasilia und Chandigarh in Indien zu den einzigen geplanten Städten dieser Größenordnung der letzten 100 Jahre. Die Planer loben sie als Beispiel für klima- und menschenfreundliche Stadtplanung.

Der Großteil des Energiebedarfs soll aus regenerativen Energiequellen wie Wind und Sonne stammen. Vorgesehen ist, dass die Heizenergie in den Wohnblocks zu 100 Prozent aus solarthermischen Anlagen gewonnen wird. Von den insgesamt 110 Turbinen mit einer Nennleistung von jeweils zwei Megawatt ist bereits die Hälfte in Betrieb. Sie könnten jährlich 550.000 Megawattstunden Strom erzeugen und über 100.000 Haushalte versorgen.

Außerdem wird das Regenwasser gesammelt und für die Bewässerung der Gärten und sanitäre Anlagen verwendet. „Die kreisförmige Ausrichtung vermeidet zudem lange Rohr- und Kabelwege; sie unterstützt auch die Durchlüftung des Stadtkerns“, erklärt Stephan Schütz, der auch für den Bau des chinesischen Nationalmuseums in Peking verantwortlich ist.

Chinas beispiellose Urbanisierung

Ökostädte wie Lingang haben für Stadtplaner in China besondere Bedeutung. Schon jetzt verbrauchen Chinas Städte drei Viertel des Gesamtenergiebedarfs des Landes. Sie könnten Musterbeispiele für jene Städte werden, die in Zukunft noch gebaut werden müssen. Und das werden viele sein.

Die Volksrepublik erlebt gegenwärtig eine beispiellose Urbanisierung: In den kommenden zehn Jahren werden 300 Millionen Menschen in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben in die boomenden Städte des Riesenreichs strömen. Die chinesische Regierung geht davon aus, dass sie bis 2020 rund vier Billionen US-Dollar in die Infrastruktur investieren muss. Bereits heute entsteht jeder zweite Neubau auf der Welt in China. „Bis zum Jahr 2020 wird die städtische Bevölkerung voraussichtlich von 500 auf 800 Millionen anwachsen“, prognostiziert Schütz. Damit entstehe ein Bedarf von zehn Millionen Wohnungen pro Jahr.

Städte als Pioniere des Fortschritts

Doch der Bedarf an grünen Städten und nachhaltigen Konzepten führt nicht automatisch zu einer erfolgreichen Realisierung der ehrgeizigen Projekte. Als im vergangenen Jahr in Shanghai die Weltausstellung Expo mit dem Motto „Better City, Better Life“ stattfand und Lösungen für eine nachhaltigere und lebenswertere Stadt präsentierte, fielen Bustouren ins nahe gelegene Dongtan aus. Dort sollte Asiens erste Ökostadt entstehen. Doch daraus wurde nichts.

Außer einigen Wohnkomplexen und leerstehenden Gewerbeanlagen gibt es dort nichts zu sehen: Die Bagger stehen still. Eine Korruptionsaffäre auf lokaler Ebene brachte das Projekt vor zwei Jahren zum Erliegen. Dabei wollte man in Dongtan demonstrieren, was Nachhaltigkeit bedeuten kann. Auch andere Ökostädte-Projekte stehen auf der Kippe. Für die nahezu klimaneutrale konzipierte Stadt Masdar City in Abu Dhabi wurde wegen der Finanzkrise ein Baustopp verhängt. Die Finanzierung des Bauvorhabens werden „derzeit überarbeitet“, erklärte Masdar-Chefplaner Scheich Al Jader unlängst.

Probleme der Ökocities: „Nicht alles wie geplant“

In Lingang geht es voran, nur nicht so schnell wie geplant: „Die Stadt entwickelt sich langsamer als gedacht“, berichten die gmp-Architekten. Ein großes Problem sei, dass es noch keine verbindliche Definition für eine Low Carbon City gebe, also eine Stadt, die nahezu emissionsfrei wirtschaftet. Das erschwere die Durchführung. „Lokale Politiker scheuen sich vor den – im Vergleich zur konventionellen Stadtentwicklung – hohen Investmentkosten“, weiß Schütz. Oftmals würden die grünen Städte auch nur als Prestigeobjekt oder Marketinginstrument benutzt, ohne, dass die Entscheider wirklich an der Realisierung der Projekte interessiert seien.

Für das Bauvorhaben in Lingang habe man sich mit der hiesigen Verhandlungskultur vertraut gemacht. Denn es sei beispielsweise schwierig gewesen, alle Wohnungen mit einer Nord-Süd-Ausrichtung zu planen: „Für die Menschen in China ist das ein Muss.“ Auch wenn eine Ost-West-Ausrichtung im Bezug auf das Quartier sowie klimatische Bedingungen vorteilhafter gewesen wäre. Auch bei der Qualität der Materialien oder der genauen Ausführung bestimmter Baudetails mussten die Hamburger Stararchitekten Abstriche machen. „Einzelheiten bleiben oft nicht so, wie wir sie ursprünglich geplant haben“, gibt Schütz zu. Damit müsse man sich abfinden. Wichtig sei, nicht das große Ziel aus den Augen verlieren: „Den Bau einer idealen Stadt.“

Weitere Informationen:

Germany Trade & Invest, Corinne Abele: „VR Chinas Öko-Städte zwischen Vision und Wirklichkeit“, 24. November 2010: www.gtai.de

Zusammenfassung eines interessanten Artikels von Lord Nicholas Stern (Autor des Stern-Reports) über Chinas Städte: „China's growth, China's cities, and the new global low-carbon industrial revolution“, Graham Institute, November 2010. www2.lse.ac.uk

Die Website des Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner mit Informationen und Skizzen über die Ökostadt Lingang: www.gmp-urbanplanning.de 

Termintipp Ecocity World Summit in Montréal, Kanada vom 22-26. August 2011: www.ecocity2011.com

Webseiten zu weiteren Ökostadt-Projekten in China: Tianjin Sino-Singapore International Eco-City www.eco-city.gov.cn, www.tjeco-city.com, www.tianjineco-city.com, Tangshan Caofeidian International Eco-City www.cfdstc.gov.cn

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014