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Serie: Expo 2010

Das Lächeln unter der Krone

Visionen für humanere Städte – energlobe.de besuchte die Expo in Shanghai.

Das Lächeln unter der Krone Das Lächeln unter der Krone
energlobe.de, Maud Radtke

Ein altes chinesisches Sprichwort besagt: „Das Leben meistert man lächelnd – oder gar nicht.“ Diese Weisheit passt zu den langen Warteschlangen auf der Expo in Shanghai. Bis zu 300.000 Menschen strömen täglich auf das Gelände, 95 Prozent davon Chinesen. Die sind guter Stimmung, trotz des großen Andrangs und der Wartezeiten bis zu sechs Stunden. Sie sind gut vorbereitet und machen es sich überall auf ihren sulia xiao zhedeng gemütlich. Das sind bunte Plastikhocker und die heimlichen Stars der Weltausstellung: Mit einem Handgriff aufzuklappen, farbenfroh gemustert und dabei nicht größer als ein Schuhkarton. Auf ihnen sitzend und mit einem Lächeln im Gesicht – so erwarten die Chinesen das große Abenteuer Expo im eigenen Land.

Shanghai: Vom Fischerdorf zur Megacity

„Better City – Better Life“, lautet das Motto der Schau, die bis zu ihrem Ende im Oktober rund 70 Millionen Besucher zählen soll. Mehr als 250 Länder und Organisationen präsentieren sich und ihre Lösungen für eine lebenswertere und nachhaltigere Stadt. Sie zeigen nicht nur herausragende Architektur, sondern wollen sich mit Gesamtkonzepten auf dem lukrativen chinesischen Markt positionieren. Wie keine andere chinesische Großstadt steht Shanghai für raschen Wandel und Wirtschaftsboom. Gewachsen aus einem einfachen Fischerdorf, steht Shanghai mit fast 19 Millionen Einwohnern auch für die gewaltigen Probleme und Herausforderungen der heutigen Mega-Cities.

Lösungen soll die Expo liefern – auf einem Gelände das doppelt so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Der Huangpu-Fluss teilt das Areal in eine West- und Ostseite: Links stehen die beliebten Länder- und Themenpavillons, die Expo-Achse mit ihren Geschäften und Restaurants sowie die zwei Kongresszentren.

Das erste Passivhaus in China kommt aus Hamburg

Rechts liegt die Urban Best Practice Area (UBPA), ein Novum der diesjährigen Expo. Hier demonstrieren Städte und Unternehmen ihre Lösungen für energiesparendes Bauen und nachhaltige Entwicklung. Unter den 59 ausgewählten Modellprojekten der UBPA sind auch vier deutsche. So ist etwa das Hamburg House das erste Passivhaus in China. Durch eine luftdichte Gebäudehülle und den Einsatz Erneuerbarer Energien benötigt es weniger als halb so viel Energie wie ein konventionelles – in einer extremen Klimazone wie Shanghai eine Sensation.

Eine Premiere feiert auch der Londoner ZED Pavillon als erstes „Zero Carbon“-Gebäude Chinas. Das emissionsfreie Haus produziert Wärme und Strom über Wind- und Solaranlagen, nutzt Regenwasser und gewinnt Gas aus der eigenen Biogasanlage im Keller. Beim Schweizer Gemeinschaftsprojekt von Zürich, Genf und Basel dreht sich alles um sauberes Wasser. „Viele Chinesen können sich gar nicht vorstellen, in ihren Gewässern zu baden, weil 70 Prozent der Flüsse und Seen in China vergiftet sind“, erklärt Yves Bisang von der Stadtentwicklung Zürich. Das von Informationskampagnen begleitete Konzept sieht vor, industrielle Abwässer bereits in den Betrieben vorzureinigen.

Mobilität der Zukunft fährt schon vor

Neben Energiespar- und Umweltschutztechniken sind auch neue Mobilitätskonzepte gefragt. Aussteller präsentieren nicht nur ihre neuesten Elektroautos oder Hybridmotorräder. Barcelona etwa zeigt wie man Innenstädte entlastet: Beim Umbau der größten Verkehrsader der Stadt erhalten Radfahrer, Fußgänger, Busse und Straßenbahnen mehr Fahrspuren als Autofahrer.

Für Shanghai liegen solche Lösungen noch in weiter Ferne. Entlastung bringen zwar das eigens für die Expo um mehrere hundert Kilometer erweiterte U-Bahnnetz und die mehrstöckige Straßenführung im Zentrum. Den täglichen Stau verhindern sie jedoch nicht. Daher frotzeln die Einheimischen gern: „Fast city, slow cars“. Auf dem Expo-Gelände hingegen hat die Mobilität der Zukunft Vorfahrt. Die Besucher werden mit Elektrobussen und Hybridtaxis zu den Länderpavillons gekarrt.

Die "Krone Chinas" überragt die gesamte Expo

Viel Betrieb herrscht natürlich vor dem Pavillon des Gastgebers, der mit 69 Metern weit über die anderen Bauten hinausragt. Der Pagodenbau, die „Krone Chinas“, ist ganz in kaiserlichem Rot gehalten. Mit einem freundlichen „Ni háo“ begrüßt die Pavillonführerin die Besucher und führt sie voller Stolz zu einer übergroßen Leinwand. Es zeigt ein tausend Jahre altes Gemälde als moderne Projektion in bewegten Bildern: die berühmte „Szene am Fluss zum Fest der Ahnen“. Zu sehen sind einfache Bauern und Fischer neben Ärzten und Gelehrten, die dieses bedeutende Fest miteinander feiern. Der Anblick ist überwältigend – und so herrscht an einem Ort voller Menschen für einige Augenblick Stille. Vielleicht ist das Wissen um die eigene Geschichte der Schlüssel für den Erfolg dieser Nation?

Sicher ist: China muss sich der rasant fortschreitenden Urbanisierung stellen. Denn das Land sieht einer Verstädterung entgegen, die in der Geschichte einzigartig ist. Bis 2050 werden laut UNO-Schätzungen 350 Millionen Menschen in die Städte ziehen – das entspricht der Einwohnerzahl der USA. Alte und neue Städte müssen sich auf einen nie dagewesenen Zuwachs einstellen. Wie sehen nachhaltige und lebenswerte Städte künftig aus?

Lichtdurchlässiger Zement aus Italien

Die Expo liefert viele Antworten: Italiens Pavillon unter dem Motto „City of Men“ – eine Stadt für die Menschen – greift die Idee der humanen Urbanisierung auf. Als Beispiel dafür, soll der quaderförmige Entwurf von Giampaolo Imbrighi dienen. Er befindet sich inmitten einer kleinen Piazza. Es duftet nach Rosmarin; neben dem Kräuterbeet steht ein Olivenbaum. Auf einer kleinen Bank picknicken einige Chinesen. Es gibt Dumplings und Dim Sum, gefüllte Teigtaschen und Reisklöße mit süßem Bohnenmus. Dazu gegrillte Schweineohren. Eine ältere Dame hat es sich auf der Bank daneben bequem gemacht und schläft.

Ein kleiner Pool umschließt die Rückseite des Pavillons und spiegelt den wichtigsten Teil des Baukörpers – den lichtdurchlässigen Zement, der großflächig in die Architektur des Gebäudes integriert ist. „Von außen kann Licht in das Innere des Gebäudes gelangen“, erklärt Francesco Paravati, Sprecher des Pavillons. Tatsächlich erhellt die Sonne das Innere und reduziert so den Bedarf an zusätzlichen Lichtquellen, ohne die Statik des Baus zu beeinträchtigen.

Die Schweiz setzt auf Alpenatmosphäre in der Stadt und befördert die Expo-Besucher mit einem Sessellift auf das begrünte Dach des Pavillons. Spanien rückt schnell nachwachsende, natürliche Baumaterialien in den Fokus. Über 8.000 Panelenn aus geflochtenen Weiden schmücken die schwungvolle Fassade des Baus, der laut Architekt Igor Peraza „wie ein tanzender Flamenco-Rock im Wind“ aussehen soll.

Besuch der kleinen Meerjungfrau

Auch Dänemark setzt Glanzlichter – umringt von einem Teich in der Mitte des Pavillons sitzt die kleine Meerjungfrau. Unermüdlich hat der langjährige dänische Botschafter Bo Bramson sich dafür eingesetzt, im Parlament für Unterstützung geworben. Bramson kennt Andersens Märchen auswendig, hat sogar Bücher über die Sirene geschrieben. „Das Wahrzeichen Dänemarks für die Expo nach Shanghai zu holen, das ist unser Geschenk an China“, erzählt der Diplomat mit feuchten Augen. Doch Dänemark hat noch mehr zu bieten und lässt die Besucher den Pavillon auf einem eigens angelegten Fahrradweg per Pedale erkunden.

Dänemarks Vorschlag für eine bessere Stadt: das Velo gegen den Verkehrskollaps. Das Präsent der Briten an China ist eine riesige Pusteblume. Sie thront auf einer Fläche, die an auseinander gefaltetes Geschenkpapier erinnert. Der spektakuläre Bau nach einem Entwurf von Thomas Heatherwick wird durchdrungen von 60.000 meterlangen Glasfaserstäben, die das Licht ins Innere des Pavillons leiten. An der Spitze jedes Stabes befinden sich Samen – als Appell, die Pflanzenvielfalt zu erhalten.

Im deutschen Pavillon: Gartenzwerge und kompostierbare Kleidung

Im deutschen Pavillon ist die Stadt im Gleichgewicht das Schlüsselthema. „Balancity“ heisst der Beitrag folgerichtig, der die Besucher auf Rollbändern und über Rolltreppen in fünf inszenierte Stadträume führt. Sie zeigen, wie die Deutschen leben: beim Grillen mit türkischen Familien im Berliner Tiergarten oder in der schwäbischen Kleingartenanlage. Inmitten von Gartenzwergen und künstlichen Blumen fühlen sich auch die chinesischen Expo-Besucher wohl. Schon haben die ersten wieder ihre Hocker aufgeklappt.

Der Themenpark „Fabrik“ zeigt Technologien und Materialien „Made in Germany“: Dämmstoffe für mehr Energieeffizienz beim Hausbau oder Geohumus, ein biologisch abbaubares Granulat, dass beim Wassersparen hilft. Alles zum Anfassen. Und nachhaltig. So wie bei vielen anderen Länderpavillons wird auch hier ein Großteil des Stahls des deutschen Baus wiederverwertet. Das ganz in Grau gehaltene 50-Millionen-Euro-Gebäude wirkt wie eine Skulptur, bespannt mit lichtdurchlässigem Stoff. „Daraus werden nach der Expo Taschen und andere Gegenstände genäht“, erklärt Pavillonsprecherin Marion Conrady. „Sogar die Kleidung unseres Personals ist biologisch abbaubar.“

Publikumsmagnet und Herz des deutschen Pavillons ist die Energiezentrale: Ein Theaterraum, in dessen Mitte eine riesige Kugel hängt. Dort zeigen die Animateure Yanyan und Jens in ihrer Show, was die Kugel kann: auf ihr Kommando fängt der mit 400.000 LEDs bestückte Lichtball an, sich zu bewegen. Bilder und Filme flimmern vorbei. Dann rufen die Besucher auf der linken Seite „Hey“. „Ho“ tönt es von rechts – da beginnt der riesige Ball hin und her zu pendeln. Die Botschaft: Wir alle können etwas bewegen und unsere Stadt verändern.

„Wenn du schnell sein willst, geh langsam“

Und während die Weltausstellung läuft, wird in Shanghai weiter am neuen China gebaut. Verschnaufpausen sind tabu. Manchmal reißt die Dunstglocke über der Stadt auf und die imposante Skyline wird sichtbar: das World Financial Center etwa, mit 492 Metern einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt, oder die mehr als 3.000 Hochhäuser, die vielen Baukräne und Baustellen. Da mag man gar nicht glauben, dass Experten vor einer Immobilienblase warnen.

Das meiste, das hier in rasendem Tempo an Bausubstanz in die Höhe schießt, folgt allerdings nicht jenen Leitlinien, die Städteplaner auf der nahe gelegenen Weltausstellung 2010 anpreisen. Die Städte der Zukunft werden hier schon gebaut, nur das Nachhaltige lässt oft noch auf sich warten. Da passt noch ein zweites, altes chinesisches Sprichwort, das besagt: „Wenn du schnell sein willst, geh langsam.“

Mehr Eindrücke von der Expo in Shanghai bis November jede Woche neu auf: www.energlobe.de/city-and-home

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014