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Strahlenschutz

Kein Plan für alle Fälle

Bei einem Reaktorunfall in Deutschland könnten nicht alle Menschen informiert und evakuiert werden.

Kein Plan für alle Fälle Kein Plan für alle Fälle
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Diskussion über die Sicherheit in deutschen Kernkraftwerken reißt nicht ab. Wie steht es eigentlich um den zivilen Katastrophenschutz im Falle eines Reaktorunglücks? Die Landesbehörden sind für die Evakuierungen der Bevölkerung im Ernstfall verantwortlich. Doch ihre Notfallpläne werden von Atomkraftgegnern scharf kritisiert. Strittig ist auch die Bevorratung und Verteilung von Jodtabletten. Am Beispiel des Kernkraftwerks Philippsburg hat ENERGLOBE.DE recherchiert, wie eine Evakuierung im Notfall geplant wird.

Malerisch ist das Kernkraftwerk Philippsburg gelegen, inmitten eines Naturschutzgebietes in der oberrheinischen Tiefebene. Doch seit dem 16. März steht es still. Der 32 Jahre alte Reaktor soll im Zuge des Moratoriums, das die Bundesregierung als Reaktion auf die Katastrophe in Fukushima beschlossen hat, einem Stresstest unterzogen werden. Ob das Kraftwerk danach wieder Strom produzieren wird, ist völlig offen.

Unterdessen werden die Rufe nach strengeren Sicherheitsauflagen immer lauter, insbesondere in Bezug auf den zivilen Katastrophenschutz. Käme es zu einem GAU in Philippsburg, wäre die Bevölkerung jedenfalls denkbar schlecht vorbereitet. Es gibt „Notfallschutzbroschüren“, die im Internet abrufbar sind. In Schulen, Betrieben oder an Bahnhöfen liegen sie jedoch nicht aus.

Sicherheitsübungen oder Aufklärungsaktionen für die Bevölkerung finden in den kleinen Gemeinden rund um das Kernkraftwerk ebenfalls nicht statt. Aus gutem Grund: „Solche Maßnahmen könnten Angst schüren“ sagt Energieexperte Christoph Lieven von der Umweltorganisation Greenpeace gegenüber ENERGLOBE.DE. Er resümiert: „Eine transparente Informationspolitik wird nicht gerade forciert.“

Wenn die Sirenen heulen, hört sie nicht jeder

Im Notfall würden Katastrophenschutzbehörden und Polizei über das Radio Instruktionen für eine Evakuierung geben und erste Schutzmaßnahmen vermitteln. In seiner Informationsbroschüre zum Notfallschutz am Reaktor in Philippsburg rät der Betreiber EnBW auf die Sirenen zu achten. Drohe Gefahr durch ausgetretene radioaktive Strahlung, wäre „ein auf- und abschwellender Heulton von einer Minute Dauer“ zu hören. Dann solle man den Rundfunk einschalten und auf Durchsagen achten.

Die Sirenen hat der Betreiber EnBW aufgestellt: „Diese sind in einem Umkreis von zehn Kilometern zu hören“, erklärt Jürgen Link, Bezirksbrandmeister des Regierungspräsidiums Karlsruhe, das für die Notfallpläne in Philippsburg zuständig ist.

Außerhalb dieses Radius wären Bewohner auf die Durchsagen mobiler Einsatztrupps angewiesen. Das finden Atomkraftgegner wie Lieven unhaltbar. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert Nachbesserungen. Deren Chef Rainer Wendt sagt: „Wir haben kein effektives Alarmsystem, um die Bevölkerung flächendeckend zu informieren.“

Von den ursprünglich rund 100.000 Alarmsirenen in Deutschland seien inzwischen zwei Drittel abgebaut worden. Daher seien akustische Warnungen nicht überall gewährleistet, so Wendt. Immerhin gibt es in Baden-Württemberg 44 Erkundungswagen der Feuerwehr, die im Notfall zusätzliche Messungen zu radioaktiver Strahlung übernehmen könnten.

Das Haus nicht verlassen – außer für lebenswichtige Jodtabletten

Für den Fall, dass keine Evakuierung vorgesehen ist, soll man laut EnBW-Broschüre „jeden Aufenthalt im Freien vermeiden“ sowie „Fenster und Türen möglichst dicht schließen“.

Soweit die Theorie. Doch die Empfehlung, das Haus nicht zu verlassen, ist für die Praxis untauglich. Denn die Menschen sind im Notfall angehalten, Jodtabletten einzunehmen. Tritt bei einem Reaktorunfall radioaktive Strahlung aus, ist eine Versorgung mit hochkonzentriertem Jod unabdingbar. Es verhindert, dass sich das radioaktive Jod in der Schilddrüse einlagert. Voraussetzung für die Wirksamkeit des Jods ist eine rasche Einnahme des Medikaments, die dann gegeben wäre, wenn die Bewohner in der Nähe von Kernkraftwerken die Medikamente schon im Haus hätten.

Doch eine Bevorratung gibt es nicht. Das bedeutet, dass die Menschen ihre Häuser verlassen müssten, um sich mit den Tabletten einzudecken. Das Regierungspräsidium hat den Bewohnern im Nahbereich zwar eine Bevorratung angeboten: „doch kaum jemand hat die Tabletten abgeholt“, berichtet Link.

In Deutschland sind 137 Millionen Tabletten mit einer Dosis von 65 Milligramm Kaliumjodid in Lagerorten deponiert. Eine Menge, die für die Bevölkerung durchaus ausreichend wäre. Auch in Philippsburg sind genügend Tabletten vorhanden: „Für die Zentral-, Mittel- und Außenzone, also einen Radius bis 25 Kilometern, sind die Tabletten in der Regel in den Gemeinden eingelagert“, erklärt Link. Ausgabestellen wären im Katastrophenfall beispielsweise Rathäuser, Schulen, Apotheken, Gemeindehallen oder Feuerwehrwachen.

Gefahren für Helfer und Bevölkerung werden kategorisch ignoriert“

Doch nicht nur die Bevölkerung wäre bei der Abholung der Jodtabletten einem Strahlenrisiko ausgesetzt. Auch die eingesetzten Mitarbeiter der Verwaltung, des Bauhofs oder der Feuerwehr wären gefährdet. Es wäre ihre Aufgabe, die eingelagerten Tabletten in eine Vielzahl von Ausgabestellen zu transportieren – ohne Schutzkleidung oder Fahrzeuge, welche radioaktive Strahlungen abhalten können. Bezirksbrandmeister Link sieht keine Gefährdung der Helfer, da die Jodausgabe vor dem Austritt von Radioaktivität aus der Anlage erfolgen solle. „Beim Durchzug einer Wolke sollen sich die Personen in Gebäuden aufhalten bzw. bereits evakuiert sein“, ergänzt er.

Die Internationale Atomaufsichtsbehörde wisse seit vielen Jahren von diesen Missständen bei der Versorgung mit Jod, erklärt Greenpeace-Experte Lieven: Die Gefahren für Helfer und Bevölkerung würden kategorisch ignoriert. „Wie kann man Menschen zwangsverpflichten, sich einem solchen Risiko auszusetzen?“, fragte er. Diese Vorkehrungen für den Katastrophenfall missachteten das Minimierungsgebot, nach dem alles so geplant werden müsste, dass die Menschen so wenig Strahlung wie möglich abbekommen. Genau das werde aber mit solchen Plänen ad absurdum geführt.

Flucht im eigenen Auto – oder mit dem Bus

Nicht weniger beunruhigend ist, dass die Landesbehörden, welche im Ernstfall den Katastrophenschutz vor Ort übernehmen, nur Notfallpläne für einen Umkreis bis zu zehn Kilometern in der Schublade haben. Muss die Bevölkerung aus einem kontaminierten Ort fliehen, so ist vorgesehen, dass sie dies mit dem eigenen PKW tun. Wer kein Auto hat, soll an vorgesehenen Sammelstellen auf den Bus warten – und das in einer im Ernstfall radioaktiv verseuchten Umgebung.

Ob das Transportsystem mit Bussen in einer Ausnahmesituation und ohne vorherige Übungen überhaupt funktioniert und ob ausreichend Busse zur Verfügung stünden, bleibt fraglich. „Das sind nur Beruhigungstupfer, die den Menschen den Eindruck vermitteln sollen, man hätte die Lage im Griff“, sagt Lieven.

Ein weiteres Manko der Evakuierungspläne: Potenzielle Aufnahmeorte für zu räumende Gemeinden werden nicht vorab kommuniziert. „Eine abschließende Festlegung welche Gemeinde wohin evakuiert wird, hängt entscheidend von der Windrichtung ab und kann daher erst im Unglücksfall festgelegt werden", erklärt Link. Deshalb würden diese auch erst im Ernstfall bekannt gegeben.

Rahmenempfehlungen von der Strahlenschutzkommission

Man halte sich an die Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Nähe von kerntechnischen Anlagen, welche von der Strahlenschutzkommission herausgegeben wurden. Jedes weitere Handeln hänge sehr stark von der Art des Reaktorunfalls, dem tatsächlichen Austritt radioaktiver Strahlung sowie der Wetterlage ab, welche die Verteilung radioaktiver Partikel maßgeblich beeinflusse. Hierfür seien Strahlenspürtrupps unterwegs, welche als mobile Messdienste im Auftrag des baden-württembergischen Umweltministeriums zahlreiche Messungen durchführen.

Dennoch wolle man die Notfallpläne gemeinsam mit dem Innenministerium erörtern, um „gegebenenfalls aus dem Unglück in Fukushima zu lernen“, so Link. „Eine Maßnahme könnte dabei sein, in der Bevölkerung im Nahbereich erneut dafür zu werben, sich vorsorglich mit Jodtabletten einzudecken.“

Weitere Informationen:

Der Notfallplan für die Bevölkerung in der Umgebung des Kernkraftwerks Philippsburg, herausgegeben vom Betreiber EnBW auf den Seiten des Regierungspräsidiums Karlsruhe: www.rp.baden-wuerttemberg.de

Kleiner GAU-Ratgeber von Greenpeace: www.greenpeace.de

Informationen über die Einnahme von Jodtabletten von der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“: www.ippnw.de

Presseinformation des Energieversorgers EnBW zur Abschaltung der Kernkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim: www.enbw.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014