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Strahlenschutz

„Kriegsähnliche Zustände“

Die Katastrophe in Fukushima wirft Fragen nach dem zivilen Katastrophenschutz bei deutschen Kernkraftwerken auf.

„Kriegsähnliche Zustände“ „Kriegsähnliche Zustände“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Nachrichten über die Atomkatastrophe in Japan verunsichern die Menschen in Deutschland. Würde es hier zu einem ähnlichen Reaktorunfall kommen, so gäbe es nur geringe Chancen, sich vor radioaktiver Strahlung zu schützen. Das meint zumindest Strahlenexperte Sebastian Pflugbeil.

Die Angst vor einer atomaren Katastrophe wächst – und mit ihr die Sorge darüber, was bei einem ähnlichen Reaktorunfall in Deutschland passieren könnte. Kernkraftwerke des gleichen Bautyps wie die betroffene Anlage im japanischen Fukushima sind auch hierzulande bis vor kurzem noch in Betrieb gewesen. Dass nun die Bundesregierung in einem Moratorium beschlossen hat, sieben ältere der insgesamt 17 Kernkraftwerke in Deutschland vorläufig vom Netz zu nehmen, entspannt die öffentliche Debatte über längere Laufzeiten nur wenig. Immer häufiger stellt sich die Frage nach deutschen Sicherheitsstandards und möglichen Evakuierungsszenarios im Falle eines GAU.

Landesbehörden regeln Verteilung von Jodtabletten

Tritt aus einem Reaktor radioaktive Strahlung aus, ist die Einnahme von hochkonzentrierten Jodtabletten erforderlich. Diese sollen die Aufnahme radioaktiven Jods bremsen, dass zu Schilddrüsenkrebs führen kann. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Menge von 130 Milligramm Kaliumjodid pro Dosis. Eine Einnahme der Medikamente sollte bestenfalls noch vor der radioaktiven Belastung erfolgen; je später die Tabletten eingenommen werden, desto kleiner wird ihre Wirkung. Von einer Einnahme von Jod-Präparaten ohne akute Gefährdung raten Ärzte sowie Strahlenbiologen hingegen ab.

In Deutschland wird bei Gefahr die Versorgung mit Jodtabletten von den einzelnen Bundesländern organisiert. Als Richtschnur dienen den Länderbehörden die „Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“, so Reimund Stapel vom Bundesamt für Strahlenschutz. Bis zu einer Entfernung von fünf Kilometern vom Kernkraftwerk werde eine Vorverteilung an alle Haushalte empfohlen, so Stapel. Für Entfernungen zwischen fünf und zehn Kilometern hält das Bundesamt für Strahlenschutz eine Vorverteilung oder Lagerung der Medikamente in Schulen, Krankenhäusern oder Stadthallen für erforderlich. Für Kinder, Jugendliche und Schwangere gelte eine Sonderregelung: „Diese Gruppen werden in einem Radius bis 100 Kilometer versorgt“, erklärt Stapel. Die Medikamente sollen in acht Zentrallagern im gesamten Bundesgebiet gelagert sein. Wo sich diese Lager befinden und wie viele Tabletten dort tatsächlich deponiert sind, war nicht zu erfahren.

Jodtabletten ja – aber nicht für jeden

Doch nicht jeder bekommt auch eine Medikation. So sind die Behörden dazu angehalten die Tabletten im Notfall nicht an Menschen über 45 Jahren zu verteilen, da sie offenbar nicht massiv gefährdet seien. „Das ist eine glatte Lüge“, sagt Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, der in dieser Bestimmung große Versorgungslücken sieht. Aus den Erfahrungen von Tschernobyl wisse man, dass auch Personen dieses Alters an Krebs erkrankten und mit konzentriertem Jod versorgt werden müssten. „Die Länder müssten eigentlich auf eine Bevorratung im Umkreis von 50 Kilometern vorbereitet sein“, so Pflugbeil.

Doch dies sei vor allem eine ökonomische Frage, der sich die Länder nicht stellen wollen. Details zur Bevorratung in den einzelnen Bundesländern wollte das Bundesamt für Strahlenschutz nicht nennen.

Es würden Hektik und Chaos ausbrechen“

Weit mehr Kopfzerbrechen bereiten dem Strahlenfachmann jedoch der Umgang mit den vermuteten Sicherheitsmängeln in den Reaktoren sowie unzureichende Evakuierungspläne. „Die Mängellisten der Reaktoren sind lang und werden seit Jahren nicht beachtet“, erklärt Pflugbeil im Interview mit ENERGLOBE.DE. Den Zustand der älteren Reaktoren wie Biblis 1, Neckarwestheim 1 oder Philippsburg 1 als „mangelhaft“ zu bewerten, sei noch untertrieben, so der Physiker, der schon den Reaktor in Tschernobyl besichtigt hat.

Hinzu komme, so Pflugbeil, die unzureichende Vorbereitung der Bevölkerung auf eine atomare Katastrophe. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind in Deutschland keine Sirenen mehr im Einsatz. „Wäre das Unglücksgebiet – wie in Japan – von der Stromversorgung abgeschnitten, hätte man keine Möglichkeit die Bevölkerung zu informieren“, kritisiert er.

Zudem fehle dem Personal in den zuständigen Behörden für den Ernstfall das nötige Know-how. „Viele der Mitarbeiter sind Schreibtischtäter und haben keinerlei Praxiserfahrung oder Übungen für den Ernstfall absolviert." Hinzu komme, dass weder in Schulen noch in Betrieben auf einen möglichen GAU vorbereitet werde. „Wahrscheinlich müsste das Militär eingreifen und wir hätten schnell kriegsähnliche Zustände“, so Pflugbeil. Mit einem ähnlichen Verhalten der Bevölkerung wie in Japan, wo sich die Menschen diszipliniert und ruhig verhalten, um eine Massenpanik zu verhindern, könne man in Deutschland nicht rechnen.

Evakuierungsradius in Deutschland zu klein“

Die größte Gefahr beim zivilen Katastrophenschutz bestehe aber in dem zu klein gefassten Evakuierungsradius von drei Kilometern. Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt zwar Evakuierungen in einem Umkreis von zehn Kilometern, doch letztlich entscheiden die Länderbehörden darüber.

„Im Ernstfall würde dies nicht ausreichen“, erläutert Pflugbeil und verweist auch hier auf die Erfahrungen, die man beim Reaktorunglück in Tschernobyl gemacht habe. Zum Beispiel wisse man, dass partikelgebundene radioaktive Strahlung über einen sofortigen Wechsel der Kleidung und Duschen reduziert werden kann. „Wenn die Menschen dies aber nicht wissen, verpufft das schmale Zeitfenster“, so Pflugbeil. Schon eine leichte Strahlung kann erhebliche Gesundheitsschäden verursachen.

Wie in Japan würden die Behörden den Menschen auch hier raten, in ihren Häusern zu bleiben. Doch um sich beispielsweise Jodtabletten zu besorgen, müssten sie ihre Wohnungen wieder verlassen und wären im Ernstfall radioaktiver Strahlung ausgesetzt.

„Die Notfallpläne in Deutschland sind einfach nicht stimmig“, moniert Pflugbeil. Die Probleme seien zwar alle schon lange bekannt, aber „nicht lösbar“, resümiert der Strahlenexperte. Man könne nur eine schreckliche oder eine weniger schreckliche Lösung anwenden.

Moratorium ist ein wahltaktisches Manöver“

Die Katastrophe in Japan und die Reaktionen in der Bevölkerung darauf haben für ein rasches Umlenken der Bundesregierung von ihrem Energiekonzept gesorgt. Eine Gefahr von den „Schrottmeilern“ sei zwar mit dem Moratorium für die kommenden drei Monate ausgesetzt, doch der Physiker glaubt nicht an einen Kurswechsel in der deutschen Energiepolitik. „Es ist unanständig was die Bundesregierung da gerade macht“, kritisiert Pflugbeil, „alles nur ein wahltaktisches Manöver“.

Einen Alternativplan, wie man einem ähnlichen Unfall in Deutschland begegnen könnte, hat der Strahlenschutzexperte nicht. Zu groß, sei die Aufgabe und zu riskant die Technologie. Da helfe nur eines: „Auf Atomenergie verzichten und die Reaktoren abschalten.“

Weitere Informationen:

Die Gesellschaft für Strahlenschutz informiert über die Auswirkungen des Reaktorunglücks in Tschernobyl: www.gfstrahlenschutz.de

Das Bundesamt für Strahlenschutz bietet Informationen über die Strahlenrisiken in Fukushima: www.bfs.de

Die nationale Plafttform für Katatrophenvorsorge in Deutschland, DKKV: www.dkkv.org

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014