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Serie: Expo 2010

Shanghai: Nach dem Expo-Ende

So schnell wie die Pavillons für die Expo erbaut wurden, werden sie auch wieder abgerissen. Das beflügelt hitzige Debatten.

Shanghai: Nach dem Expo-Ende Shanghai: Nach dem Expo-Ende
energlobe.de, Maud Radtke

Über den Nutzen von Weltausstellungen gab es immer wieder hitzige Diskussionen. Welchen Sinn haben die meist teuren Pavillons, mit denen sich die Länder einer weltweiten Öffentlichkeit präsentieren und die wenige Monate später wieder abgerissen werden? Auch die Expo in Shanghai, welche am 31. Oktober zu Ende ging und die Lösungen für eine lebenswertere und nachhaltigere Stadt zeigte, hat diese Debatte neu entfacht. Was bleibt nach dem Riesen-Event?

Mit Spaten und Schaufeln waren sie angetreten: Mitarbeiter des deutschen Pavillons kamen am ersten Tag nach dem Ende der Expo gemeinsam mit der Pavillondirektion in den Houtan-Park. In einer kleinen Zeremonie vergruben sie 60 T-Shirts in der chinesischen Erde. Sie stammen aus der Bekleidungskollektion, mit der die Beschäftigten in den vergangenen sechs Monaten ausgestattet wurden.

Die Leipziger Firma Novanex hatte die modische Bekleidung in Zusammenarbeit mit der Internationalen Umweltforschungsgesellschaft EPEA entwickelt. Der Clou: Die Textilien sind komplett biologisch abbaubar und sollen nun die Bäume und Pflanzen in dem Erholungsgebiet auf dem Gelände der Weltausstellung mit Nährstoffen versorgen.

Balancity“: Nachhaltigkeit vom Jackett bis zum Stahlgerüst

So nachhaltig wie die Lösungen des deutschen Pavillons waren nicht alle Konzepte. Dabei waren Umweltschutz, Ressourcenschonung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit während der Weltausstellung geradezu inflationär genutzte Begriffe. Für die Ideen zur Umsetzung des Expo-Themas wurde der deutsche Beitrag aus der Stuttgarter Kreativagentur Milla und Partner nun mit dem goldenen Preis der Expo-Jury ausgezeichnet.

Offensichtlich hatte man sich dem Expo-Thema „Better City, Better Life“ mit deutscher Gründlichkeit erfolgreich gewidmet und Konzepte erarbeitet, die vom Stahlgerüst des Pavillons bis hin zum Jackett der Mitarbeiter reichten. So soll etwa die Textilfassade, mit der die Außenwand des Pavillons bespannt ist, wiederverwertet werden. Dietmar Schmitz, Leiter des Expo-Referats der Bundesregierung, kündigte an, sie werde an der Deutschen Schule in Shanghai als Sonnenschirm eine neue Bestimmung finden. Das Stahlgerüst des Pavillons soll ebenfalls recycelt und an die Baoshan Stahl- und Eisenfirma zur weiteren Verarbeitung zurückgegeben werden.

Richtlinien für Recycling und Energieeffizienz

Nach den Olympischen Sommerspielen 2008 war die Expo das zweite Mega-Event in der Volksrepublik China. Weil sich die Volksrepublik der Weltöffentlichkeit innerhalb kurzer Zeit nochmals als aufsteigende Wirtschaftsmacht präsentieren konnte, wurde die Expo auch als „Business Olympics“ bezeichnet. Am vergangenen Sonntag ging die Weltausstellung zu Ende und brach alle Rekorde: Sie war die größte und teuerste Expo mit den meisten Besuchern. 30 Milliarden Euro soll die Großveranstaltung gekostet haben. Das Geld, so meinen Kritiker, hätte man besser im Gesundheitswesen oder im Bildungsbereich investiert.

Dass die Pavillons nach der 184-tägigen Schau leicht zu demontieren und die Baumaterialien wiederverwendbar sein sollten, stand in den Richtlinien des Expo-Organisationskomitees. Viele Pavillons wurden deshalb so geplant und konstruiert, dass ein Großteil der eingesetzten Baumaterialien einer weiteren Nutzung zugeführt werden kann. Auch die Energieversorgung mit der größten Wärmepumpe im Huangpu-Fluss sowie der Einsatz von Regenwasser für sanitäre Anlagen sollten die Nachhaltigkeit als wesentlichen Charakterzug der Expo verstärken.

Doch nicht selten klagten Architekten über unqualifiziertes Baupersonal, dass die speziellen Baumethoden für die Pavillons der Industrieländer nicht umsetzen konnte und die baulichen Vorgaben ad absurdum führte. Wie nachhaltig kann eine Weltausstellung tatsächlich sein, wenn sie gerade jene Orte, welche ökologisch sinnvolle Ideen beherbergen, kurze Zeit später von Baggern einfach wieder platt machen lässt?

Eine Messe für Menschen?

Über 73 Millionen Menschen besuchten die Weltausstellung; davon kamen 3,5 Millionen aus dem Ausland. Zum Vergleich: 2000 waren es in Hannover 18 Millionen. Ob mit dem Verkauf der Tickets zumindest ein Teil der Kosten gedeckt werden kann, ist unklar. Schließlich kamen die meisten chinesischen Besucher in Gruppen: Schulklassen, Mitarbeiter von Firmen und sogar ganze Dörfer erhielten kostenlose oder zumindest stark reduzierte Eintrittskarten und verhalfen der Expo in Shanghai zu einem traumhaften Besucherrekord.

Während Chinas Regierungschef Wen Jiabao auf einem Forum von einem „unvergesslichen Ereignis“ sprach, erinnern sich die meisten chinesischen Besucher an die langen Warteschlangen bei sengender Hitze und Wartezeiten von bis zu acht Stunden. Nur wenige konnten auch genau jene Pavillons sehen, auf die sie sich gefreut hatten.

Bereits vor der Eröffnung der Weltausstellung wurde der Umgang mit den Bewohnern ganzer Stadtviertel von Menschenrechtsgruppen kritisiert. Das vermeintlich bessere Leben in den Städten begann für viele Shanghaier mit einem Rausschmiss aus den eigenen vier Wänden. Die Stadt brauchte viel Platz für das große Expo-Gelände. Bis heute sind nicht alle der 18.000 Umgesiedelten wie angekündigt entschädigt worden.

Shanghai profitiert am meisten

Profitiert hat besonders die Stadt Shanghai. Um den Besucheransturm zu bewältigen, wurden sechs U-Bahnlinien, neue Straßen, Tunnel und Brücken gebaut. Obwohl die Stadt schon lange unter einer Dunstglocke keuchte und Staus auf der Tagesordnung waren, wurden die Infrastrukturmaßnahmen erst für die Expo realisiert.

Auch die Elektroautos und -busse, die mit Strom statt Sprit geräuschlos über das Gelände fuhren, weisen in eine ökologisch sinnvolle Verkehrszukunft. Doch ob sie das Bild chinesischer Städte prägen werden, vermag noch niemand abzusehen.

Und obwohl für viele Chinesen ein besseres Leben in den Städten noch nicht greifbar ist, sind sie stolz auf die Expo und die Leistung ihres Landes, ein so großes Ereignis zu stemmen. Für sie gab es viel zu lernen: etwa über den CO2-Fußabdruck, Erneuerbare Energien, Häuser, die ihren eigenen Strom produzieren und natürliche Baumaterialien, die so manchen künstlichen Baustoff ersetzen können. In einer Stadt wie Shanghai, in der über 3.000 Hochhäuser stehen und in der in rasendem Tempo gebaut wird, eine wichtige Botschaft.

Aber auch für die ländlichen Regionen, in denen der Wohlstand noch nicht angekommen ist, haben die Visionen der Expo Signalwirkung. Großen Anklang fand deshalb auch die Urban Best Practice Area, eine Ausstellungsfläche, die konkrete Vorschläge für umweltbewusstes Leben in den Städten ausstellte.

Am Ende bleibt eine Baustelle

Lediglich fünf Gebäude werden auf dem Gelände verbleiben: allen voran der chinesische Pavillon, die „Krone des Ostens“ und ungeschlagener Besuchermagnet. Weiterhin bleiben auch die Expo-Achse mit ihren Geschäften und Restaurants, das Performance Center als Veranstaltungshalle, das Expo-Center mit Eislaufbahn und Einkaufszentrum sowie der Themenpavillon stehen. Auch das Hamburg House, Chinas erstes Passivhaus, soll auf dem Komplex als Ausstellungsort erhalten bleiben. Was aus dem fünf Quadratkilometer großen Ausstellungsgelände werden soll, darüber wird noch spekuliert.

Von der internationalen Industrieschau haben sich viele Nationen gute Chancen auf den Weltmärkten versprochen. Architekten und Ingenieure suchten auf der Expo ein globales Publikum für ihre neuesten technischen Innovationen. Viele Unternehmen können sich über Großaufträge freuen, über einen Imagegewinn besonders in China mit seiner boomenden Wirtschaft. Doch wie groß der Nutzen für die Wirtschaft war, ist schwer abzuschätzen. Sicher ist, dass sich das Gelände am Huangpu Fluss bald wieder in eine Baustelle verwandeln und ebenso unwirtlich aussehen wird wie vor Beginn der Weltausstellung.

Weitere Informationen:

Impressionen sowie ein Rundgang durch den deutschen Pavillon www.expo2010-deutschland.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014