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Serie: Expo 2010

Teetrinken im emissionsfreien Haus

Zuerst baut Bill Dunster emissionsfreie Häuser, danach ganze Siedlungen, die komplett ohne CO<sub>2</sub>-Emissionen wirtschaften.

Teetrinken im emissionsfreien Haus Teetrinken im emissionsfreien Haus
BDa ZED Factory

Seinem ersten Gebäude, dass Bill Dunster 1995 baute, gab er den verheißungsvollen Namen Hope House. Es war ein Haus für seine Familie und sollte Dunsters Traum vom nachhaltigen Wohnen und Leben verwirklichen: mit Wärme und Strom aus Erneuerbaren Energiequellen, aufbereitetem Regenwasser und Gebäuden, die die Umwelt weder beim Bau, noch beim Wohnen mit schädlichen Emissionen belasten.

Ressourcenschonendes Bauen ist eine der großen Herausforderungen und Chancen unserer Zeit. Noch immer verbrauchen Gebäude zu viel Energie, weil sie nicht effizient wirtschaften. Nicht nur die Industrieländer, gerade schnell wachsende Schwellenländer wie etwa China sind aufgrund ihrer raschen Urbanisierung davon betroffen.

Lösungen und Ideen für nachhaltiges Bauen und Leben in den Städten präsentiert die Expo 2010 in Shanghai mit dem Leitthema „Better City – Better Life“ noch bis Ende Oktober. In der Urban Best Practice Area, einem neu geschaffenen Bereich der Weltausstellung, stellen Städte aus der ganzen Welt ihre erprobten Konzepte vor. Neben dem deutschen Vorschlag, dem Hamburg House als erstes Passivhaus Chinas, wurde ein zweiter Prototyp des energieeffizienten Bauens für die Expo errichtet – der London Case Pavillon des Architekten Bill Dunster. Er ist ein Ableger des Hope House und soll auf der Expo vermitteln, dass umweltschonende Wohnformen in dicht besiedelten Gebieten mit Hilfe Erneuerbarer Energie, keine Zukunftsvision mehr sind, sondern bereits gebaute Praxis.

Hope wie Hoffnung

Dunster hat eine solche Ökosiedlung schon errichtet. Im Auftrag des Peabody Trust, einer gemeinnützigen Stiftung und Wohnbaugenossenschaft, errichtete der Brite 2002 im Süden Londons das Pilotprojekt Beddington Zero Energy Development, kurz BedZED. In Zusammenarbeit mit dem international tätigen Ingenieurbüro Arup hatte Dunster das Konzept Anfang der Neunziger Jahre entwickelt. Das Ziel: Wohngebiete bauen, die ganz ohne CO2-Emissionen auskommen, dabei energieeffizient und erschwinglich sind sowie sozialen Anforderungen gerecht werden.

Neben 100 Wohneinheiten mit Wintergärten und Ateliers, entstanden in Beddington auch ein Kindergarten, Cafés, ein Biosupermarkt sowie Sporteinrichtungen für 240 Bewohner und 200 Arbeitspendler. Die Hälfte der Wohnungen wurden für Familien mit geringem Einkommen reserviert. Alle Bauten sind nach den Kriterien der ZED-Philosophie konzipiert. ZED ist die Abkürzung für Zero Energy Development und Kern in Dunsters nachhaltigem Architekturkonzept. Was im Ansatz vielleicht radikal anmutet ist Dunsters erklärtes Ziel: ein Lebensstil ohne schädliche Emissionen für den Planeten. „Mir war schon früh klar, dass grüne Gebäude allein nicht ausreichen und ich einen ganzheitlichen Ansatz für einen nachhaltigen Lebensstil mit entwerfen wollte“, erinnert sich Dunster, der mit seiner esoterisch angehauchten Wohnsiedlung für Diskussionen in Großbritannien sorgte.

Beddington: Energieautark und eigenwillig

Doch das Konzept ging auf. Bis heute ist die Ökosiedlung in Beddington energieautark und wird es auch bleiben. Dies liegt an der energetisch optimierten Bauplanung: Alle Wohnungen sind nach Süden ausgerichtet, während die Ateliers und Büros nach Norden zeigen, um optimale Licht- und Schattenverhältnisse zu erzielen. Die komplette Verglasung der Südfronten sowie eine spezifische Anordnung der Räume im Inneren der Wohnungen ermöglichen die maximale Nutzung der Sonnenwärme.

Strom und Heizwasser werden von einer Photovoltaikanlage mit beachtlichen 1.100 Solarmodulen auf den Dächern sowie einem kleinen Biomassekraftwerk produziert. Die Solarzellen mit einer Fläche von über 700 Quadratmetern liefern dabei ausreichend Strom, um auch die gemeinschaftlich genutzten Elektroautos mit Energie zu versorgen. Die Nutzung der Sonnenenergie ist Dreh- und Angelpunkt in Dunsters Bauweise, was ihm auch den Beinamen eines Solar-Urbanisten eingebracht hat.

Drollige Windmützen und Gemüse auf dem Dach

Geheizt werden muss in den BedZED-Passivhäusern nur wenig. Durch die extradicken Wände, eine großzügige Dämmung sowie dreifach verglaste und strategisch platzierte Fenster, ist die Gebäudehülle luftdicht verpackt. Mit Baustoffen aus der Region gelang dem Architekten eine effiziente Wärmespeicherung in Wänden, Decken und Fußböden. Ein ausgeklügeltes Leitungssystem fängt das Regenwasser auf und sammelt es zentral in der eigenen Kläranlage. Dort wird auch das Abwasser mikrobiologisch gereinigt und für sanitäre Einrichtungen sowie die Bewässerung der Gärten verwendet.

Eine Besonderheit der ZED-Bauweise ist die besonders tragfähige Dachkonstruktion, die neben den Solarzellen und der Begrünung sogar kleine Windturbinen tragen kann. Die etwas drollig anmutenden Windmützen sind ein Blickfang. Indem sie sich in Richtung des Windes ausrichten, wird die Luft im Inneren allein durch die Sogwirkung stündlich ausgewechselt.

Auf dem Weg nach Hope City

Mit seiner eigenwilligen Ästhetik trifft Dunster nicht jeden Geschmack. Das Äußere komme schließlich mit der Umsetzung der energetischen Vorgaben, gibt der Architekt zu bedenken. Sein Energiekonzept jedoch ist überzeugend: Mit der ZED-Bauweise reduziert er den Energieverbrauch seiner Gebäude auf rund 10 Prozent im Vergleich mit einer konventionellen Wohnanlage. „Eine umweltschonende Idee, ein grünes Konzept, muss sich vor allem gut verkaufen können“, macht Dunster klar. Bereits heute gebe es schon bezahlbare Lösungen für grünes Leben und Wohnen, man müsse sich nur für sie entscheiden. Auf die Politik oder Industrie könne man nicht warten: „Die werden nicht so schnell Lösungen hervorbringen, wie es nötig wäre.“

Aus dem Hope House entwickelte sich in Beddington ein Hope District. Dunster hat seitdem viele weitere Projekte realisiert, sein Konzept immer wieder erweitert und beispielsweise unterschiedliche Klimazonen, geographische oder demographische Gegebenheiten einbezogen. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass die ZED-Philosophie bei der Planung einer chinesischen Hope City angewandt wird. Deshalb steht der Ableger seines Hope House auch in abgewandelter Form auf dem Expo-Gelände. „Was in England geht, funktioniert auch in China“, erklärt Dunster, der unlängst ein Büro in Shanghai eingerichtet hat. Gemeinsam mit der chinesischen Bauindustrie will er Lösungen für dicht besiedelte und klimatisch schwierige Regionen entwickeln. „Man kann Häuser bauen ohne Energierechnungen und Städte schaffen, die sich selbst versorgen können“, sagt Dunster überzeugt – und hoffnungsvoll.

Weitere Informationen:

www.zedfactory.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014