Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Biodiversität

Behutsames Wirtschaften

Um den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, muss die Wirtschaft sensibilisiert werden, sagt Edgar Endrukaitis, Koordinator einer globalen Initiative.

Behutsames Wirtschaften Behutsames Wirtschaften
energlobe.de, Denny Rosenthal

Im japanischen Nagoya findet vom 18. bis 29. Oktober die zehnte Vertragsstaatenkonferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt statt. Nach Ansicht der Bundesregierung gibt es drei wichtige Ziele: Die Regelung des Zugangs sowie des gerechten Vorteilsausgleichs bei der Nutzung genetischer Ressourcen, neue globale Biodiversitätsziele sowie ein neuer strategischer Plan für die Zeit zwischen 2011 bis 2020 und die Bereitstellung zusätzlicher Mittel.

Sie selber will bis 2012 insgesamt 500 Millionen Euro zusätzlich und ab 2013 jährlich 500 Millionen Euro für den Schutz von Wäldern und anderen Ökosystemen bereitstellen. Damit sich auch die Wirtschaft stärker engagiert, versucht die 2008 vom Bundesumweltministerium gegründete internationale Business and Biodiversity Initiative „Biodiversity in Good Company“ Unternehmen zu sensibilisieren hier aktiv zu werden. Kurz bevor er sich auf den Weg nach Japan macht sprach der Koordinator der Initiative in Deutschland, Edgar Endrukaitis mit energlobe.de

Herr Endrukaitis, warum zeigen Unternehmen bislang wenig Engagement für den Erhalt der Biodiversität?

Edgar Endrukaitis: Das Thema ist auch für die Wirtschaft relativ neu. Wir wollen mit der Initiative erreichen, dass der Erhalt und Schutz der Artenvielfalt Teil des Umweltmanagements in Unternehmen wird. Je nachdem wie exponiert ein Unternehmen zur Biodiversität ist, muss es sein Kerngeschäft entsprechend anpassen. Ein Handelshaus kann beispielsweise seine Lieferanten beeinflussen, nur noch zertifiziertes Holz für seine Produkte zu liefern. Zementwerke sollten vor dem Kiesabbau eine Biotopkartierung erstellen und die genutzten Flächen anschließend renaturieren. Nahrungsmittelhersteller können auf ökologische Standards beim Anbau von Getreide und Gemüse achten.

Bislang herrscht allerdings eine gewisse Ratlosigkeit bei vielen Unternehmen, denn es gibt noch keine entwickelten Konzepte und Instrumente. Gegen dieses Defizit kann die Politik etwas tun – sie kann Forschungsgelder bereitstellen, um Leitfäden mit Praxisbezug erarbeiten zu lassen und der Wirtschaft eine Handreiche zu geben. Denn der Prozess wird nicht alleine aus den Unternehmen heraus angestoßen. Sowohl bei der Wirtschaft als auch bei den Konsumenten gibt es da noch erheblichen Aufklärungsbedarf.

Was kann ihre Initiative in diesem Zusammenhang leisten?

Endrukaitis: Die Initiative Biodiversity in Good Company, geht hier sehr pragmatisch vor. Die derzeit 42 beteiligten Unternehmen haben eine Selbstverpflichtungserklärung abgegeben, einen internen Prozess zu starten, um Biodiversitätsaspekte in ihr Umweltmanagmentsystem zu integrieren. Dieser Prozess wird von uns begleitet. Mit Mitteln des Bundesumweltministeriums haben wir im Dialog mit der Wissenschaft und den Mitgliedsunternehmen ein Handbuch für unternehmerisches Biodiversitätsmanagement entwickelt, das ganz in der Diktion der unternehmerischen Logik gehalten ist. Damit kann ein Praktiker sich die klassischen Handlungsfelder seiner Firma anschauen – Produktion, Standort, Personal, Produktdesign, Lieferkette etc. – und mit dem Handbuch Anknüpfungspunkte finden, was relevant für den Erhalt der Biodiversität ist. Das Handbuch liegt auf deutsch, englisch, japanisch und demnächst portugiesisch vor und wird weltweit verbreitet. Die deutsche Ausgabe war nach kurzer Zeit vergriffen. Wenn Firmen nach der Lektüre aktiv werden wollen, vermitteln wir auch Experten, die sie dabei unterstützen können. Ab 2011 planen wir zudem Anwendungskurse anzubieten.

All diese Maßnahmen sind freiwillig, müsste es nicht mehr Gesetze geben, die Unternehmen verpflichten, etwas für den Erhalt der Biodiversität zu leisten?

Endrukaitis: Es mangelt nicht an Gesetzen, allenfalls an der korrekten Umsetzung. Es gibt das Umwelthaftungsrecht, die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie etc. Was wir zusätzlich brauchen, sind praxisorientierte Verfahren mit denen Unternehmen arbeiten können. Ich denke hier zum Beispiel an internationale Umweltzertifikate wie EMAS oder ISO 14000. Wir brauchen weiterhin mehr Aufklärung und Verständnis, was Biodioversität umfasst. Hierzu kann die nationale Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung beitragen, die unter anderem einen verstärkten Dialog mit der Wirtschaft vorsieht. Freiwillige Vereinbarungen, wie sie unsere Initiative vorsieht, sind ein probates Mittel, um praktische Beispiele zu generieren, die zeigen wie unternehmerisches Biodiversitätsmanagment aussehen kann und warum es sich auch rechnet.

Hat sich in anderen Teilen der Welt bereits ein stärkeres Bewusstsein für das Thema gebildet?

Endrukaitis: Das Bewusstsein lässt insgesamt weltweit noch zu wünschen übrig. Wir hoffen, dass die neue StudieDie Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität“ (The Economics of Ecosystems and Biodiversity - TEEB) die Diskussion voranbringt. Sie beziffert quasi den Wert der Natur und der Ökosystemdienstleistungen. Der Wald als Dienstleister und Produzent für frische Luft und Kohlendioxid-Speicher bekommt einen Wert zu geschrieben. Es ist leider so, dass wir nur das schützen, was einen Wert oder einen Preis hat. Doch bislang sind Dienstleistungen der Natur wie fruchtbare Böden, frische Luft und sauberes Wasser weitgehend kostenlos. Entsprechend sorglos ist der Umgang damit.

Der Stern-Report zum Klimaschutz hat berechnet, was es kostet, wenn wir nichts gegen den Klimawandel unternehmen und belegt, dass es teurer wird. Zu einem ähnlichen Resultat kommt die TEEB-Studie in Bezug auf die Biodiversität. Die Studie kann dazu beitragen, endlich ein Bewusstsein für den Erhalt der biologischen Vielfalt zu schaffen. Es ist höchste Zeit, denn der Verlust der Artenvielfalt nimmt dramatisch zu - mit unabsehbaren Folgen. Dies lässt sich vielleicht so illustrieren: Wenn man aus einer Ziegelsteinwand sukzessiv Steine herauszieht, bleibt die Mauer zwar noch eine Weile stabil, aber irgendwann bricht sie zusammen. So verhält es sich auch, wenn wir weiter die Natur ausplündern.

Weitere Informationen:

Die Initiative Business Diversity in Good Company

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014