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Exklusiv-Interview

„Deutschland ist überall“

Beim Klimagipfel in Cancún wird es kleine, aber wichtige Fortschritte geben, prognostiziert Lord Stern im Interview mit ENERGLOBE.DE.

„Deutschland ist überall“ „Deutschland ist überall“
Regeringskansliet, Gunnar Seijbold

Beim Klimagipfel im mexikanischen Cancún wird es kleine, aber wichtige Fortschritte geben. Das prognostiziert Lord Nicholas Stern, Autor des gleichnamigen Reports über die Kosten des Klimawandels, im Interview mit ENERGLOBE.DE. Der frühere Chefökonom der Weltbank und Regierungsberater ist heute Professor an der London School of Economics. Eine Videosequenz aus dem Interview finden Sie hier.

Lord Stern, in den kommenden zwei Wochen wird in Cancún über ein Weltklimaabkommen verhandelt. Vor einem Jahr fand der Klimagipfel in Kopenhagen statt – und wird heute oft als gescheitert tituliert. Stimmt das eigentlich?

Lord Nicholas Stern: Der Kopenhagener Gipfel war sehr enttäuschend, aber ich würde ihn nicht als gescheitert bezeichnen. Er hatte immerhin ein Ergebnis, den Copenhagen Accord. Der ist eine Basis, um weiterzumachen. In Kopenhagen wurde verabredet, dass alle Länder bis Ende Januar dieses Jahres ihre eigene Schätzung abgeben, wo sie im Jahr 2020 in Bezug auf ihre Emissionen stehen werden. Als wir Kopenhagen verließen, wussten wir nicht, ob sie dies auch machen würden.

Aber jetzt haben sich mehr als 140 Länder dem Copenhagen Accord angeschlossen und ihre eigenen Schätzungen abgegeben. Sie erzeugen zusammen mindestens 85 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Wenn sich alle an ihre eigenen Angaben halten, dann werden wir in zehn Jahren ungefähr so viele Emissionen verursachen wie heute. Das wäre deutlich weniger als das Niveau, auf das wir zusteuern, wenn wir mit „business as usual“ so weitermachen wie bisher.

Welche Fehler wurden in Kopenhagen gemacht? Und welche Lehren sind daraus gezogen worden?

Stern: Einer der größten und folgenschweren Fehler war, dass die reichen Industrieländer unter sich einen Vertragsentwurf entwickelten und dann versuchten, den an die Entwicklungsländer zu verkaufen. Das ist nicht die Art und Weise, wie internationale Vereinbarungen von dieser Bedeutung getroffen werden sollten. Ich glaube, das waren die letzten Überreste einer G-8 Mentalität. Aber wir leben heute in einer Welt der G-20.

Aus solchen Fehlern haben wir gelernt – vor allem zwei Dinge. Erstens haben wird die Erwartungen an die Gipfelergebnisse gedämpft. Zweitens haben wir gelernt, enger zusammenzuarbeiten und dabei Trennungslinien zwischen armen und reichen Nationen zu überwinden.

Mexiko ist als Schwellenland in einer guten Position, um diesen Brücken-Prozess zu moderieren, und hat bereits sehr weise Führungsqualitäten gezeigt.

Ich will meine Erwartungen nicht übertreiben. Ich glaube, dass wir in Cancún einige kleine aber wichtige Fortschritte sehen werden – in der Struktur, die der Kopenhagener Gipfel vorgegeben hat. Es wird aber nichts Einschneidendes geschehen, und das sollten wir auch nicht erhoffen.

Am 5. November veröffentlichte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon seinen „Report zur Finanzierung des Klimawandels“, den eine hochrangige Arbeitsgruppe ausgearbeitet hat. Diesem Gremium gehörten Sie an, ebenso wie zum Beispiel der Großinvestor George Soros, der frühere US-Finanzminister Lawrence Summers und der amtierende britische Energieminister Chris Huhne. Wie kam es zu diesem Report?

Stern: Er ist eine Folge des Schlussdokuments von Kopenhagen. In Paragraph Acht werden erforderliche Transferzahlungen der reichen an die armen Länder beziffert, und zwar mit 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020. Dabei wird betont, dass neue und innovative Wege zur Finanzierung dieser 100 Milliarden Dollar notwendig sind, und zwar aus zwei Gründen. Erstens soll das Geld zusätzlich zur konventionellen Entwicklungshilfe fließen. Zweitens sind die Industrieländer derzeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, so dass sie nach neuen Finanzierungsquellen anstelle der üblichen Haushaltsposten suchen müssen.

Der UN-Generalsekretär hatte kurz nach Kopenhagen eine Arbeitsgruppe mit 20 Mitgliedern eingesetzt. Drei davon waren unabhängig, also weder an Regierungen noch an staatliche Institutionen gebunden: Caio Koch-Weser von der Deutschen Bank, der Finanzinvestor George Soros und ich. Wir drei saßen sozusagen ohne Reisepass in dieser Arbeitsgruppe; die war für mich wie ein Mikrokosmos jener internationalen Verständigungen, die wir aufbauen müssen.

Wie lautet die Kernbotschaft dieses Reports?

Stern: Wenn wir solche neuen und innovativen Finanzierungsquellen wirklich erschließen wollen, dann können wir das auch. Die Optionen sind vorhanden, es kommt jetzt auf den politischen Willen an. Diese Optionen hängen fast alle damit zusammen, den Ausstoß von Kohlendioxid mit einem Preisschild zu versehen. Durch Auktionserlöse in einem Emissionshandelssystem und durch CO2-Steuern. Und durch das Abschaffen von Subventionen auf fossile Brennstoffe.

Im Report wird ein Preis von 20 bis 25 Dollar pro Tonne CO2 genannt. Ist das realistisch?

Stern: Das ist der Preis eines Referenzszenarios, das wir im Report durchgerechnet haben, um das finanzielle Potenzial solcher Maßnahmen zu verdeutlichen. Persönlich glaube ich, dass der Preis für eine Tonne Kohlendioxid im Jahr 2020 noch deutlich höher liegen muss, wenn wir den Umbau zu einer CO2-armen globalen Volkswirtschaft meistern wollen. Wir haben in diesem Report das Einkommenspotential bei einem Preis zwischen 20 und 25 Dollar pro Tonne CO2 analysiert. Aber je höher dieser Preis nachher liegt, desto mehr Geld wird eingenommen.

Wie soll dieses Geld in der Realität kassiert werden – und letztendlich in die Transfers für die Entwicklungsländer fließen?

Stern: Reiche Länder werden CO2-Steuern einführen oder bereits bestehende Steuern erhöhen. Eine Alternative ist der Emissionshandel wie in der EU, der mit Auktionen für CO2-Zertifikate verbunden werden muss. Ein Teil dieser Auktionserlöse wird dann in den Fonds überwiesen. In unserer Rechnung sind wir davon ausgegangen, dass von den gesamten CO2-Einnahmen, also durch Steuern, Zertifikatehandel und dem Abschaffen der Subventionen für Fossile, rund zehn Prozent in den Fonds für die Entwicklungsländer fließen.

Wie bewerten Sie Deutschlands internationale Rolle beim Klimaschutz?

Stern: Deutsche Technologie wird beim Klimaschutz eine enorm wichtige Rolle spielen. Ob im Transportsektor, in der Bauindustrie oder der Energietechnik – Deutschland ist überall. Länder entwickeln sich technologisch je nachdem, wo Unternehmen und Regierungen ihre Prioritäten setzen. Gute Politik bringt diese Dinge zusammen. Deutschland ist das bevölkerungsreichste Land in Europa und hat somit automatisch eine Vorreiterrolle. In Europa leben 500 Millionen Menschen, die europäische Wirtschaft ist größer als die der USA. Deutschland gehört zu den Gründern der EU, und seine Rolle beim Klimaschutz wird fundamental wichtig sein – ebenso wie sein Engagement, Europa zum Vorreiter beim Klimaschutz zu machen. Klimaschutz geht uns in Europa alle an; aber Deutschlands Rolle ist dabei besonders groß und zentral.

Kann Deutschland dabei helfen, China und die USA zu mehr Klimaschutz zu überreden?

Stern: Ja. Im Oktober hat China die Eckpunkte seines zwölften Fünf-Jahres-Plans veröffentlicht, für die Periode von 2011 bis 2016. Dieser Plan basiert auf steigendem Konsum – und auf grünem Wachstum. Technologie wird dabei eine große Rolle spielen, und die Verbindungen zwischen Deutschland und China im Technologiebereich sind stark, sei es durch direkten Export oder durch industrielle Joint Ventures in China. Sehr genau schaut China auf das, was in Europa beim Klimaschutz geschieht, und da hat Deutschland als führendes Land in Europa eine tragende Rolle.

In Bezug auf die Vereinigten Staaten möchte ich die Frage so beantworten: Hier sollte es technologischen Wettbewerb geben. Dabei setzt Deutschland Standards für den Rest der Welt – und entwickelt Wege für deren Umsetzung.

Dies ist ein „green race“, ein grüner Wettlauf, der bereits begonnen hat. Je mehr Wettbewerb zwischen Europa, China und den USA existiert – desto besser ist das für den Klimaschutz. Deutschland wird bei diesem Wettlauf ganz vorne mit dabei sein.

Weitere Informationen:

Die Studie: Report of the Secretary-General’s High-level Advisory Group on Climate Change Financing. November, 2010. www.un.org

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014