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Gastbeitrag

Positiv-Ziele für Cancún

Ein Gastbeitrag über den anstehenden Klimagipfel.

Positiv-Ziele für Cancún Positiv-Ziele für Cancún
energlobe.de, Denny Rosenthal

Weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben sich Anfang August die Vertreter der Vereinten Nationen zunächst in Bonn und Anfang Oktober im chinesischen Tianjin getroffen. Beide Veranstaltungen haben verdeutlicht, was sich bereits beim gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen Ende 2009 abzeichnete: Konkrete Schritte für den globalen Klimaschutz sind ungemein zäh und schwierig. Es scheint unwahrscheinlich, dass im Dezember bei den Verhandlungen im mexikanischen Cancún wirklich ein Durchbruch erreicht wird. Dabei wäre es so wichtig, dass die Weltgemeinschaft sich rasch einigt. Schwellen – und Entwicklungsländer sind oft negativ vom Klimawandel betroffen und fordern die Industriestaaten eindringlich auf, mehr zu tun. Die Industriestaaten wiederum schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu: Sie fordern vom jeweils anderen, mehr zu tun.

Ablehnung führt zu kollektiver Lähmung

Wir drehen uns im Kreis. Die Klimaforschung hat Großes geleistet: Sie hat bewiesen, dass der rasante Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu einer globalen Erwärmung führt. Sie hat zudem Lösungsansätze aufgezeigt: Treibhausgase vermindern, und zwar möglichst sofort und vor allem auf globaler Ebene. Dieser Ansatz bringt Probleme mit sich. Nationen fürchten einen Wettbewerbsnachteil, wenn ihnen permanent gesagt wird, dass sie etwas unterlassen sollen. Und die Klimaforscher bestärken leider genau diese Grundhaltung – indem sie unaufhörlich wiederholen, dass nur eine globale Lösung Abhilfe schafft. Auch viele Volkswirte leisten hier mit ihren Analysen einen Bärendienst. Es ist zwar in der Theorie richtig, dass ein Emissionsrechtehandel auf globaler Ebene die effizienteste Lösung wäre – und dass die Verteilung der Emissionsrechte idealerweise pro Kopf erfolgen sollte. In der Praxis ist dieser Plan jedoch nicht umsetzbar, weil sich zu viele Länder benachteiligt fühlen. Der permanente Ruf nach diesem globalen Instrument führt zu keinem Ergebnis, im Gegenteil. Es führt zu einer kollektiven Ablehnung. Und die mündet in einer kollektiven Lähmung.

Positiv-Ziele statt Negativ-Zielen

Das demnächst auslaufende Klimaabkommen von Kyoto basiert auf „Negativ-Zielen“: Vermeidung von Treibhausemissionen mit zeitgleicher Androhung von Sanktionen. Doch die erhoffte Wirkung ist offensichtlich ausgeblieben. Die USA haben bisher kein Klimaabkommen verbindlich unterzeichnet. Aufstrebende Volkswirtschaften wie Indien oder China verweisen auf ihre geringen Pro-Kopf Emissionen und weigern sich, Begrenzungen oder gar Reduktionen ihres nationalen CO2 -Ausstoßes zuzustimmen. In dieser Situation wäre es weitaus wirksamer, „Positiv-Ziele“ zu formulieren: Jedes Land zeigt auf, welche wirtschaftlich positiven Entwicklungen es im Bereich Klimaschutz leisten kann. Dazu gehört erstens die rasche Einführung Erneuerbarer Energien mit dem Ziel der Vollversorgung zum Beispiel im Jahr 2050, verbunden mit konkreten Zwischenzielen für den Anteil der regenerativen Energien am Verbrauch von Strom und Primärenergie für 2020 und 2030. 

Zweitens gehört zu diesen Positiv-Zielen die Erhöhung der Energieeffizienz in Gebäuden, Verkehr und Produktion. Diese kann man in der Energieintensität des Bruttosozialproduktes, also in Kilowattstunden pro Euro bzw. Dollar Wirtschaftsleistung messen. Ein Wettbewerb um die besten Lösungen der nachhaltigen Energieversorgung und Mobilität sowie auch der intelligenten Netze würde Schwung in die stockenden Verhandlungen bringen. Der „Gewinn“ wäre ein langfristiger Wettbewerbsvorteil auf diesen schnell wachsenden Zukunftsmärkten, zahlreiche neue Jobs in diesen Branchen, und Fortschritt in Richtung der Klimaziele.

China und USA ins Boot holen

Mit solchen Positiv-Zielen könnten sich auch China und die USA, also die beiden mit Abstand größten Emittenten, eher anfreunden als mit den bestehenden Negativ-Zielen. China beispielsweise ist mittlerweile nicht nur Weltmeister beim Treibhausgasausstoß, sondern auch beim Energieverbrauch. Das Riesenreich wächst unaufhörlich und besitzt einen enormen Energiehunger. Es hat aufgrund seiner starken Wirtschaftskraft beste Voraussetzungen, in Zukunftsmärkte zu investieren – und tut dies teilweise auch schon beim Ausbau Erneuerbarer Energien.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass pro Kopf gemessen China noch immer weit hinter den Industriestaaten liegt, insbesondere den USA. Die USA sollten die eigentlichen Treiber des Klimaschutzes und einer nachhaltigen Energiewende sein. Doch sie verschwenden unglaublich viel Energie, weil lange Wegstrecken mit spritschluckenden Fahrzeugen ebenso zum American Way of Life gehören wie das Wohnen in ungedämmten Häusern, die im Winter mächtig geheizt und im Sommer auf Frosttemperaturen herunter gekühlt werden. Leider hat es US-Präsident Obama versäumt, gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein Energiegesetz auf den Weg zu bringen. Selbst die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat nicht zu einem Umdenken der Administration und der Bevölkerung geführt. Und dennoch: Die USA haben beste Ausgangsvoraussetzungen, Positiv-Ziele zu erfüllen: Sie können massiv Energie und Emissionen einsparen. Zum Beispiel durch geschickte Gebäudeisolierung, durch nachhaltigen Städtebau, durch umweltgerechte Mobilität inklusive öffentlichem Nahverkehr sowie alternativen Antriebstechniken und -stoffen.

Praktische Lösung zusammen erarbeiten

Bei all dem geht es gar nicht darum, etwas zu unterlassen, im Gegenteil: Es geht darum, wertvolle und richtige Dinge zu praktizieren. Es geht darum, machbare und praktische Lösungen zu erarbeiten. Vor allem Soziologen, Gesellschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler haben die Aufgabe, zusammen mit Ingenieuren und Technikern Lösungen zu finden, die in jedem Land umsetzbar sind. Wir können gerne nach wie vor auf globaler Ebene verhandeln – nur eben nicht über negative, sondern bitte über positive Ziele. Der Klimagipfel in Cancún kann aus der kollektiven Lähmung herausführen, indem derartige Positiv-Ziele vereinbart werden. Das wäre ein guter Anfang.

Zur Person:

Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Die Homepage von Claudia Kemfert: www.claudiakemfert.de

Eicke Weber ist Direktor des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg und Vorsitzender der Fraunhofer-Allianz Energie. Bis 2006 forschte Weber insgesamt 23 Jahre in den USA, zuletzt als Physik-Professor an der University of California in Berkeley.

Die Homepage des ISE: www.ise.fraunhofer.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014