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Treibhausgase

Die Emissionen der Anderen

Wird der Konsum von Gütern berücksichtigt, setzen Industrieländer noch mehr Treibhausgase frei.

Die Emissionen der Anderen Die Emissionen der Anderen
energlobe.de, Denny Rosenthal

Das Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels im Dezember 2009 verleitete den britischen Umweltminister Ed Miliband zu einer klaren Schuldzuweisung: Die Chinesen hätten „ein Veto eingelegt und damit eine Einigung bei der Reduzierung von Treibhausgasen verhindert“. Prompt konterte die chinesische Regierungssprecherin Jiang Yu, die Volksrepublik habe die Verhandlungen in Kopenhagen vorangetrieben und „dabei die Rechte der Entwicklungsländer gewahrt“.

China pocht darauf, dass das Gros der dort produzierten Güter schließlich in Industrieländern konsumiert wird. Das provoziert die Frage: Welche Verantwortung tragen eigentlich die Verbraucher? Fest steht: Ein konsumorientierter Ansatz in den Klimastatistiken würde die Bilanz der Industrieländer verschlechtern. Eine Studie der Stanford University belegt, dass die Emissionen von einigen Industrienationen um mehr als ein Drittel höher liegen, wenn der Konsum anstelle der Produktion als Berechnungsgrundlage dient. Dies gilt laut Studie unter anderem für Frankreich, Schweden, Großbritannien sowie die Schweiz und Österreich.

Wie schwer ist der CO2-Rucksack?

Die reichen Länder lagern demnach einen Teil ihrer CO2-Emissionen aus und erhöhen folglich den Ausstoß von Treibhausgasen in den Ländern, die keine verbindlichen CO2-Beschränkungen haben. Die Verfasser der Studie schätzen, dass 23 Prozent der weltweiten Emissionen auf diesem Weg umverteilt werden. Das entspricht einer Menge von 6,2 Milliarden Tonnen. Allein China produziert 22,5 Prozent mehr Kohlendioxid, als das Land in Form von Gütern und Dienstleistungen konsumiert.

Der Effekt ist für die Vereinigten Staaten geringer als für die Europäische Union. Die USA würde ihren CO2-Verbrauch laut Stanford-Studie um etwas mehr als zehn Prozent erhöhen – pro Kopf um 2,4 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Der CO2-Rucksack des Durchschnitt- Europäers wäre vier Tonnen schwerer.

Erfassung nach Kyoto-Protokoll

Dieser Befund deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie zur Klimabilanz des Außenhandels des Europäischen Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (SERI) mit Sitz in Wien. Die durchschnittliche Produktion von Kohlendioxid in der EU belief sich 2005 pro Kopf auf 8,2 Tonnen, der EU-Konsum verursachte jedoch 11,2 Tonnen. Entwicklungsländer bilanzierten 2005 hingegen CO2-Emissionen von weniger als 3 Tonnen, wobei der Konsum in diesen Ländern sogar nur 2,1 Tonnen pro Person betrug.

Die bisherige Klimapolitik des Kyoto-Protokolls rechnet Emissionen dem Verursacher zu. Strategien einzelner Länder zur Reduktion von Treibhausgasen können dazu führen, dass die Produktion lediglich in andere Länder verlagert wird – etwa durch vermehrte Importe von Vorprodukten wie Stahl aus dem Ausland, der besonders energieintensiv hergestellt wird.

Deutschland lebt auf großem Fuß

Im Jahr 1995 überstiegen die CO2-Importe der Industrieländer die Exporte um rund 1,7 Milliarden Tonnen. Die Annex-B-Länder des Kyotoprotokolls waren also Netto-Importeure von knapp acht Prozent der globalen Emissionen. Bis zum Jahr 2005 hat sich diese Menge auf mehr als elf Prozent erhöht.

Brasilien, Russland und Indien bilden zusammen mit China ein starkes Bündnis. Diese sogenannten BRIC-Staaten wollen zum Gegenspieler für die großen
Industrienationen werden und sich für die Interessen der Entwicklungsländer
einsetzen. Und sie haben Gewicht: Die BRIC-Staaten repräsentieren mehr als
40 Prozent der Weltbevölkerung, fast 15 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes und werden laut Prognosen in Zukunft mehr als 60 Prozent des weltweiten Wachstums verantworten. Und auch ihre Ziele, die Treibhausgase in der Atmosphäre zu senken sind entsprechend ehrgeizig.

Freiwillige Bemühungen

So hat sich die Volksrepublik bereit erklärt, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 bis 45 Prozent zu senken, bezogen auf das Basisjahr 2005. Zusätzlich wollen die Chinesen den Anteil der nicht-fossilen Brennstoffe am Primärenergieverbrauch um 15 Prozent steigern. Brasilien will unter anderem die Entwaldung bekämpfen, den Einsatz von Biokraftstoffen und die Energieeffizienz fördern und damit die Emissionen bis 2020 um 39 Prozent reduzieren. Allerdings betonen Brasilianer wie Chinesen und Inder, dass alle Bemühungen zur Emissionsreduzierung freiwillig erfolgen. Zudem herrschen in diesen Ländern viel lockerere und nicht verbindliche Umweltauflagen.

Der Klimavorreiter Deutschland will im Vergleich zu 1990 die Treibhausgase verbindlich um 40 Prozent bis 2020 vermindern. Das Problem dabei: „Nach unseren
Rechnungen importiert Deutschland über Güter mehr Kohlendioxid als es exportiert, so wie nahezu alle Industrieländer“, kommentiert Christian Lutz von der Osnabrücker Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung und Mitautor der SERI-Studie.
Laut dem Bericht haben die Deutschen 1995 fast ein Fünftel mehr verbraucht als im Inland hergestellt. Zehn Jahre später hat sich der Wert fast verdoppelt. Das bedeutet: Während die produzierten Emissionen sanken, stiegen die konsumierten Emissionen weiter an.

Noch ein Nischenthema

Lutz widerspricht der These des Statistischen Bundesamts, das noch vor zweieinhalb Jahren verkündete: „In Deutschland ist bei der Herstellung energieintensiver Güter zwischen 1995 und 2005 per saldo keine Verlagerung ins Ausland feststellbar“. Bei der Berechnung unterstellte das Bundesamt allerdings, dass die im Ausland die selbe Technologie zur Herstellung der Güter verwendet wird. „Mit einem nationalen Ansatz sind die Daten nicht richtig zu erfassen“, kommentiert Lutz.

Unterdessen appellieren die Stanford-Forscher an Produzenten und Konsumenten, die Verantwortung für die weltweiten Emissionen zu teilen. „Dadurch sollen historische und regionale Ungleichheiten bei der Treibhausproduktion gelindert werden“, heißt es in der Studie. Der Osnabrücker Umweltökonom Lutz gibt zu Bedenken, das die Umstellung auf eine konsumbasierte Statistik schwieriger zu erfassen ist: „Daher ist die konsumbezogene Bewertung leider noch ein Nischenthema.“

Weitere Informationen:
SERI-Studie

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014