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Politik

Die Ernte des Klimawandels

In Zeiten der globalen Erwärmung ist die Diskussion um eine Neuausrichtung der Landwirtschaft in Europa im vollen Gang.

Die Ernte des Klimawandels Die Ernte des Klimawandels
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Diskussion um eine Neuausrichtung der Landwirtschaft in Europa ist im vollen Gang. Bis Ende 2013 soll die gemeinsame europäische Agrarpolitik reformiert werden. Dann könnte Klimaschutz stärker im Zentrum stehen. In Deutschland verursacht die Landwirtschaft elf Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen, ohne das es verbindliche Reduktionsziele gibt. Gleichzeitig ist dieser Sektor auch ein Leittragender des Klimawandels, so das Anpassungsmaßnahmen in Zukunft immer wichtiger werden.

„Dein Fleisch macht mein Klima kaputt“, steht in großen Lettern auf dem Transparent. Es ist auf der Agrar-Demonstration am 22. Januar 2011 in Berlin zu sehen, auf der laut Veranstalter rund 22.000 Menschen für eine Wende in der Agrarpolitik protestieren.

Das Thema bleibt in Deutschland auf der Tagesordnung. Die Landwirtschaft verursacht rund elf Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen, trotzdem gibt es für die Landwirtschaft keine verbindlichen Minderungsziele. Die Bundesregierung will ihre Gesamtemissionen bis 2020 um 40 Prozent senken. „Ohne den Beitrag der Landwirtschaft werden wir unsere Klimaschutzziele nicht erreichen“, prophezeit Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Das ist eine Steilvorlage für Umweltverbände wie Naturschutzbund Deutschland (Nabu), WWF Deutschland oder Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sie fordern schon lange, dass Klimaschutzmaßnahmen in die Agrarpolitik einbezogen werden.

Landwirtschaft als Verursacher

Weltweit verursacht der Agrarsektor rund 14 Prozent der Treibhausgasemissionen, so viel wie jeweils der Industrie- und Transportsektor. Zu den wichtigsten Emissionsquellen gehören die Trockenlegung von Mooren, intensive Tierhaltung sowie Stickstoffüberschüsse aus der Düngung. Die Agrarproduktion verbraucht viele fossile Ressourcen, besonders durch die Erzeugung von synthetischen Düngemitteln auf Basis von Erdöl. Weltweit werden im Jahr 90 Millionen Tonnen Erdöl oder Erdgas für die Herstellung von Stickstoffdünger verbraucht. Das verursacht 250 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen. Zum Vergleich: So viel Kohlendioxid (CO2) würde anfallen, wenn alle Deutschen nach Südafrika fliegen würden – hin und zurück.

Ein Sechstel der landwirtschaftlichen Emissionen geht auf die rund dreizehn Millionen Rinder zurück, obwohl die Lebensdauer einer Schlachtkuh nur rund zwei Jahre beträgt. Vor allem stoßen die Tiere Methan aus, das die Atmosphäre über 20-mal so stark wie Kohlendioxid aufheizt. Die Emissionsbilanz steigt weiter, wenn Weizen und Kartoffeln dort angepflanzt werden, wo früher Grünland oder Moore waren. Gerade diese Flächen sind gute Kohlenstoffspeicher. Werden sie zu Weiden und Äckern umfunktioniert, geben sie den Kohlenstoff an die Atmosphäre ab und es entsteht Kohlendioxid.

„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die landwirtschaftlichen Emissionen zu reduzieren und dennoch qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu erzeugen“, erklärt Heinz Flessa, Leiter des Fachbereichs für Agrarrelevante Klimaforschung am Johann Heinrich von Thünen-Institut. „Gerade in Anbetracht der weltweit steigenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen, sollten agrarpolitische Anreize für eine klimafreundliche Landwirtschaft gestärkt werden“, so Flessa weiter.

Europäische Agrarpolitik soll umgebaut werden

Das könnte sich durch eine Reform der Agrarpolitik ändern, die aktuell von der Europäischen Union (EU) für die Zeit nach 2013 vorbereitet wird. „Seit Jahrzehnten wird die Landwirtschaft durch die gemeinsame europäische Agrarpolitik geprägt und bestimmt“, erklärt Röttgen die politische Gemengelage: „Nur auf europäischer Ebene können wir sie verändern.“

Umweltverbände fordern für die anstehende Reform einen stärkeren Fokus auf den Klimaschutz. „Landwirte dürfen in Zukunft nur noch Fördergelder bekommen, wenn sie auch konkrete Leistungen für Natur und Umwelt erbringen“, sagt Olaf Tschimpke, Chef des Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Mit einer leistungsgerechten Bezahlung für eine bessere Wasserqualität, mehr Klimaschutz und den Erhalt der Artenvielfalt würde die Landwirtschaft zugleich den Ruf des reinen Subventionsempfängers verlieren. „Das aktuelle Fördersystem führt immer noch dazu, dass große Agrarbetriebe in ausgeräumten Landschaften Millionenbeträge vom Steuerzahler für eine nicht nachhaltige Wirtschaftsweise erhalten,“ erläutert Tschimpke weiter.

Seit langem ist die Landwirtschaft ein stark subventionierter Bereich. Derzeit werden 56 Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen pro Jahr unter den Mitgliedsstaaten verteilt. Es geht also um die Frage, wie Steuergelder in Zukunft ausgegeben werden. Auch der Sachverständigen Rat für Umweltfragen fordert, dass Bauern nur noch Geld erhalten, wenn sie den Umwelt- und Klimaschutz beachten.

Position der EU

Diesen Forderungen steht der EU-Agrarkommissar Dacian Cioloş offen gegenüber. Der Rumäne sprach sich im November 2010 per Mitteilung an die EU-Mitgliedsstaaten für eine gerechtere und grünere Landwirtschaft aus. Er schlägt vor, dass Basiszahlungen nur noch an Betriebe gehen, die Umweltschutz stärker als bisher betreiben. Was das im Einzelnen bedeutet, steht allerdings noch nicht fest.

Die Bundesregierung sieht in der Mitteilung Cioloş' eine gute Diskussionsgrundlage für die künftige Ausrichtung der Europäischen Landwirtschaftspolitik, gibt sich ansonsten allerdings eher besitzstandswahrend. „Unsere Umstellung auf einheitliche Flächenprämien ist schon ein Greening”, rühmt die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner die eigenen Bemühungen. Danach erhält ein Bauer für einen Hektar Grünland die gleiche Prämie wie für jede andere Ackerfläche. Der Anreiz, Wiesen in Acker umzupflügen, sinkt dadurch. Während in Deutschland also die selben Prämien für das klimafreundlichere Dauergrünland wie für Ackerland gelten, erhalten die Bauern in anderen Ländern für Grünland immer noch weniger Geld und damit weniger Anreize, die Kohlenstoffsenken zu schützen. Aigner stellt deshalb Bedingungen an die Verhandlungen der Reform: „Ich erwarte, dass die anderen EU-Staaten mitziehen.“ Beim Bundesministerium besteht die Angst vor Wettbewerbsnachteilen. In einer Stellungnahme zur EU-Mitteilung fordert das Ministerium, dass die eigenen, bereits erbrachten Leistungen für Umweltschutz und Erhaltung der biologischen Vielfalt von der EU anerkannt werden.

Landwirtschaft kann Treibhausgase einsparen

Der Deutsche Bauernverband geht davon aus, dass hierzulande die Methan- und Lachgasemissionen bis 2020 um 25 Prozent, bis 2030 um 30 Prozent gegenüber 1990 sinken können. Der Verband setzt auf eine höhere Produktivität auf den vorhandenen Äckern und Weiden. In den kommenden Jahren könnte der Humusgehalts im Boden erhöht werden. Bei höherer Produktivität ständen noch mehr Flächen für nachwachsende Rohstoffe bereit. Außerdem setzen die Bauern auf bessere Futtermittel. Sie könnten die Leistung von Kühen und Schweinen steigern sowie den Methanausstoß in der Tierhaltung reduzieren. Die Umweltverbände gehen noch weiter: Sie wollen mehr Kohlenstoffsenken und fordern neben dem Schutz von Mooren und Dauergrünland die Renaturierung bereits geschädigter Flächen.

Landwirtschaft leidet unter den Folgen des Klimawandels

Die Branche selbst müsste eigentlich von sich aus ein Interesse am Klimaschutz haben, da sie besonders von den negativen Klimafolgen betroffen ist. Bis zum Ende des Jahrhunderts rechnet der Weltklimarat mit einer Erwärmung um 0,6 bis 4 Grad, je nachdem wie viele Treibhausgase in Zukunft noch ausgestoßen werden. Allerdings können die deutschen Bauern mit geringeren Einschränkungen rechnen als zum Beispiel die Kollegen in Ghana oder Indien. Denn die globale Erwärmung ist nicht überall in der gleichen Intensität wahrnehmbar.

„Die Klimaszenarien gehen davon aus, dass besonders in Gebieten, in denen das Wasser schon heute ein knappes Gut ist, Probleme in der Landwirtschaft auftreten werden“, erklärt Professor Flessa und verweist auf Nordostbrasilien, Südafrika, den mediterranen Raum, Mittel- und Südasien sowie Süd-Australien. Überdies begünstigt der Klimawandel extreme Wetterereignisse wie zum Beispiel Stürme und Überschwemmungen. Damit steigt das Risiko von Dürreperioden und Überschwemmungen und damit auch für Ernteausfälle. Darunter werden vor allem die Bauern in den Regionen rund um den Äquator leiden. Es trifft vor allem die Gebiete besonders hart, in denen die Landwirtschaft nicht gut entwickelt ist und vor allem Kleinbauern die Äcker bestellen. Die Bedingungen vor Ort sind teilweise so gravierend, dass selbst die Bauern hungern. In den nächsten Jahren steht die Landwirtschaft dieser Regionen vor einer Mammutaufgabe: Während die Bevölkerung und die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt, müssen sich die Bauern an den Klimawandel anpassen. Höhere Erträge sind notwendig, um diese Aufgabe zu bewältigen.

Globale Probleme

Die Schere zwischen Industrie- und Entwicklungsländern wird selten so deutlich wie bei der Landwirtschaft. Während eine Milliarde hungert, leiden ebenso viele Menschen an krank machender Fettleibigkeit. Die Landwirtschaft erntet weltweit 2,3 Milliarden Tonnen Getreide, mehr als je zuvor. Allerdings nur 47 Prozent dieser Ernte dienen der menschlichen Ernährung. Der Rest wird zu Tierfutter, Treibstoff und Industriemitteln verarbeitet. Bundesumweltminister Röttgen betont daher die Wichtigkeit der anstehenden Reform, die nach seiner Planung den Klima-, Gewässer-, Natur- und Bodenschutz stärken soll: „Wir haben jetzt die Chance, die wichtigen gesellschaftlichen Anliegen sowohl einer sicheren Nahrungsmittelversorgung als auch der Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen sinnvoll und effektiv zu verbinden.“

Weitere Informationen:

Nabu-Bericht, 2010: Klimaschutz in der Landwirtschaft: www.nabu.de

Weltagrarbericht: Im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank verfassten über 500 Wissenschaftler den Stand des Wissens über die globale Landwirtschaft, ihre Geschichte und Zukunft zusammen. www.weltagrarbericht.de

Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes über die deutsche Landwirtschaft: www.situationsbericht.de

EU-Mitteilung über die Zukunft der Europäischen Agarpolitik: http://ec.europa.eu

Positionspapier der Bundesregierung zur Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik. März 2010: www.bundesfinanzministerium.de

Das Bundesministerium für Landwirtschaft zum Positionspapier der Bundesregierung zur Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik: www.bmelv.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014