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Interview

„Rente mit 67 für Kernkraftwerke“

Klimaforscher Schellnhuber: Die Rolle der Kernenergie beim weltweiten Klimaschutz wird überschätzt. Ebenso wie die künftige Rolle der USA.

„Rente mit 67 für Kernkraftwerke“ „Rente mit 67 für Kernkraftwerke“
Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung

Die Rolle der Kernenergie beim weltweiten Klimaschutz wird überschätzt. Ähnliches gilt für die künftige Rolle der USA. Das sagt Professor Hans Joachim Schellnhuber im Interview mit energlobe.de. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) berät die Brüsseler EU-Kommission ebenso wie die Bundesregierung: Der Physiker leitet deren Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen.

Herr Schellnhuber, die Bundesregierung hat gerade die Laufzeitenverlängerung beschlossen. Ältere Reaktoren dürfen acht, moderne vierzehn Jahre länger am Netz bleiben als ursprünglich von der rot-grünen Bundesregierung mit den Stromkonzernen vereinbart. Ist das eine gute Entscheidung?


Hans Joachim Schellnhuber: Ich bin weder leidenschaftlicher Anhänger noch tödlicher Feind der Kernenergie. Daher ist die Entscheidung aus meiner Sicht akzeptabel. Die Bundesregierung schickt die Kernkraftwerke sozusagen in Rente mit 67. Sie dürfen ein bisschen länger arbeiten, dafür müssen sie im Gegenzug vor der eigenen Ablösung einen wichtigen Liebesdienst für die Erneuerbaren leisten und deren Ausbau mitfinanzieren. Ob die konkreten Maßnahmen dies tatsächlich ermöglichen, muss sich aber erst erweisen.

Wie wichtig sind längere Laufzeiten für den Klimaschutz?

Schellnhuber: Das Thema wird deutlich überbewertet. Die Kernenergie leistet mittel- und langfristig weder für den Klimaschutz noch für die Energieversorgung einen nennenswerten Beitrag. Diese Aussage gilt für Deutschland ebenso wie auf globaler Ebene. Ein internationaler Vergleich von Modellstudien zu verschiedenen Energieszenarien, an dem auch unser Institut beteiligt war, hat gezeigt, dass sich die Ergebnisse in diesem Punkt sehr ähneln: Der Kernenergieanteil am weltweiten Energiemix wird aus ökonomischen Gründen auch künftig wahrscheinlich nur zwischen sechs und zehn Prozent betragen.

Sind Szenarien mit deutlich höherem Kernenergieanteil denkbar?

Schellnhuber:
Kaum. Wir haben in unseren Rechnungen zugunsten der Kernenergie unterstellt, dass sich der Neubau von Reaktoren in Industrieländern wirtschaftlich darstellen lässt. Das ist in der Praxis durchaus fraglich. Denn Abschätzungen aus den USA zeigen, dass bei einem Unfall mit Kernschmelze der Schaden schnell 20, aber auch 100 Milliarden Dollar oder mehr betragen kann. Notwendige Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit eines Neubaus wäre also, dass nationale Regierungen die Bürgschaften für mögliche Schadensfälle übernehmen. So wie in den USA, wo der Staat auf Grundlage des Price Anderson Act praktisch alle Schäden oberhalb von 10 Milliarden Dollar übernimmt. Im Grunde genommen besteht in den USA die feste Garantie, dass Schäden stets von der Allgemeinheit getragen werden.

In Deutschland streiten Regierung und Opposition über die künftigen Sicherheitsauflagen der Reaktoren, die länger laufen dürfen. Wie bewerten Sie diese Diskussion?


Schellnhuber: Das Thema hat zwei Seiten. Zum einen scheint es hinsichtlich der Sicherheitsproblematik in der Öffentlichkeit einen gewissen Trend zur Hysterie zu geben. Denn Deutschlands Kernkraftwerke sind im Vergleich zu anderen technischen Einheiten sehr sicher, nicht zuletzt, weil sie ständig im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Auch Castorbehälter, in denen abgebrannte Kernbrennstäbe transportiert werden, sind im Prinzip sicher und emittieren nur geringe radioaktive Strahlung.

Andererseits ist das Problem der Endlagerung für Kernbrennstoffe nach wie vor ungelöst. Dazu fällt mir ein Vergleich ein: Wir fliegen mit einem Flugzeug, ohne zu wissen, ob es eine Landeautomatik oder ein Landegestell besitzt. Wir wissen nicht, wann und wie wir eines Tages landen werden – und ob künftige Generationen dabei einen Crash erleiden. Dieser Zustand ist aus rationaler Sicht völlig abenteuerlich. Dass die Bundesregierung jetzt längere Laufzeiten für Kernkraftwerke beschlossen hat, verschärft die Situation allerdings auch nicht wesentlich. Denn die ungeklärte Endlagerung ist bereits heute eine schwere Hypothek, unabhängig von künftigen Laufzeiten.

Haben Sie einen Lösungsvorschlag für dieses Dilemma?

Schellnhuber:
Eine Endlagerlösung hat niemand – weltweit. Solange dieses Dilemma besteht ist der Atommüll, der in einem laufenden und damit bestens überwachten Kernkraftwerk gelagert ist, eigentlich der Sicherste. In jedem Fall ist er dort sicherer als in Asse.

Wenn die Kernenergie keine dauerhafte Lösung für Klimaschutz ist – was dann?

Schellnhuber:
Wir sollten uns alle viel mehr Gedanken über die Energieeffizienz machen. Da schlummert ein enorm hohes Potential zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Aber leider ist Energiesparen ein Thema, das offenbar nur bei wenigen Menschen Leidenschaft weckt. Etwas einzusparen ist eben nicht so sexy wie etwas auszugeben.

Kernkraftgegner argumentieren, dass längere Laufzeiten der Reaktoren den Ausbau der Erneuerbaren Energien hemmten. Stimmt das?

Schellnhuber:
Das kann passieren, muss es aber nicht. Aus Sicht des Klimaschutzes ist ein Mix aus Kernenergie und Erneuerbaren nicht von vornherein unsinnig, wobei eine Verlagerung des Gewichts zu den Erneuerbaren natürlich möglichst schnell gelingen sollte. Aus vielen Gründen, dazu zählt auch die Unabhängigkeit von Importen. Uran bauen wir ja nach dem Zusammenbruch der DDR nicht mehr ab in Deutschland ab. Sieht man von den beim Bau entstandenen Emissionen ab, haben bestehende Kernkraftanlagen aus Sicht des Klimaschutzes den Vorteil, dass sie beim Betrieb in der Tat viel weniger CO2 verursachen als ein Kohlekraftwerk, oder sogar eine neu gebaute Solaranlage.

Apropos: Ist die Bundesregierung bei ihrer Politik zur Kohle auf dem richtigen Dampfer?

Schellnhuber: Wenn die Bundesregierung ihr Klimaschutzkonzept durchzieht, werden Kohlekraftwerke zunehmend unwirtschaftlich. Sie werden schneller als von früheren Regierungen geplant aus dem Energiemix herausfallen – das ist aus Klimaschutzsicht begrüßenswert.

Haben Braun- und Steinkohle in Deutschland unterschiedliche Perspektiven?


Schellnhuber: Braunkohle hat große betriebswirtschaftliche Vorteile gegenüber Steinkohle. Deren Ende als heimische Energiequelle ist absehbar, da sie ohnehin nur noch mit hohen staatlichen Subventionen gefördert wird. Bei Braunkohle hingegen sind die Produktionskosten mit rund drei Cent pro Kilowattstunde lächerlich gering. Braunkohlekraftwerke wären selbst dann noch rentabel, wenn man sich den „Klimaluxus“ leisten und sie mit CCS (Kohlenstoffabscheidung und Einlagerung, engl. carbon capture and storage) nachrüsten würde. Im Gegensatz dazu werden Steinkohle-Anlagen ihre Wirtschaftlichkeit verlieren, unabhängig davon, ob sie mit heimischer Kohle oder mit Importen befeuert werden. Die großen Energiekonzerne werden wohl sehr genau darauf achten, genau diesen Sektor rechtzeitig runter zu fahren.

Haben Kohlekraftwerke mit Hilfe von CCS eine realistische Chance, am Netz zu bleiben?

Schellnhuber:
CCS ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft. Niemand weiß, ob und wann diese Technik zu wirtschaftlich vernünftigen Bedingungen einsatzbereit sein wird. Auch hier sitzen wir, ähnlich wie beim Endlagerproblem der Kernenergie, in einem Flugzeug ohne Landevorrichtung. Wohlgemerkt: Ich bin für CCS, ich halte es für absolut notwendig, diese Option zu verfolgen – aber nicht so sehr für den praktischen Einsatz in Deutschland, sondern vielmehr in Schwellenländern, vor allem in China. Dort geht im Schnitt jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz und CCS wäre dort für den weltweiten Klimaschutz ein großer Fortschritt. Aber wie gesagt, wir tappen bei dieser Technik im Dunkeln.

Gefährdet der Einsatz von CCS in Deutschland das Grundwasser, wie die Wasserwirtschaft derzeit, gestützt auf ein Gutachten, ins Feld führt?

Schellnhuber:
Geologisch ist bei CCS vieles noch nicht geklärt. Es mag in einigen Fällen solche Probleme geben, und dies muss sehr gründlich untersucht werden. Aber ich glaube nicht, dass die CCS-Option dadurch generell ausgeschlossen werden wird. Entscheidend sein werden letztendlich eher Fragen der Wirtschaftlichkeit. Aus heutiger Sicht werden die Produktionskosten eines Kohlekraftwerks mindestens um ein Drittel steigen, wobei da die Kosten für die Sicherheit noch nicht mit eingerechnet sind.

China ist bereits heute vor den USA der größte Emittent von Treibausgasen. Wie sehen Sie die Entwicklung in dem Riesenreich aus Sicht des Klimaschutzes?

Schellnhuber: In letzter Zeit habe ich mehrfach mit Vertretern der chinesischen Regierung darüber diskutiert. Die Folgen des Klimawandels sind für China selbst eine große Bedrohung. Ich glaube daher, dass China nicht zuletzt aus Eigeninteresse höhere Umweltstandards anstrebt. Das ist im nächsten Fünf-Jahres-Plan so vorgesehen und man kann inzwischen relativ offen mit chinesischen Diplomaten und Ministern darüber reden. Sie planen Energiestandards nach deutschem Vorbild. In vielen Kraftwerken möchten sie explizit die deutschen Normen übernehmen. Gleiches gilt für die Bereiche Energieeffizienz sowie Solar- und Windenergie. Meine chinesischen Gesprächspartner versichern: „Wir sind in der Lage, unsere Gesellschaft dynamisch in diese Richtung zu bewegen.“ Das können übrigens die USA nicht, allein schon, weil sie völlig andere Entscheidungsstrukturen haben. Ich bin sehr häufig in den USA und muss feststellen, dass dort beim Klimaschutz und beim Ausbau der Erneuerbaren Energien Stillstand herrscht. Das sind verpasste Chancen. Der Südwesten der USA könnte das ganze Land allein mit Erneuerbaren Energien versorgen – aber es geschieht nichts.

Welche Folgen hat das?


Schellnhuber: Es ist durchaus möglich, dass die USA das Energierennen gegen China verlieren werden. 97 % der künftigen Emissionszuwächse werden ohnehin aus den Schwellenländern kommen. Das heißt, in China, Indien, Brasilien, Südafrika, Nigeria und den anderen Schwellenländern wird entschieden, ob das Weltklima destabilisiert wird oder nicht. Die USA werden sich vielleicht auch künftig nicht einschränken und weiter wie bisher Treibhausgase in die Luft pusten, aber es wird irgendwann keine große Rolle mehr spielen. Es sei denn, die USA wirken dann als symbolische Bremse, die auch künftig den Abschluss eines globalen Klimaschutzabkommens verhindern. So war es ja beim Klimagipfel in Kopenhagen: Wenn die USA kein Klimaschutzgesetz erlassen, warum sollten die Chinesen oder Inder dann mitmachen? Aber im Lager der Schwellenländer dreht sich der Wind meiner Ansicht nach: Diese Länder werden am Schluss aus eigenem Interesse in das Boot der Klimaschützer einsteigen, egal ob die USA mit an Bord sind oder nicht.

Weitere Informationen:

www.pik-potsdam.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014