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Erderwärmung

Wann wir streiten, Seit an Seit

Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning behaupten, die Klimakatastrophe werde nicht stattfinden, wir hätten Zeit für kluge Entscheidungen – eine Anmerkung

Wann wir streiten, Seit an Seit Wann wir streiten, Seit an Seit
Grafik: Maud Radtke

Mit ihrem Buch „Die kalte Sonne – warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“ haben Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning mit der These, die Sonne trage mehr zum Klimawandel bei, als der Weltklimarat und das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung uns Glauben machen wollen, einen hoch polarisierten Medienhype provoziert. Die Spannweite reicht von „Klima-Sarazin“ bis „berechtigt vorgetragene Zweifel“ – hier eine kurze Anmerkung zur Diskussion.

„Erst Anfang letzter Woche legte der Umweltvorkämpfer und frühere Umweltsenator Hamburgs, Fritz Vahrenholt, sein Buch vor, in dem er – auch angesichts der entspannten Entwicklung bei den globalen Temperaturen – zur Besonnenheit in der Klimapolitik mahnte. Die Reaktion auf seinen Appell hierzulande lässt nichts Gutes ahnen“, beendet Die Welt einen Kommentar – nein, nicht zum Thema Sonne – zum Thema Biosprit. Am Tage zuvor hatte eine von der EU in Auftrag gegebene Studie ergeben, dass der Boom bei Biosprit umweltschädlich sei und den Ausstoß von Treibhausgasen vermehre – klimaschädliche Klimapolitik. Ein Paradigmensturz für dessen Diskussion man genau so wenig Gutes erwarte, wie zu dem Buch von Vahrenholt, so Die Welt.

Am selben Tag veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung, wie in den USA durch eine Indiskretion bekannt wurde, dass die sogenannten Klimawandel-Leugner über das Heartland Institute in Chicago Gelder von Konzernen bekommen haben, mit denen sie die Ergebnisse des Weltklimarates in Publikationen und auf Konferenzen in Zweifel ziehen konnten, um die Wissenschaft als „kontrovers“ darzustellen, wie es in einem Dokument des Instituts heißen soll.

Da es Vahrenholt und Lüning genau auf die aus ihrer Sicht berechtigten Zweifel an der alleinigen CO2-Verantwortung für den Klimawandel  abgesehen haben und Vahrenholt gegenüber Energlobe.de noch einmal hervorhob, es ginge ihm darum, dass man auch für die unabhängige Erforschung des Sonneneinflusses auf das Klima Gelder und Lehrstühle zur Verfügung stelle – kann man an Hand des SZ-Artikels ermessen, auf welche subtile Weise man als Skeptiker sofort in der „käuflichen Ecke“ steht, ohne Ergebnisse diskutiert haben zu müssen oder zu können.

Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist hin und her gerissen. Betrachtet sie die Autoren am Tag nach der Buchvorstellung in bester Boulevardmanier einfach als „klimatologisch dilettierende Weggefährten“, so bestätigt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Autoren wenig später, gründlich ihre Hausaufgaben gemacht und „so ziemlich alle relevanten neueren Veröffentlichungen zum Thema“ aufgelistet zu haben.

Aber geht es letztlich überhaupt um Ergebnisse und Diskussion? Zweifel sind angebracht.

Abgesehen von den oft in den Medien wiederholten Statements: ein RWE-Mann schreibe auch ein RWE-Buch, alte Theorien ohne neue Beweise, kein Fachverlag weil wissenschaftlich dilettierend und Tausende von Wissenschaftlern des IPCC können sich schließlich nicht irren – eine oft selbst von Wissenschaftlern vorgetragene Rechtfertigung, die schon einer großen Portion Ignoranz von Wissenschaftsgeschichte bedarf - … abgesehen von diesen, eine Diskussion von vornherein ausschließenden Statements, ist auch die Vorgehensweise von Vahrenholt und Lüning alles andere, als auf eine Ergebnisdiskussion ausgerichtet.

Schiebt man die zur Buchvorstellung gestartete Artikelserie der Bild-Zeitung mit dem Aufmacher „Die CO2-Lüge“ als Marketingtool etwas zur Seite, so ist es etwas anderes, einen Tag vor der Buchvorstellung neben der Darstellung der Buchthesen im Spiegel zu sagen: „ Mir (Vahrenholt) ist wohl bewusst, welche persönlichen Diffamierungen ich mir in nächster Zeit anhören muss. Die Klimadebatte hat ja mitunter inquisitorische Züge. Ich bin gespannt, welches Wahrheitsministerium jetzt ein Verfahren gegen mich eröffnet – vielleicht ja das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung mit dem Kanzlerinnenberater Schellnhuber an der Spitze.“ Schellnhuber als Großinquisitor eines Wahrheitsministeriums a la Orwell „1984“ – nach „lasst uns mal über Ergebnisse diskutieren“, hört sich das nicht an. Das PIK enthält sich auch bislang jeden Kommentars.

Worum geht es dann?

Um Politik! Wissenschaftlich betreibe er keine eigene Klimaforschung, sondern fasse wissenschaftliche Fachpublikationen zusammen, wie der Weltklimarat auch, sagte Vahrenholt dem Spiegel. Er habe, so sagt er im Gespräch mit Energlobe.de, nicht so sehr die Wissenschaft als vielmehr ihre Vermittlung in die Politik im Auge.

Mit dieser Maxime kann es unter „der kalten Sonne“ sehr heiß werden. Denn die Thesen von Vahrenholt und Lüning zielen politisch in vier Richtungen: Erstens ziehen sie mit den von ihnen zusammengetragenen Studien CO2 als einzig bedeutsamen Klimafaktor in Zweifel, die Sonne habe einen mindestens ebenso hohen Anteil und dieser sorge gegenwärtig eher für eine Abkühlung. Zweitens erklären sie die Zeit „der simplistischen IPCC-Klimaprognosen“ für beendet. Als in einem sich selbst be- und verstärkenden System befangen, habe der Weltklimarat andere komplexe Klimamodelle „nicht zur Kenntnis nehmen wollen“. Deshalb müssen auch andere, von ihm unabhängige Forschungen gefördert werden, um drittens die Politik aus ihren falschen Anhängigkeiten in diesem System zu befreien und ihr wieder souveräne Entscheidungen zu ermöglichen, im Gegensatz zum hektischen und teilweise irrationalen Verfolgen von allein durch die Klimawissenschaft bestimmten Zielvorgaben – nebenbei bemerkt ist das ein Gedanke, der vor wenigen Wochen auch vom ehemaligen EZB-Direktor, Otmar Issing, in seiner Hayek-Rede hervorgehoben wurde. Viertens würde man damit Zeit für eine vernünftige Dekarbonisierung gewinnen und verhindern, dass sich die Bürger beim Fehlen der durch CO2 prognostizierten Erderwärmung den Kosten des energetischen Gesellschaftsumbaus verweigern würden.

Das ist eine politische Agenda – eine, die den Nerv vieler Politiker trifft. Was über ihre Wirkung spricht, wohlgemerkt ohne etwas über den Wahrheitsgehalt der von ihr zusammengetragenen wissenschaftlichen Ergebnisse auszusagen. Wie in einem Gerichtsdrama Hollywoods setzen Vahrenholt und Lüning auf den berechtigten Zweifel bei den Geschworenen, also den Politikern an den bestehenden CO2-Überzeugungen. Noch hüllt sich die Politik offiziell in Schweigen. Aber „die Reputation desjenigen Teils der Klimawissenschaft steht auf dem Spiel, der seine Erkenntnisse in öffentlichen Stellungnahmen mit einem autoritativen Anspruch von Definitionsmacht gegenüber Politik und Öffentlichkeit versieht“, wird Silke Beck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung von den Autoren zitiert. Die Klimawissenschaften müssten erkennen, dass in einer Demokratie Klimapolitik in erster Linie Politik sei, so die Autoren. Hier liegen die Wucht und die Wirkung des von Vahrenholt und Lüning provozierten Angriffs und der Reaktionen darauf.

Gegenwärtig liegt ihr Buch bundesweit in den Bestsellerlisten schon unter den Top20. Ob es die wissenschaftliche Debatte stimuliert ist fraglich. Die politische … Fortsetzung folgt. 

(Fritz Vahrenholt/Sebastian Lüning: “Die kalte Sonne. Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“; Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 445 S., Euro 24,99)

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014