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Einspeisevergütung

Die fetten Jahre sind vorbei

Die hitzige Diskussion um die Einspeisevergütung – und Deutschlands Position als Technologieführer.

Die fetten Jahre sind vorbei Die fetten Jahre sind vorbei
energlobe.de, Maud Radtke

Der Berliner Bezirk Friedrichshain ist gar nicht so weit weg von der indischen High-Tech-Metropole Bangalore. Jedenfalls nicht für Emmvee. Das Solarunternehmen mit Hauptsitz im indischen Silicon Valley nutzt für seine Produkte fast ausschließlich deutsches Know-how.

Fast alle Komponenten der Module werden in Deutschland produziert, dann in Indien zusammengebaut und von Berlin aus vertrieben. Mit seiner deutschen Niederlassung ist das Unternehmen ein gutes Beispiel dafür, dass mit langfristigen Partnerschaften die Wettbewerbsfähigkeit auch in schwierigen Zeiten gesichert werden kann.

Joint Ventures sind im Kommen

Das Beispiel Emmvee dürfte Schule machen. „Es wird zukünftig vermehrt Joint Ventures zwischen deutschen und ausländischen Unternehmen und eine Verlagerung der Produktion ins Ausland geben“, prognostiziert Wolfgang Seeliger, Investmentanalyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Er erwartet gewaltige Umwälzungen in der deutschen Solarbranche – weil Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) die Budgets für Forschung und Entwicklung gerade zusammenstreicht und die Einspeisevergütungen für Solarstrom zum 1. Juni 2010 erneut um 16 Prozent absenken will.

Dabei fordern Politiker und Verbraucherschützer seit geraumer Zeit eine umfangreiche Kürzung des Einspeisetarifs. Der sank bereits im Januar 2010 um zehn Prozent – von 43 auf 39,1 Cent. Im Januar 2011 steht im Rahmen der gesetzlich festgelegten Degression erneut eine Kürzung um zehn Prozent an. Somit könnte sich die Einspeisevergütung innerhalb eines Jahres um insgesamt 36 Prozent verringern.

Solarlobby auf den Barrikaden

Seit Umweltminister Röttgen diese Sparmaßnahmen ankündigte, mobilisiert die Solarwirtschaft mit Protestaktionen und demonstriert für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze in Deutschland. Dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) zufolge sind 60.000 Stellen gefährdet. „Eine Reduktion von fünf Prozentpunkten wäre zu verkraften“, erklärt Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Doch nicht nur der oberste Branchenlobbyist poltert pflichtgemäß gegen Röttgens Sparpläne. Auch unabhängige Experten wie LBBW-Analyst Seeliger warnen, dass „der Nachfragerückgang überproportional hoch ausfallen könnte, insbesondere für die Modulindustrie“.

Verliert Deutschland seine Rolle als Vorreiter in der Photovoltaik? Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das seit April 2000 den Vorrang des Ökostroms bei der Einspeisung garantiert und die Vergütung festlegt, hatte Modulherstellern lange Zeit traumhafte Renditen beschert. 2009 kam es zu einem geradezu explosionsartigen Wachstum, als immer mehr asiatische Modulhersteller mit niedrigeren Preisen auf den Markt drängten. Solarmodule kosten aktuell unter 3.000 Euro pro Kilowatt installierter Leistung, 2006 waren es noch 5.000 Euro.

Das EEG kommt um die Welt

Das EEG ist längst zum Exportschlager avanciert. Spanien führte ein vergleichbares Gesetz 2004 ein, kürzte die Einspeisevergütung allerdings 2008 drastisch. Viele europäische Länder haben die Förderung zwar später als Deutschland eingeführt, locken jetzt aber mit höheren Einspeisevergütungen. Jüngstes Beispiel ist Großbritannien, das eine Subvention von 47,3 Cent zum 1. April 2010 festgesetzt hat.

Die meisten EU-Staaten begrenzen die Förderung, um die zumeist aus dem Staatshaushalt finanzierten Solarsubventionen nicht ausufern zu lassen. In Deutschland bezahlen letztlich alle Stromkunden die Einspeisvergütungen als Teil ihrer Stromrechnung, was Verbraucherschützer zunehmend kritisieren. Eine gestaffelte Deckelung will Röttgen jetzt auch ins deutsche EEG hineinschreiben.

Solarförderung im internationalen Vergleich

Auch im Bereich Forschung und Entwicklung liegt Deutschland im internationalen Vergleich an der Spitze – noch. Aktuell plant Umweltminister Röttgen aber, sein Jahresbudget für Solarforschung und -entwicklung von 32,5 auf 25 Millionen Euro zu kürzen. Noch im Jahr 2008 gab die Regierung 59,4 Millionen Euro für die Entwicklung der Branche aus. Jetzt haben die USA angekündigt, massiv in Forschung und Entwicklung zu investieren und jährlich 182 Millionen Euro bereit zu stellen. „Deutschland läuft Gefahr, seinen Status als Technologieführer zu verlieren“ warnt Steffen Graf, Deutschland-Chef von Emmvee.

Nicht alle Unternehmen in der Solarbranche werden durch Röttgens Kürzungen gleichermaßen hart getroffen. Die Hersteller von Wechselrichtern bleiben von den zu erwartenden Einschnitten weitgehend unberührt. SMA, der weltweite Marktführer von Photovoltaik-Wechselrichtern, wird in diesem Jahr die Marke von einer Milliarde Umsatz überschreiten. Mit einem Marktanteil von 40 Prozent hat sich das Unternehmen mit seinen Produkten einen technologischen Vorsprung erarbeitet, der von der Konkurrenz aus Asien praktisch nicht mehr einzuholen ist.

Weltmarktführer SMA

Wechselrichter sind das Herzstück jeder Solaranlage: Sie wandeln den in Solarzellen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom um. Gleichzeitig überwachen sie die Generatorfunktion und den Ertrag der Anlage. SMA verfügt als einziger Hersteller über ein Produktspektrum, das alle Modultypen und Leistungsgrößen abdeckt. Die aktuellen Entwicklungen auf dem deutschen Solarmarkt kommentiert das Unternehmen nicht, möglicherweise aus Solidarität: Im Gegensatz zu den meisten deutschen Modulherstellern hat SMA durchaus positive Aussichten.

Diesen Firmen macht besonders die starke Konkurrenz aus China zu schaffen. Da die kristallinen Module, auch Wafer genannt, technisch ausgereift sind, haben die Unternehmen noch Spielraum, ihre Preise zu senken. Die Anbieter von Dünnschichtmodulen haben diese Möglichkeit meist nicht. Sie befinden sich mit ihrem Produktzyklus oft noch am Anfang und verfügen deshalb nicht über die Vorteile der Massenproduktion. Die Hersteller von Dünnschichtmodulen haben deshalb die größten Einbußen auf dem Markt zu befürchten – es sei denn, sie verlagern ihre Produktion ins Ausland. Die Mainzer Firma Schott Solar zum Beispiel produziert einen Teil ihrer Module in Tschechien und die aus Bitterfeld stammende Q-Cell lässt in Malaysia fertigen.

Regierung will Eigenverbrauch stärker fördern

Die Novellierung des EEG enthält neben allen Kürzungen eine zusätzliche Förderkomponente: Sie stellt den Eigenverbrauch von Strom besser. Verbraucht ein Hausbesitzer den auf seinem Dach produzierten Solarstrom selbst, erhält er zehn Cent pro Kilowattstunde mehr als für die Einspeisung in das Stromnetz. Entscheidend ist dann die Frage, wie hoch der Eigenverbrauch sein kann. Der BSW schätzt ihn derzeit auf 20 bis 30 Prozent und das Fachmagazin Photon hält bei kleinen Dachanlagen einen Eigenverbrauch von 42 Prozent für möglich. Außerdem wird die Förderung von Anlagen von 30 auf 1.000 Kilowatt Leistung ausgedehnt. Gewerbebetriebe wie Supermärkte oder große Stadien könnten ihren Strom zum Großteil selbst verbrauchen.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Anreizverlagerung durchaus vorteilhaft: Wird der auf dem eigenen Dach erzeugte Strom gleich im Haus verbraucht, entlastet dies das öffentliche Stromnetz, die Leitungsverluste sind minimal und der Anreiz für ein dezentrales Versorgungsnetz wird gestärkt. Wenn die Stromversorgung zumindest teilweise autark erfolgt, wäre dies ein zukunftsfähiges Energiekonzept.

Wie stark der Effekt des Eigenverbrauchs den drohenden Einbruch der Nachfrage nach dem 1. Juni aufhalten kann, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass für die deutschen Solarunternehmen die fetten Jahre vorbei sind und sie sehr schnell ihre Kosten senken müssen. Für viele bleibt nur die Möglichkeit, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern oder Joint Ventures mit ausländischen Herstellern einzugehen. In Bangalore ist man darauf längst vorbereitet.

Weitere Informationen:

Zahlen bei Photon.de: In Deutschland installierte Photovoltaikleistung

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014