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Regulierung

„Höhere Rendite unnötig“

Der Bau von Stromleitungen droht nicht am Geld zu scheitern, sondern am Fehlen von Genehmigungen, erklärt Netzagenturchef Matthias Kurth im Interview.

„Höhere Rendite unnötig“ „Höhere Rendite unnötig“
Bundesnetzagentur

Der Bau von Stromleitungen droht nicht am Geld zu scheitern, sondern am Fehlen von Baugenehmigungen, erklärt Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, im Interview mit energlobe.de. Er plädiert dafür, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und den Bürgern frühzeitig zu erklären, warum das notwendig ist. „Stuttgart 21“ sei ein mahnendes Beispiel.

Herr Kurth, was halten Sie vom Energiekonzept der Bundesregierung?

Kurth: Wir finden sehr gut, dass das Augenmerk auf den Ausbau der Stromnetze gelenkt worden ist. Wir haben ja schon immer gesagt, dass die Förderung erneuerbarer Energien in Deutschland und Europa ganz gewaltige Konsequenzen für die Netze haben wird. Das hat sich aber noch nicht überall herumgesprochen.

Die deutsche Energieagentur geht in ihrer neuen Netzstudie davon aus, dass 3.500 Kilometer neue Stromleitungen in Deutschland errichtet werden müssen, statt 850 wie bisher angenommen. Woher kommt plötzlich die hohe Zahl?

Kurth: Bisher ist die Zahl von 3500 Kilometern noch nicht offiziell. Es lässt sich aber sagen, dass die Kilometerzahl vom Anteil der Offshore-Winderzeugung in Nord- und Ostsee abhängt, und die stellt sich ganz anders dar als noch 2005, als die letzte Prognose erstellt wurde. Damals hatten wir nicht so ehrgeizige Vorstellungen hinsichtlich der Rolle erneuerbarer Energien. 850 Kilometer hätten demnach gereicht. Nun will die Bundesregierung den Anteil Erneuerbarer bei der Stromerzeugung auf 35 Prozent im Jahr 2020 steigern und auf 80 Prozent im Jahr 2050.

Bislang wurde von den ursprünglich 850 Kilometern nur gut ein Zehntel realisiert. Woran scheitert der Netzausbau, am Geld oder der fehlenden Akzeptanz seitens der Bevölkerung?

Kurth: Wir haben über zehn Milliarden Euro Investitionsbudgets für das Netz genehmigt, wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren allein vier Milliarden für die Anbindung von Offshore-Windparks genehmigt. Das heißt, da sind gewaltige Milliardenbeträge von uns abgesichert. Das Problem ist, dass das nicht alles abfließt, weil die öffentlich-rechtlichen Planungs- und Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen sind. Viele dieser Trassen befinden sich noch in Raumordnungsverfahren, sie sind also noch nicht einmal in der Planfeststellung. Solange Sie keine Plangenehmigung haben, können sie nicht bauen, selbst wenn sie das Geld haben und die Verzinsung stimmt. Deswegen, und das finde ich gut am Konzept der Bundesregierung, fokussiert sich jetzt die Frage stark darauf, was wir tun können, um Planungs- und Genehmigungsverfahren stringenter zum Abschluss zu bringen.

Was sollte der Gesetzgeber tun?

Kurth: Der Bund könnte, was jetzt erörtert wird, eine Fachplanung für die Trassen machen. Man kann den energiewirtschaftlichen Bedarf per Bundesgesetz verbindlich festlegen, damit nicht später jemand im Planungsverfahren sagt: Die Leitung brauchen wir doch nicht, es gibt doch genügend andere Möglichkeiten, Strom zu transportieren. Ich stelle bei den konkreten Gesprächen fest, dass oft wieder bei Adam und Eva angefangen wird: Ja brauchen wir denn überhaupt Leitungen, brauchen wir sie gerade hier, können wir nicht woanders bauen? 

Aber reicht das aus? Bei dem Bahnhofsbauprojekt „Stuttgart 21“, das derzeit die Gemüter bundesweit erhitzt, ist die Planung bereits abgeschlossen und trotzdem demonstrieren die Bürger.

Kurth: Der Abschluss eines rechtskräftigen Verfahrens heißt natürlich noch lange nicht, dass die Bevölkerung das auch akzeptiert. Daraus kann man lernen: Wenn tausende Kilometer Leitungen gebaut werden müssen, muss eine Aufklärungskampagne gestartet werden nach dem Motto: Wenn wir die Erneuerbaren Energien wollen, dann müssen wir akzeptieren, dass neue Leitungen in der Nachbarschaft gebaut werden. Man muss das, was bei Stuttgart 21 offenbar nicht in ausreichendem Maße erfolgt ist, parallel machen.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Der Netzausbau verschlingt dreimal so viel Kapital wie der Bau von Kraftwerken. Ist die Rendite für den Netzausbau hoch genug, um genügend Investoren anzulocken?

Kurth: Wenn wir schon so viele neue Ausgaben für das Netz haben, sollten wir wirklich nur das Nötigste ausgeben und nicht noch Geld drauflegen, das nicht nötig ist. Ich glaube, dass langfristig kalkulierende Anleger wie Pensionsfonds oder Lebensversicherungen mit einer Rendite von zehn Prozent, die dann aber sicher ist und die über Jahrzehnte hinweg garantiert wird, ganz gut leben können. Wir sollten uns nicht in eine Lage manövrieren, in der wir noch etwas oben drauf legen, was weder einer ökonomisch rationalen Diskussion entspricht noch notwendig ist, um diese Investitionsanreize zu setzen. Die Bundesnetzagentur ist da ein Hort der Vernunft, der auch die Interessen der Verbraucher und der industriellen Großkunden im Blick hat. Denn am Ende des Tages muss es ja einer bezahlen: der Kunde. 

Hält der Netzausbau dem Ausbau der Erneuerbaren Energien noch Stand?

Kurth: Da müssen wir sehr differenzieren. Die Anbindung von Offshore-Windparks haben wir im Griff. Es gibt bislang keinen einzigen Windpark, der seinen Strom nicht abtransportieren könnte. Da ist eher die Frage, ob die Errichtung der Windparks so schnell vorankommt. Denn die Kabel liegen schon in der See und die Umspannstation steht schon, aber der Strom wird noch gar nicht geliefert. Den Strom an die Küste zu bringen ist aber nur die halbe Miete. Ihn dann von der Nord- oder Ostsee nach München zu transportieren ist das größere Thema. Da sieht es nicht so positiv aus.

Muss man beim Ausbau der Erneuerbaren auf die Bremse drücken?

Kurth: Das glaube ich nicht. Mit den richtigen Maßnahmen ist der Netzausbau auch an Land möglich. 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014