Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Energiewende

Netze ohne Anschluss

Die Energiewende hängt am dünnen Faden der Netze und um den wird jetzt hart gepokert

Netze ohne Anschluss Netze ohne Anschluss
Foto: Maud Radtke

Der Bau von Hochsee-Windparks in Nord- und Ostsee könnte am Fehlen von Netzanschlüssen scheitern. Der Netzbetreiber Tennet kommt mit dem Bau der Stromtrassen nicht hinterher und drückt deshalb bei der Energiewende auf die Bremse. Dafür muss das Unternehmen viel Kritik einstecken, während die Politik einen Kompromiss vorschlägt der die Stromkunden teuer zu stehen kommt.

Zu viel Arbeit beklagen Topmanager in der Regel nicht. Das wäre ein schlechtes Signal an potenzielle Geldgeber und Kunden. Martin Fuchs wusste sich in seiner Not aber nicht anders zu helfen. Der Chef des Übertragungsnetzbetreibers Tennet schrieb in einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler, der Bau weiterer Stromleitungen für die Netzanbindung neuer Hochsee-Windparks sei mangels Personal, Zeit und Geld „in der bisherigen Geschwindigkeit und Form nicht länger möglich“. So liegt der geplante Netzanschluss Dolwin 3 seit Ende 2011 auf Eis. Der Manager schlug dem Minister ein Bündel an Maßnahmen vor, wie die Misere zu beheben sei. Sie reichen von einem Bauplan des Bundes für das künftige Netz bis hin zur Gründung einer Deutschen Netz AG. Vor allem aber müsse die Haftung der Netzfirmen bei Verzögerungen begrenzt werden. Fuchs macht Druck: „Die unabdingbaren Gesetzesänderungen sollten noch vor der Sommerpause erfolgen“, heißt es in dem Schreiben, das Energlobe vorliegt.

Stromkunden sollen haften

Die Bundesregierung kommt seien Wünschen offenbar weit entgegen. Im Januar rief sie einen Arbeitskreis „Beschleunigung Offshore-Netzanbindung“ aus Vertretern der beteiligten Ministerien, Behörden und Unternehmen ins Leben. Deren wichtigster Lösungsvorschlag liest sich wie aus der Feder Tennets. Die Stromkunden sollen künftig für Verzögerungen beim Netzanschluss zur Kasse gebeten werden. Dabei geht es immerhin um Einnahmeausfälle für Windparkbetreiber in dreistelliger Millionenhöhe. Die Bundesminister für Umwelt und Wirtschaft, Norbert Röttgen und Phillip Rösler, streiten nur noch darüber ob die Kosten über eine Verlängerung der Ökostromförderung oder aber die Netznutzungsentgelte gewälzt werden sollen, war aus Verhandlungskreisen zu hören. Den Verbrauchern kann es eigentlich egal sein, sie zahlen in jedem Fall die Zeche, für die Minister ist die Frage aber überaus wichtig. Bis zur parlamentarischen Sommerpause wollen sie einen gemeinsamen Vorschlag ins Gesetz gießen.

Tennet ist nach eigenen Angaben nicht für die finanziellen Schäden verantwortlich. Vorstand Lex Hartman verweist im Gespräch mit Energlobe stattdessen auf Lieferengpässe durch die Kabellieferanten. Weltweit gebe es davon nur zwei bis drei, die die Bedingungen diktieren können. Außerdem sei Offshore-Wind eine große technische Herausforderung mit vielen negativen Überraschungen. Schlechtes Wetter behindere den Leitungsbau. Erschwerend kommt hinzu: Verzögerungen beim Netzanschluss, die nicht durch Sachschäden hervorgerufen werden, sind praktisch nicht versicherbar. Weil Schadensersatzklagen, wie sie die Windparkbetreiber RWE und Stadtwerke München erwägen, das mittelständische Unternehmen Tennet ruinieren würden, erscheint eine Sozialisierung der Kosten aus Sicht der Politik unausweichlich. Alle Beteiligten sind ein Stück weit auch Getriebene des Kapitalmarktes. So hatte der japanische Mischkonzern Mitsubishi die Klärung der Haftungsfrage zur Bedingung für ein finanzielles Engagement in Leitungsbauvorhaben von Tennet gemacht.

In der Windbranche stoßen die Verzögerungen bei Tennet aber auch auf Kritik. „Es ist schon ein erstaunlicher Vorgang, wenn sich ein Unternehmen darüber beschwert, dass die Nachfrage zu groß ist“, sagt Ronny Meyer, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Wab. Schließlich sei der Netzanschluss das Geschäft von Tennet. „Sie sollten das als Chance begreifen", fordert er. Der Ausbaubedarf sei seit Jahren bekannt, die Niederländer hätten von Anfang an gewusst worauf es sich einlassen als es das Netz vom Eon-Konzern übernahmen. Schon werden Forderungen laut, die Bauprojekte neu auszuschreiben. Der Brandbrief von Fuchs hat die ohnehin schwierige Suche der Windmüller nach Kapitalgebern laut Meyer weiter erschwert. Investoren würden ihr Engagement überdenken, wenn sie befürchten müssen, dass die Steckdose nicht rechtzeitig fertig wird.

Windmüller fordern Nachweispflicht

Auch der Chef des nordostdeutschen Netzbetreibers 50 Hertz, Boris Schucht, geht auf Distanz. Er erinnerte Fuchs an die klare gesetzliche Verpflichtung die Anlagen anzubinden. "Grundsätzlich muss die Frage beantwortet werden, ob Tennet nicht kann oder nicht will", sagte Schucht kürzlich in Berlin. Die Stiftung Offshore Windenergie, die die Interessen der jungen Industrie vertritt und die AG Beschleunigung leitet, fordert eine „intensivere Nachweispflicht“ für die Netzbetreiber. „Nach wie vor fehlt die Verpflichtung, überprüfbare Informationen wie aussagekräftige Belege über die Gründe für eine Verzögerung der Netzanbindung vorzulegen“, heißt es. Gleichzeitig warnte der Bevollmächtigte der Offshorestiftung Thorsten Falk davor Jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben. „Alle Seiten machen einen Lernprozess durch“, sagte er.

Auch die Politik hat ihre Hausaufgaben noch nicht erfüllt. Sie muss dafür sorgen, dass der Boom der Erneuerbaren Energien nicht zu schnell vorangeht während der Netzausbau auf der Strecke bleibt, meint 50-Hertz-Chef Schucht und ergänzt: "Wir sind an der Grenze dessen, was wir an Erneuerbaren in das Netz integrieren können." Um den Stau auf den Stromautobahnen aufzulösen müssten vor allem die Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigt werden. Außerdem pocht die Windbranche auf einen Zehnjahres-Masterplan des Bundes für das Hochsee-Netz. Darin würde genau festgelegt, welche Leitungen wo und wann gebaut werden. Anlagenbauer und Netzbetreiber hätten Planungssicherheit und das Henne-Ei-Problem wäre gelöst. Bis es soweit ist, sollten laut Tennet keine weiteren Projekte mehr vergeben werden. Der Bedarfsplan wird aber frühestens Anfang 2013 fertig.

Abgelehnt wird von der Branche dagegen ein Kautionsmodell, das die Bundesnetzagentur vorgeschlagen hatte. Demnach soll mit dem Netzanschluss bereits begonnen werden, noch bevor ein genehmigter Bauplan und eine Finanzierungszusage für die Windparks vorliegen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Windparkbetreiber eine Sicherheitsleistung von 200.000 Euro pro installiertem Megawatt Leistung bei einer Bank hinterlegen. Diese Sicherheit ist für den Fall gedacht, dass sie die Anlage nicht fertigstellen. Doch der Vorschlag ist nicht finanzierbar, heißt es von den Windmüllern. Bei Anlagenparks von 480 MW, die derzeit in der Planung sind, kämen so schnell Kautionen im dreistelligen Millionenbereich zustande. Eigenkapital in dieser Größenordnung zusammenzubringen sei äußerst schwierig.

Tennet wirbt für Deutsche Netz AG

Eine weit verbreitete Forderung ist, die Kosten des Netzausbaus der vier Netzbetreiber in einen Topf zu werfen und anschließend gleichmäßig zu verteilen. Noch konsequenter wäre es, die Unternehmen würden gleich eine gemeinsame Gesellschaft für ein Gleichstrom-Übertragungsnetz gründen, die Deutsche Netz AG. Tennet hatte das vorgeschlagen. Zur Begründung heißt es, Investitionsvolumina von mehr als 15 Mrd. Euro „können nicht von einem einzigen Übertragungsnetzbetreiber geschultert werden“. Doch die erhofften Partner halten von der Idee nichts. "Ich bin kein großer Freund der Netz-AG", sagte Schucht von 50 Hertz. Er wehrt sich ebenso wie die Vorstände von Amprion und TransnetBW vor allem dagegen, womöglich zu einer Beteiligung gezwungen zu werden. Auf freiwilliger Basis könnte man sich vielleicht doch noch einigen, heißt es. Mitten im Stau ist also doch noch Bewegungspielraum.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014