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Markt

Schweizer Verhältnisse

Das aktuelle Strom-Marktmodell steht unter Beschuss. Als Vorbild kommt der durchregulierte Elektrizitäts-Preis der Schweiz ins Spiel.

Schweizer Verhältnisse Schweizer Verhältnisse
ENERGLOBE.DE/ Denny Rosenthal

Das aktuelle Strommarkt-Modell steht unter Beschuss. Als Vorbild kommt der durchregulierte Elektrizitäts-Preis der Schweiz ins Spiel.

Beim Strom ist der kleine Nachbar Schweiz großes Vorbild. Das findet zumindest Holger Krawinkel, Energieexperte vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Dort wurde 2002 die Liberalisierung per Volksentscheid abgelehnt und die Stromerzeuger müssen den Strom auf Basis ihrer durchschnittlichen Kosten verkaufen“, so der Verbraucherschützer. Endgültig ad absurdum geführt werde der freie Strommarkt durch die Energiewende, wettert Krawinkel. Auch die energiewirtschaftliche Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Ingrid Nestle, hält das aktuelle Modell für unzureichend. Ihre Forderung gegenüber ENERGLOBE.DE: „Der Markt muss sich auf die Erneuerbaren zubewegen.“

Also ein weiterer Schritt Richtung Regulierung? Steuert Deutschland auf einen staatlichen Elektrizitäts-Preis nach Schweizer Modell zu?

Schweizer Mehrheit wählt regulierten Tarif

Der Blick in die Alpenrepublik zeigt: Hier sind tatsächlich die Kosten für Herstellung, Transport und Vermarktung ausschlaggebend für den Stromtarif des kleinen Mannes. Das Ergebnis ist eine niedrige Rechnung für die Verbraucher. Da schmerzt es wenig, dass ein Stromanbieterwechsel nicht möglich ist.

Kein Wunder, dass sich auch die meisten Industriekunden für den Staats-Tarif entscheiden. Sie könnten auch den Markt wählen. „Aber das machen derzeit nur sechs Prozent“, erklärt Frank Rutschmann, Kommissionssekretär der Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom. Die Behörde überwacht in der Schweiz die Strompreise – gemeinsam mit den Konsumenten.

Liberalisierung als Preistreiber

In der Schweiz ist der Verbraucher auch ein Kontrolleur. Denn wer das Gefühl hat, sein Stromanbieter fülle sich auf seine Kosten die Taschen, kann das dem Staat melden. „Wenn wir viele Reklamationen von Bürgern haben oder ein Produzent sehr viel höhere Tarife als die Konkurrenz hat, dann überprüfen wir seinen Tarif“, erklärt Rutschmann. Stellt die Strompolizei Unregelmäßigkeiten fest, drohen dem Anbieter Preissenkungen.

Allerdings steht eigentlich in der Schweiz ebenfalls eine vollständige Liberalisierung des Elektrizitätssektors an. Im Jahr 2014 soll es soweit sein, so hat es das eidgenössische Parlament vor vier Jahren beschlossen. „Damals war der Marktpreis aber noch niedriger als die regulierten Tarife“, gibt Rutschmann zu bedenken. Der Komissionssekretär hält es für gut möglich, dass es nochmal zur Abstimmung über den Wechsel des Preisbildungssystems durch das Schweizer Volk kommt. „Und es ist derzeit ungewiss, ob es sich für eine Liberalisierung entscheidet, weil bekannt ist, dass diese steigende Tarife mit sich bringen kann.“

Bareiß will Marktpreis statt EEG

In Deutschland staatliche Traife nach schweizer Vorbild einzuführen – das ist für den energiepolitischen Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Thomas Bareiß (CDU), der falsche Weg: „Von einem regulierten Strompreis halte ich nichts“, stellt er gegenüber ENERGLOBE.DE klar. „Wir brauchen mehr Markt und nicht weniger.“ Die staatlichen Eingriffe sollte die Regierung nach Bareiß Ansicht in den nächsten Jahren eher wieder zurückfahren.

Das gilt auch für die Regenerativen und ihre Finanzierung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). „Das jetzige EEG-Fördersystem muss zukünftig zu einem Marktsystem verändert werden“, fordert Bareiß. Denn nur mit einem marktbasierten System werde der Verbraucher entlastet.

BDEW warnt vor Planwirtschaft

Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bestimmt der Staat durch Steuern und Abgaben 46 Prozent des Strompreises für Privatverbraucher und 31 Prozent für Industriekunden. Das schränke die Gestaltungsspielräume und wettbewerblichen Möglichkeiten der Unternehmen ein, kritisiert der Branchendachverband.

Das gilt insbesondere für den Bereich der Erneuerbaren Energien. BDEW-Präsident Ewald Woste bringt es im Interview mit ENERGLOBE.DE auf den Punkt: „Wollen wir Marktwirtschaft oder dauerhafte Subventionen?“ Mit Blick auf das EEG gibt er zu bedenken, dass das Regelwerk Betreibern von Wind- und Solaranlagen feste Einspeisevergütungen garantiert – komme was wolle. „Mit diesem System werden wir ernste Schwierigkeiten bekommen, wenn der Anteil Erneuerbarer tatsächlich so stark wächst wie politisch geplant“, warnt er. Die von der Bundesregierung geplante optionale Marktprämie, mit der Erneuerbare direkt an die Börse gehen können, sei ein Schritt in die richtige Richtung.

BEE kritisiert aktuelles Vermarktungs-Modell

Die optionale Marktprämie als gute Idee? Das sieht der Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), Björn Klusmann, anders: „Sie führt zu Mehrkosten in Millionenhöhe, fördert aber weiterhin keine bedarfsgerechte Einspeisung von regenerativem Strom ins Netz und setzt keinerlei Anreize für Investitionen in Speicher“, kritisiert er das Vorhaben der Bundesregierung.

Trotzdem ist der Verband mit der momentanen Regelung für Regenerative ebenfalls unglücklich: „Wir kämpfen immer stärker mit dem Phänomen, dass die Erneuerbaren Energien den Strompreis an der Börse jährlich um mehrere Milliarden Euro senken genau dadurch steigt aber paradoxerweise die EEG-Umlage“, so ein Sprecher des Verbandes. Bei nächster Gelegenheit werde den Erneuerbaren dann wieder die Schuld für steigende Strompreise angelastet. „Daher gehört der Mechanismus zur Berechnung der EEG-Umlage dringend überarbeitet.“

Nestle favorisiert vorerst den Markt

Derzeit erhalten Ökostromproduzenten zwar feste Vergütungssätze durch die vom Endverbraucher bezahlte Umlage. In einem zweiten Schritt wird die grüne Elektrizität allerdings an der Börse verkauft. Die Folge: An windstarken und sonnenreichen Tagen rutschen die Preise wegen der Flut grüner Energie in den Keller.

Das System-Mischmasch ist unbefriedigend, darin stimmt auch die energiewirtschaftliche Sprecherin der Grünen, Ingrid Nestle, mit den Verbänden überein. Einen staatlichen Strompreis nach Schweizer Vorbild hält sie nicht für die Lösung: „Der Grundgedanke des Schweizer Modells ist interessant, aber direkt auf Deutschland übertragen würde das eine Deliberalisierung bedeuten und die halte ich für falsch.“ Also kein komplett regulierter Strompreis. Denn gerade die Vielfalt und die guten Markteintrittsmöglichkeiten seien die Voraussetzung dafür gewesen, dass die Erneuerbaren Energien heute einen so hohen Anteil an der Stromerzeugung erreicht hätten. Nestles Fazit: „Der Markt soll bleiben, bis wir einen besseren Vorschlag auf dem Tisch haben.“ Der BEE will sich anstrengen und Anfang Juli einen Sammelband mit Ideen für ein neues Strommarktmodell veröffentlichen.

Weitere Informationen:

Webseite der Schweizer ElCom

 

»ENERGIEAUSSENPOLITIK

IST ZWAR EIN LANGES WORT

ABER ES IST ZU RECHT

EIN WORT«

Außenminister Frank-Walter Steinmeier, 28.Mai 2014