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EEG

„Zu Tode funktioniert“

Der Energiewissenschaftler Olav Hohmeyer kritisiert die hohe Solarstromförderung und schlägt konkrete Reformen vor.

„Zu Tode funktioniert“ „Zu Tode funktioniert“
ENERGLOBE.DE, Maud Radtke

Zehn führende deutsche Energieökonomen haben Mitte Dezember einen „dringenden Appell zur Rettung des Erneuerbaren-Energie-Gesetzesan Bundesregierung und Bundestagsabgeordnete gerichtet. Darin fordern sie eine über die festgeschriebene Degression hinausgehende Absenkung der Vergütungssätze für Solarstrom und die Abschaffung von Mitnahmeeffekten. Zudem sollten die Betreiber größerer Photovoltaik-Anlagen mithelfen, die Netzstabilität zu sichern. Zu den Unterzeichnern des Appels gehören Claudia Kemfert (DIW Berlin), Manfred Fischedick (Wuppertal Institut), Felix Matthes (Öko-Institut Berlin) – und Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg. Gegenüber ENERGLOBE.DE erläutert Hohmeyer seine Reformvorschläge für das EEG. Er plädiert für einen Mengendeckel bei der Photovoltaik von höchstens einem Gigawatt pro Jahr; seine Position ist damit noch radikaler als die im Appel geforderte Begrenzung auf jährlich 3,5 Gigawatt.

Herr Professor Hohmeyer, für 2011 steht die Novelle des Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) auf der Agenda. An welchen Stellen im EEG sehen Sie Reformbedarf?

Olav Hohmeyer: Das EEG war überaus erfolgreich, um die Erneuerbaren Energien wach zu küssen. Bis 1990 regierten die deutschen Energieunternehmen in Monopolmanier, nach dem Motto: Erneuerbare wollen wir nicht. Dann kam das Energieeinspeisegesetz, der Vorläufer des EEG, und hat diesen Gordischen Knoten zerschlagen. Das EEG hat dieses Fördersystem weiterentwickelt, mit unterschiedlichen Einspeisesätzen für Wind, Solar, Biomasse et cetera, und erstaunliche Zuwächse ausgelöst. Das System funktioniert inzwischen so gut, dass es sich fast zu Tode funktioniert. Das ist der Fall bei der Photovoltaik.

Warum?

Hohmeyer: Das EEG funktioniert in den Teilmärkten besonders gut, in denen die Politik angemessene Fördersätze festgelegt hat – nachdem sie fair und offen beraten worden ist. Der Solarindustrie ist es jedoch gelungen, den Eindruck zu vermitteln, dass die Einspeisesätze deutlich höher sein müssten als objektiv notwendig. Das ist zunächst sehr nett für die Industrie, denn Umsätze und Margen sind quasi explodiert.

Welche Renditen werden dort erwirtschaftet?

Hohmeyer: Fonds, die etwa in Freiflächenanlagen investiert haben, gehen von Jahresrenditen um neun Prozent vor Steuern aus; das ist vergleichbar mit Hochrisikoanlagen wie Schiffsfonds. Bei denen ist die Renditeerwartung ähnlich, das Risiko ist jedoch viel höher ist als bei der Photovoltaik. Deren Risiko ist vergleichbar mit festen Staatsanleihen wie Bundesschatzbriefen. Bei der Rendite gibt es also eine Spreizung von rund sieben Prozentpunkten.

Was ist daran so schlimm?

Hohmeyer: Eine solche Diskrepanz kann sich nur kurzfristig halten, dann fliegt Ihnen das System um die Ohren. Wenn innerhalb eines Monats bei der teuersten Stromerzeugungstechnologie Kapazität im Gigawattbereich aufgestellt wird, kann etwas nicht stimmen. Wir brauchen vieles im Bereich der Erneuerbaren, aber ganz zum Schluss erst die Photovoltaik. In Deutschland scheint die Sonne nun mal nicht wie in Nordafrika oder im Mittelmeerraum. Die Stromkunden müssen dies am Ende bezahlen. Und Leute, die schon seit 20 Jahren gegen die Förderung des Solarstroms sind, haben jetzt endlich ein Argument auf ihrer Seite. Insofern wird sich der aktuelle Solarboom als Pyrrhussieg für die Branche erweisen.

Was ist jetzt zu tun?

Hohmeyer: Die Politik sollte einen Rahmenplan setzen, der die Frage beantwortet: Wie viel wollen wir in den einzelnen Bereichen der Erneuerbaren jährlich zubauen? Dann kann man über das EEG – das haben wir ja lange genug geübt – genau die Investitionen auslösen, die man braucht. Zwei Dinge sind dabei zu beachten. Erstens: Die erwarteten Renditen müssen angemessen sein. Zweitens: In Bereichen, in denen ich selbst nicht über genug Informationen verfüge, um Marktentwicklungen durch Preissetzung zu bestimmen, kann ich einen Mengendeckel setzen.

Nach dem Vorbild Spaniens?

Hohmeyer: Nein, denn dort ist die Rechts- und Investitionssicherheit zu gering. Ich weiß nur, was ich in diesem Jahr verdiene, aber ich weiß nicht, was in den Folgejahren passiert. Investitionen müssen banksicher sein, die Einnahmen müssen über einen langen Zeitraum garantiert werden – wie im deutschen EEG, wo ich meiner Bank genau vorrechnen kann, was ich mit der Anlage in den kommenden 20 Jahren verdienen werde.

Wollen Sie der Solarbranche in Deutschland den Garaus machen ?

Hohmeyer: Nein. Sie soll in Deutschland ein Teilmarkt bleiben und ihre Kosten weiter kontinuierlich senken. Wir wollen keinen Fadenriss, denn auch der wäre volkswirtschaftlich teuer. Aber das große Geld darf mit Solaranlagen nicht mehr verdient werden, auch mit Blick auf die EEG-Umlage, die am Ende alle Kunden als Teil ihrer Stromrechnung zahlen.

Wieviel installierte Solar-Leistung pro Jahr sollte die Politik durch einen Mengendeckel anstreben?

Hohmeyer: Ein Gigawatt halte ich für vernünftig. 500 Megawatt sind für mich die Mindestgröße. Zum Vergleich: Freiflächenanlagen, in die Investmentfonds gern einsteigen, sind oft ein Quadratkilometer groß und besitzen allein schon 40 Megawatt Leistung. Die Bundesregierung könnte die Renditeaussichten für solche Anlagen stärker senken als für die Anlagen auf privaten Hausdächern. Wenn dadurch der Markt kleinteiliger und weniger lukrativ wird, ziehen sich die Großinvestoren automatisch zurück. Deren Geld brauchen wir in anderen Bereichen. Wenn man es auf den Offshore-Bereich lenken könnte, käme man auf Dauer zu Kosten, die deutlich günstiger sind als bei der Photovoltaik.

Zur Person: Olav Hohmeyer ist Professor für Energie- und Ressourcenwirtschaft an der Universität Flensburg und Mitglied des Weltklimarats IPCC

Weitere Informationen: Der Appell der zehn Energieökonomen an die Politik steht auf der Homepage des DIW Berlin.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014