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EU-Generaldirektion

Ausnahmen für den Energiehandel

EU-Generaldirektor Lowe über den Schwellenwert für systemische Risiken im spekulativen Energiehandel.

Ausnahmen für den Energiehandel Ausnahmen für den Energiehandel
European Union, 2010

Wie hoch ist das systemische Risiko des Energiehandels? Welche Unternehmen müssen sich künftig absichern? Und wer trägt die dabei entstehenden Kosten? Diese Fragen beantwortet der britische EU-Spitzenbeamte Philip Lowe im energlobe.de-Interview. Lowe ist als Generaldirektor Energie der Mann hinter EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Weitere Hintergründe zu diesem Spezialthema, dass für betroffene Unternehmen allerdings weitreichende Folgen hat, vermittelt der Beitrag Risiken im Energiehandel.

Herr Lowe, der EU-Binnenmarktkommissar hat Vorschläge zur Regulierung der Finanzmärkte vorgelegt. Wie weit wird davon voraussichtlich der Energiehandel betroffen?

Philip Lowe: Das eigentliche Ziel des Derivatenvorschlages ist es, jene systemischen Risiken, die durch nicht ausreichend besicherte Derivatengeschäfte entstehen können besser in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig gibt es aber eine Reihe von Nichtfinanzunternehmen – dazu zählen auch die meisten klassischen Energieversorgungsunternehmen – die das Einkommen aus Ihrem Grundgeschäft, als gute Kaufleute, mithilfe von Derivaten absichern wollen. Diese Derivaten sind, wenn Sie so wollen „von Haus aus“ besichert und der Risikoperspektive nicht mit reinen Finanztransaktionen vergleichbar.

Plant die EU-Kommission eine pauschale Ausnahmegenehmigung für Energieunternehmen, die den OTC-Derivatehandel zur Absicherung ihres Energiegeschäfts einsetzen?

Lowe: Der Derivatenvorschlag der Kommission sieht vor, dass solche Absicherungsgeschäfte bei der Bestimmung der systemischen Relevanz entsprechend berücksichtigt werden müssen. Das bedeutet, dass Energieunternehmen, sofern sie Derivate hauptsächlich zu Hedgingzwecken verwenden, diese nicht über Clearinghäusern verrechnen müssen. Sollte allerdings das über das berechtigte Hedging hinausgehende Derivatenengagement eine bestimmte Schwelle überschreiten, so müssen die Derivatentransaktionen gecleart werden. Die Energieunternehmen sind also von der allgemeinen Clearingverpflichtung nicht pauschal ausgenommen.

Um die Entwicklung der finanzsystemischen Bedeutung der gesamten Energiebranche besser abzubilden wird die Kommission bis Ende 2013 eine entsprechende Bewertung vornehmen.

Wo wird dieser Schwellenwert liegen und welches Volumen wird dann über Clearinghäuser verrechnet werden müssen?

Lowe: Die Methode zur Berücksichtigung von Hedginggeschäften bei der Bestimmung der Schwellenwerte ist noch nicht genau bestimmt. Dazu müssen erst von der European Securities and Markets Authorithy (ESMA) gemeinsam mit dem European Systemic Risk Board (ESRB) und auch Energieregulierungsbehörden entsprechende Vorschläge ausgearbeitet werden. Diese Schwellenwerte werden von der Kommission auf ihre Angemessenheit nach ihrer Anwendung regelmäßig überprüft.

Was das Clearingvolumen betrifft: Der Kommissionsvorschlag sieht vor, dass bei der Überschreitung der Clearingschwelle alle Derivatengeschäfte verrechnet werden müssen und nicht nur der die Schwelle übersteigende Anteil. Zu den Clearingunternehmen: Das Angebot von Verrechnungsleistungen ist bereits jetzt ein wettbewerbliches Geschäft – und nach meinem Dafürhalten soll das auch in der Zukunft so bleiben.

Inwiefern werden kleinere und mittlere Energieunternehmen berücksichtigt ? Die Clearingkosten würden ihnen Liquidität entziehen. Viele müssten den Energiehandel verlassen, was den Wettbewerb schwächen würde...

Lowe: Nach meinen Erfahrungen sind die Energieversorger vorsichtige Kaufleute und keine Spekulanten. Ob klein oder groß, sollten eigentlich die meisten Unternehmen in der Branche – sofern die Schwelle richtig kalibriert ist – von der Clearingverpflichtung verschont bleiben. Wir dürfen uns aber nichts vormachen. Im Energiehandel mischen die Finanzinstitute kräftig mit - und das ist gut so. Auf sie kommen in der Zukunft zusätzliche Clearing- und Kapitalkosten zu. Diese Kosten werden aber nicht alleine an den Finanzhändlern hängen bleiben. Sie werden in Form von höheren Transaktionsmargen allen Marktteilnehmern, so letztlich auch den kleineren Versorgern und unmittelbar jeden Strom- und Gasverbrauchern weitergereicht.

Wie hoch schätzen Sie heute das systemische Risiko des Energiehandels ein?

Lowe: Wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Energiebranche in ihrer gegenwärtigen Aufstellung ein besonderes Risiko für die Stabilität des Finanzsystems darstellt. Eigentlich machen die gehandelten Strom- und Gasprodukte einen sehr kleinen Anteil des gesamten Derivatenmarktes aus. Die angesprochene Bewertung der Kommission wird zeigen, ob das auch in zwei Jahren der Fall sein wird.

Lassen Sie mich aber noch eines sagen: Die Energieversorger haben im Zuge der Erarbeitung des Derivatenvorschlages für eine vollständige Ausnahme der Branche plädiert. Ich denke aber, dass eine solche Ausnahme eine Lücke im Regulierungsgeflecht hinterlassen hätte, die einem potenziellen Missbrauch Tür und Tor geöffnet hätte. Der wiederum könnte die Integrität des gesamten Energiehandelsmarktes schädigen.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014