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Infrastruktur

Das Geheimnis der Leitungen

Der Netzausbau in Europa dient laut EU vor allem dem Klimaschutz. Rentabel sind die Leitungen aber nur durch den Transport von fossilem Strom.

Das Geheimnis der Leitungen Das Geheimnis der Leitungen
Wolfgang Meinhart

100 Milliarden Euro sollen bis 2020 in den Ausbau des europäischen Stromnetzes fließen. In erster Linie, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen, meint die EU-Kommission. Wirtschaftlich zu betreiben sind die Leitungen aber nur, wenn auch Strom aus Kernenergie, Kohle und Gas transportiert wird – ein Nutzungskonflikt bahnt sich an.

Einmal rund um den Erdball: 42.000 Kilometer lang wären die Hochspannnungs-Stromautobahnen aneinandergereit, die bis 2020 in Europa gebaut werden sollen. 500 Teilstücke, zu einem Netz verknüpft, das den gesamten Kontinent mit Solarstrom aus der Sahara und Windkraft aus der Nord- und Ostsee versorgt. Einige der Trassen sind schon in Betrieb, zum Beispiel ein Seekabel zwischen Holland und Norwegen namens NorNedI. Für die deutsch-norwegische Verbindungsleitung „NorGer“ läuft derzeit ein Raumordnungsverfahren in Niedersachsen.

100 Milliarden Euro für das Stromnetz

Was das kosten und wer es bezahlen soll, auch darüber hat sich Konstantin Staschus intensiv Gedanken gemacht. Er ist Generalsekretär des europäischen Verbandes der Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E), zu dem unter anderem die RWE-Netztochter Amprion gehört. „Wir haben in unserem Zehnjahresplan eine ziemlich grobe Zahl abschätzen können: Zirka 100 Milliarden Euro über zehn Jahre, rein für den Netzausbau“, sagt er im Video-Interview mit ENERGLOBE.DE. Der Löwenanteil der Kosten soll durch die ganz normalen Netzentgelte finanziert werden, die jeder Haushaltskunde, jeder Industriekunde als Teil des Strompreises zahlt.

Schlüssel zur Energiegemeinschaft

Der Zehnjahresplan von Entso-E ist die Basis für das Infrastrukturpaket, das die EU-Kommission gestern vorstellte. Demnach kosten neue Transporttrassen für Strom, Gas, Öl und Kohlendioxid aus Kraftwerken sowie der Bau neuer Speicher in den kommenden zehn Jahren insgesamt 600 Milliarden Euro. Das Stromnetz ist der Schlüssel zur Europäischen Energiegemeinschaft. Die mit dem Ausbau verfolgten Ziele sind laut Kommission das Zusammenwachsen des Marktes, Versorgungssicherheit, „aber insbesondere der Transport von Ökostrom“. Dieser könnte dank des neuen „Supergrid“ dort produziert werden, wo er am preiswertesten ist – Wind aus dem Norden, Sonne aus dem Süden. Nur so seien die Klimaziele der Union zu erreichen. Das Netz wirkt wie ein Puffer für die starken Schwankungen der Erneuerbaren: Die Energie kann dorthin fließen, wo sie gerade gebraucht wird. Das sichert die Versorgung, fördert den Wettbewerb und dämpft die Preise – so die Vision.

Windkraft lastet Netze nicht aus

Doch es gibt Zweifel an der Wirtschaftlichkeit, insbesondere des Netzausbaus Richtung Norden für den Zusammenschluss von Offshore-Windrädern. Die Kapazität dieser Trassen richtet sich danach, wie viel Energie alle Windräder zusammen maximal erzeugen können. Dass alle Turbinen gleichzeitig auf Hochtouren laufen, kommt aber nur etwa einmal pro Jahr vor. Soll heißen: Offshore-Netze wären die meiste Zeit des Jahres bei weitem nicht ausgelastet, wenn sie nur mit Windstrom gespeist würden. „Der Netzausbau für wenige Windspitzen widerspricht der gesetzlich gebotenen wirtschaftlichen Zumutbarkeit, das gilt vor allem im europäischen Kontext“, meint der Windenergie-Experte Lorenz Jarass von der Universität Wiesbaden. Es drohten Fehlinvestitionen, überhöhte Netzentgelte und unnötige Strompreiserhöhungen. „Es stellt sich die Frage“, so Jarass, „inwieweit ein Netzausbau ohne vorherige Optimierung und Verstärkung bestehender Leitungen gesetzlich zulässig ist“.

Dena-Chef: „Windgetriebener Netzausbau nicht sinnvoll“

Der Chef der Deutschen Energieagentur Stephan Kohler sieht das ähnlich: „Man muss sich die Dimensionen vergegenwärtigen: Wir brauchen diesen von Windenergie getriebenen Netzausbau nach Skandinavien maximal 800 bis 1.000 Stunden im Jahr.“ Die Infrastruktur sei aber sehr kapitalintensiv und sollte deshalb 7.000 bis 8.000 Stunden im Jahr genutzt werden. Kohler: „Ganz offen: Der rein windgetriebene Netzausbau ist aus meiner Sicht im europäischen Verbund nicht sinnvoll.“ Weiter sagte er: „Und wenn Sie sich den Ostseering anschauen, der die Anbindung von Polen, Kaliningrad, der baltischen Staaten und eventuell Russland vorsieht, kommen Sie auf einmal in ganz andere Diskussionen hinein.“

Kernenergie aus Finnland nach Europa

Rechnen werden sich die Milliardeninvestitionen nur, wenn das Supernetz auch konventionellen Strom transportiert. Beispielsweise könnte Atomenergie im gering besiedelten Finnland, dem Baltikum und Polen produziert und nach Mitteleuropa exportiert werden. Ein Konflikt um die Nutzung der Leitungen bahnt sich an. Falls der Netzausbau unter dem Deckmantel Erneuerbarer Energien vor allem dazu dient, mit billiger Kohle und Kernenergie zu handeln, bekommt das gesamte Vorhaben ein Akzeptanzproblem. In Finnland tobt eine Debatte, ob die von den Unternehmen geplanten Kernkraftwerke angesichts des geringen Energieverbrauches des Landes angemessen sind. Wie hoch der Anteil von erneuerbarem und konventionellem Strom im neuen Netz sein wird, konnte das für Deutschland zuständige Wirtschaftsministerium nicht sagen. „Netzausbau- und Planung liegen in erster Linie in unternehmerischer Verantwortung“, erklärte ein Sprecher.

Weitere Informationen:

Das Infrastrukturpaket der EU-Kommission. http://ec.europa.eu

„Jenseits aller Grenzen, Süddeutsche Zeitung, 11. November 2010. www.sueddeutsche.de

 


»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014