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Krisen

Gasversorgung Europas in Gefahr

Experten bewerten die Folgen von Fukushima und einer möglichen Ausweitung der Nordafrika-Unruhen.

Gasversorgung Europas in Gefahr Gasversorgung Europas in Gefahr
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Ein Ausweiten der Nordafrika-Krise auf Algerien würde die Gasversorgung Europas gefährden. Nun will auch noch Japan nach der Erdbebenkatastrophe seinen Energieengpass mit Gas-Käufen bekämpfen. ENERGLOBE.DE fragte Experten, wie prekär die Situation für Europa ist.

Europa könnte eine Gaskrise drohen: Wenn die Unruhen in Nordafrika von Libyen auf das benachbarte Algerien übergreifen, könnte Italien schon im kommenden Winter gezwungen sein, die Versorgung zu unterbrechen. Das ergibt eine Kurzstudie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln (EWI). Um den Engpass zu überbrücken, müsste das Land per Schiff Flüssiggas importieren, Liquefied Natural Gas (LNG). Doch nicht nur für Südeuropa wäre der Rohstoff ein Notanker: „Japan importiert in Folge der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe derzeit mehr LNG, um die Stromerzeugung aus Kernkraftwerken durch Erzeugung aus Gaskraftwerken zu ersetzen“, sagt der Autor der Kurzstudie Stefan Lochner.

Aus Untersuchung ergibt sich Folgendes: Sollte es in Algerien tatsächlich zur Revolution kommen, könnte Europa Erdgas nicht mehr für mindestens 60 Tage bevorraten, wie die Europäische Union (EU) vorschreibt. Italien droht sogar ein Versorgungsstopp.

Italien am stärksten von Algeriens Gas abhängig

Wenn Unruhen die algerischen Exporte zwischen Oktober 2011 und März 2012 unterbrechen würden, müsste Italien seinen Bürgern bald den Gashahn zudrehen. Je kälter der Winter, umso schneller droht das Aus: Spätestens im Januar 2012 wären die Italiener von der Versorgung abgeschnitten. Wenn es schlecht läuft, könnte es schon im Dezember dieses Jahres soweit sein.

Spanien wäre im Falle einer Algerien-Krise zwar auch betroffen, doch Italien trifft es härter. Es hängt stärker als jedes andere EU-Land von Libyen und Algerien ab. Fast die Hälfte des Gases kommt aus den beiden Ländern: Rom hat dem EWI zufolge zwölf Prozent seines Gases aus Libyen bezogen, weitere dreißig Prozent kommen aus Algerien. Spanien bekommt demnach etwa 20 Prozent seines Gases aus dem nordafrikanischen Land. Italiens Kapazitäten für LNG-Importe sind allerdings geringer als die Spaniens und die Winternachfrage ist deutlich höher. Deshalb kann das Land einen möglichen Ausfall algerischen Gases nicht so leicht ausgleichen.

Gasmarkt ist überversorgt

Wie würde sich die steigende Nachfrage Japans in einer solchen ohnehin schon prekären Lage auswirken? „Der globale Markt ist so überversorgt, dass genügend Mengen vorhanden sind“, beruhigt Lochner.

Ersten Schätzungen zufolge würden die zusätzlichen Importe Japans in 2011 fünf Milliarden Kubikmeter nicht übersteigen, das wären weniger als ein Prozent der europäischen Gasnachfrage. „Außerdem hat Katar angekündigt, die Exporte kurzfristig weiter ausweiten zu können“, so Lochner. Auch wenn sich diese Ankündigung auf Japan bezog, gelte dies wohl genauso für einen höheren europäischen Bedarf.

US-Flüssiggas könnte bei Krise umgeleitet werden

Das Praktische an Flüssiggas: Es wird nicht über feste Pipelines sondern mit dem Schiff transportiert. Im Falle einer Algerienkrise könnten beispielsweise für die USA bestimmte Lieferungen nach Europa umgeleitet werden. „Dies gilt zum Beispiel für Lieferungen aus Trinidad und Tobago, Nigeria oder Ägypten“, sagt Lochner. Der Bedarf der Vereinigten Staaten nach LNG ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, weil das Land eigene Gasreserven aus porösem Gestein ausbeutet – das Schiefergas.

Japans gestiegene LNG-Nachfrage sieht auch der Experte für fossile Energierohstoffe, Steffen Bukold, im Falle einer Algerien-Krise nicht als unüberwindliches Problem. „Die steil steigende Förderung von Shale Gas in den USA und der Einbruch der Gasnachfrage nach der letzten Wirtschaftskrise sorgen bis heute für ein Überangebot an Flüssiggas“, erklärt er.

Gaspreise nach Unglück in Fukushima gestiegen

Trotzdem blieb der Gasmarkt vom Atomunglück in Fukushima nicht unberührt: „Die Gaspreise an den europäischen Spotmärkten sind direkt nach dem Unglück gestiegen“, sagt Bukold.

Allerdings sei dies auch aus spekulativen Gründen geschehen, denn die LNG-Importe blieben unverändert hoch. „Zeitweise waren die Spotpreise genauso hoch wie bei ölpreisgebundenem russischem Pipelinegas“, so Bukold. „Doch jetzt setzen sich die russischen Gaspreise nach oben ab, da sie zeitverzögert dem Ölpreistrend folgen.“

Europas Gas-Nachfrage könnte in Folge von Fukushima steigen

In Folge des Atomunglücks könnte die Nachfrage nach Erdgas aber auch aus anderen Gründen steigen: „Die Europäische Union wollte schon vor Fukushima die Erneuerbaren Energien weiter ausbauen, nun bekommt der Plan einen weiteren Schub“, prophezeit die Energie-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Kirsten Westphal. „Damit dürfte auch die Nachfrage nach Gaskraftwerken steigen.“

Denn die mit dem Rohstoff betriebenen Anlagen können unter den konventionellen Kraftwerken am schnellsten an- und abfahren und so die wetterbedingt schwankende Stromerzeugung von Regenerativen ausgleichen.

Inwieweit sich ein möglicher Nachfrageanstieg in Europa auf die Versorgung und den Gaspreis auswirken, ist noch unklar. „Das liegt zu weit in der Zukunft und ist von vielen Faktoren wie der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängig“, sagt Westphal.

Weitere Informationen:

EWI Kurzanalyse zu den Folgen einer Algerien-Krise für die EU-Gasversorgung: www.ewi.de

Anreiz für USA zum Bau von LNG-Terminals steigt aufgrund hoher Gaspreise in Asien, „US-Wende beim Gas“ : www.godmode-trader.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014