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Ökoindustrie EU

Green Energy – Green Business

Die europäische Ökoindustrie verliert weiter international an Boden, wenn keine privatwirtschaftlichen Finanzierungsmodelle geschaffen werden – eine Studie.

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In ihrer aktuellen Studie untersuchen sie die europäische Ökoindustrie - wo steht sie heute?

Sandu-Daniel Kopp: Die gute Nachricht: Die europäische Ökoindustrie ist mit einem Marktanteil von etwa 33 Prozent heute globaler Marktführer. Im Jahr 2008 erwirtschaftete die Umweltbranche der EU-27-Länder 319 Milliarden Euro. Zwischen 2004 und 2008 verzeichnete die Ökoindustrie durchschnittliche jährliche Wachstumsraten von 5,9 Prozent. Bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise wurden in Europa über 400.000 neue Arbeitsplätze allein im Bereich Erneuerbare Energien geschaffen und Experten gehen davon aus, dass sich der derzeitige globale Umsatz der Umweltindustrie von derzeit einer Trillion Euro bis 2030 verdreifacht. Zweifelsohne ergeben sich hier große Chancen für die europäische Wirtschaft. Die Europäische Kommission sieht für das Jahr 2020 ein Potential von 2,5 Millionen Arbeitsplätzen im Bereich Erneuerbare Energien.

Aber! Diese Prognosen beruhen auf der Annahme, dass die 20-20-20-Ziele erreicht werden, was in unseren Augen zumindest fraglich ist. Zudem können Zahlen, wie wir wissen, irreführend sein, denn die Schaffung von Arbeitsplätzen bedeutet noch lange nicht, dass ein funktionierender Markt entsteht.

Arash Düro: Das Beispiel der deutschen Solarindustrie verdeutlicht das sehr gut. Zwischen 2000 und 2009 ist die Anzahl der Arbeitsplätze in der deutschen Solarindustrie rapide angestiegen. Betrachtet man allerdings die Ursachen hierfür, so sieht man, dass dies in erster Linie auf Subventionen zurückzuführen ist. Im Jahr 2010 gingen 19,5 Milliarden der deutschen Staatsausgaben für den Aufbau von Anlagen Erneuerbarer Energien an die Solarindustrie. Das entsprach einem Anteil von nahezu 70 Prozent. Im folgenden Jahr betrug der Anteil der Solarindustrie am deutschen Strommix aber lediglich 3,5 Prozent, während die Windkraft, die nur 9 Prozent der staatlichen Förderung erhielt, einen Anteil von 7,5% erreichte. Selbst Biomassetechnologien, die mit 8,8 Prozent der staatlichen Zuschüsse auskommen mußten, erzielten einen höheren Anteil am Strommix, nämlich 5,6 Prozent. Das ist nicht nur ineffizient, wir können es uns mittelfristig auch nicht leisten.

Wo sehen sie die Alternativen?

Kopp: Ich möchte Ihnen eine Zahl nennen. Laut Bloomberg New Energy Finance, erreichten die europäischen Investitionen in Erneuerbare Energien 2008 mit 35 Milliarden Euro ihren bisherigen Höhepunkt. Die EU-Kommission geht davon aus, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energiequellen zwischen 2010 und 2020 in Relation zur Periode 2005-2010 verdoppelt werden muss, um die 20-20-20-Ziele zu erreichen. Dazu werden nach Bloomberg bis 2020 Investitionen in Höhe von etwa 70 Milliarden Euro jährlich benötigt. Nach heutigem Stand würde das bedeuten, dass sich die EU für den Zeitraum 2010-2020 einer Finanzierungslücke von 350 Milliarden Euro gegenüber sieht. Das bedeutet zunächst einmal, dass eine Kürzung der staatlichen Subventionen für die Ökoindustrie derzeit völlig illusorisch erscheint. Außerdem benötigen wir eine deutliche Effizienzsteigerung beim Einsatz der Mittel und wir brauchen die Privatwirtschaft. Ohne ein deutliches Wachstum der Privatinvestitionen in Öko-Projekte wird das Erreichen der EU-Zielvorgaben kaum möglich sein. Hier sollte, unserer Meinung nach, angesetzt werden.

Wenn die EU, wie Sie sagten, global klarer Marktführer ist, haben wir es doch aber eher mit einer Erfolgsgeschichte zu tun?

Düro: Durchaus. Aber die europäische Öko-Industrie profitiert heute noch immer davon, dass für sie sehr früh ein Förder- und Anreizsystem für nachhaltige Technologien geschaffen wurde. Dieser "Wettbewerbsvorteil", oder "first-mover advantage", schwindet derweil immer mehr. In den vergangenen Jahren stieg die Aufmerksamkeit für Umweltprobleme, Erneuerbare Energieformen, Energieeffizienz und Emissionskontrolle weltweit an. Damit einher wuchsen öffentlichen Investitionen in "grüne" Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie nachhaltige Technologien stark an. Heute sieht sich die europäische Umweltbranche wachsender weltweiter Konkurrenz aus Japan, Südkorea, Taiwan, China und den USA gegenüber. Andere Weltregionen müssen sich, was Investitionen in nachhaltige Energiequellen angeht, nicht mehr hinter der EU verstecken. 2009 war Europa mit einem Anteil von 37 Prozent an allen globalen Neuinvestitionen noch führend. Der Anteil Asiens und Ozeaniens betrug im selben Jahr aber bereits 34 Prozent. Was die Investitionen aus den Konjunkturprogrammen infolge der Wirtschaftskrise angeht, lag die EU zwischen 2008 und 2009 weltweit mit 22,8 Milliarden Euro an fünfter Stelle, während Japan 43,3 Milliarden Euro, Südkorea 59,9 Milliarden Euro, die USA 117,7 Milliarden Euro und China 218 Milliarden Euro investierten. Die Schlußfolgerung daraus muss lauten: you cannot 'out-subsidize' China! Basierend auf dieser Erkenntnis versuchen wir in unserer Studie Instrumente zur Förderung von Privatinvestitionen in grüne Projekte zu benennen.

Als Technologieführer dürfte es für die EU doch nicht so schwierig sein, Privatkapital für Ökoprojekte anzuziehen?

Kopp: Auch hier sprechen die Zahlen leider eine andere Sprache. Im Jahr 2007 betrugen laut Ernst & Young die Gesamtinvestitionen in saubere Technologien in Europa und den USA insgesamt 3 Milliarden Dollar. Davon flossen 80 Prozent in die USA und lediglich 20 Prozent in den europäischen Markt. Eine der Hauptursachen lag darin, dass in Europa der Bankensektor der Hauptfinanzierer grüner Projekte ist, wohingegen in den USA institutionelle Marktteilnehmer, wie Investmentfonds, Versicherer, Hedge Fonds sowie Renten- und Pensionsfonds einen Großteil des Kapitals für Projektentwickler stellen.

Düro: In Europa fehlt es an einem modernen Kapitalstock. Es fehlt an fiskalpolitischen Anreizen für "grüne" Investitionen. Es geht um "maßgeschneiderte" Finanzprodukte für die Ökoindustrie, weniger regulatorische Hürden und mehr Transparenz sowohl auf Seiten der Finanzindustrie als auch der Ökoindustrie. Hierfür muss ein verstärkter Austausch zwischen allen Beteiligten erfolgen, um Wissenslücken zu schließen, Expertise aufzubauen und Analysekapazitäten auf Seiten der Investoren aufzubauen. Gegenwärtig sehen wir insbesondere bei kleineren Banken einen großen Mangel an Erfahrung mit Ökoprojekte. Aber auf diese Banken sind die mittelständischen Unternehmen angewiesen.

Das ist eine ganze Reihe von Forderungen - welche konkreten Vorschläge haben sie?

Kopp: Wir schlagen beispielsweise vor, dass corporate venture capital funds, also die gemeinsame Bereitstellung von Wagniskapital durch etablierte Unternehmen, auf Mitgliedsstaaten- und EU-Ebene gefördert wird. Wir schlagen die Schaffung von Greentech-Fonds vor, gestaltet als privat-öffentliche Partnerschaften, die Kapital für Start-Ups und Innovationsprojekte zur Verfügung stellen. Wir würden uns wünschen, dass viel mehr der so genannten pledge funds geschaffen werden, sprich, dass die öffentliche Hand Investitionsrisiken reduziert, indem sie erfolgsversprechende Projekte anfinanziert und so private Investitionen anregt. Nach unserer Auffassung ist es weiterhin notwendig, die Regularien für Renten- und Pensionsfonds in den Mitgliedsländern, wo die noch nicht geschehen ist, so zu ändern, dass Investitionen in nachhaltige Technologieprojekte gezielt möglich werden.

Düro: Um dies zu ermöglichen benötigen wir erstens EU-weite Investitions- und Evaluationskriterien für Greentech-Fonds. Bewertungskriterien könnten der "Innovationsgrad" von spezifischen Projekten sein, das "Wachstumspotential", der "strategische Wettbewerbsvorteil" einer Technologie oder eines Projekts sowie eine allgemeine "Chancen-Risiken-Bewertung".

Zweitens die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur, die solche Standards festsetzt, grüne Projekte beobachtet, auswertet, verläßliche Informationen bietet und genehmigt. Darüber hinaus ist die Ökoindustrie selbst gefordert. So könnten z. B. wichtige Leistungskennzahlen spezifischer Branchen freiwillig in die Jahresberichte aufgenommen werden, um die Transparenz für potentielle Investoren zu erhöhen. Banken und Versicherer wiederum könnten die Nachhaltigkeitskriterien spezifischer Investitionen hervorheben und so ebenfalls zu mehr Transparenz beitragen. Dies sind nur einige Beispiele über die es aus unserer Sicht nachzudenken gilt.

Sie schlagen parallel dazu ein Auslaufen der Subventionen für fossile Energieträger und eventuell auch für Erneuerbare Energieträger vor?

Kopp: Das tun wir. Allerdings ist das keine neue Forderung. Die G20-Länder haben sich bereits auf Ihrem Umweltgipfel 2009 in Pittsburgh dazu verpflichtet, Subventionen für fossile Energieträger mittelfristig abzuschaffen, da sie zu "verschwenderischen Verbrauchsmustern" führten. Zu diesem Ergebnis kam übrigens auch die Internationale Energie Agentur, die im World Energy Outlook feststellte, dass Subventionen für "gravierende Marktverzerrungen" verantwortlich seien. In der EU fallen allein die Subventionen für Kohle höher aus als die Subventionen für alle Erneuerbaren Energieträger zusammen. Nur ist die Beseitigung von Subventionen ein langfristiges Projekt. Schnelle Fortschritte sind kaum zu erwarten, aber sie müssen vorbereitet werden.

Düro: Eine kurze bis mittelfristige Zurückführung der Beihilfen für fossile Energieträger zugunsten von Erneuerbaren Energie wird nicht möglich sein, deshalb ist die Mobilisierung von Privatinvestitionen so wichtig. Gleichzeitig betonen wir in unserer Studie, dass Subventionen auch für die Ökoindustrie langfristig keine nachhaltige Lösung sind. Sie sind derzeit notwendig. Für die Zeit nach 2020 allerdings, so lautet unsere Empfehlung, muss auch bei den Erneuerbaren ernsthaft über einen festen Zeitplan zur Rückführung der staatlichen Beihilfen nachgedacht werden. In Anbetracht der explodierenden Subventionskosten in Deutschland und Spanien sogar eher heute als morgen.

Zum Erreichen der 20-20-20-Ziele benötigen wir unbedingt eine effizientere Allokation der Beihilfen für Erneuerbare Energien. Wenn schon öffentliche Gelder investiert werden, dann mehr in Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Nach 2020 geht es dann vor allem um wirtschaftlich nachhaltige Geschäftsmodelle ohne Subventionen.

Die von Arash Duero und Sandu-Daniel Kopp im Juni in London vorgestellte Studie entstand in Kooperation zwischen dem European Centre for Energy and Resource Security am Londoner King’s College (EUCERS) und dem Brüsseler Centre for European Studies (CES).

 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014