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Energiesicherheit

Königsweg für Erdgas

Gute Aussichten für die Gaspipeline Nabucco prognostizieren Experten aus Politik und Wirtschaft bei einem Treffen in London.

Königsweg für Erdgas Königsweg für Erdgas
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Nach etlichen Rückschlägen gibt es nun kräftigen Rückenwind für das europäische Erdgaspipeline-Projekt Nabucco. Das ist das Fazit einer Konferenz am Londoner King´s College London, die ENERGLOBE.DE als Medienpartner begleitet hat. Als Keynote Speaker warb EU-Energiekommissar Oettinger für eine erweiterte Form des Projekts, unter dem Titel „Nabucco Plus". 

Die hohen Decken im großen Vorlesungssaal des altehrwürdigen King´s College London schienen EU-Energiekommissar Günther Oettinger zu beflügeln. Von seinem Amtssitz in Brüssel war er in die Londoner City gekommen, um über Energiesicherheit im Allgemeinen zu referieren – und um im Speziellen für das Nabucco-Pipelineprojekt zu werben.

Nabucco soll die Europäische Union (EU) künftig mit Erdgas aus dem kaspischen Raum versorgen und die Abhängigkeit vom russischen Monopolisten Gazprom verringern. Die Chancen dazu stehen heute nach Oettingers Darstellung viel besser als noch vor sechs Monaten. In London sprühte der Energiekommissar geradezu vor Zuversicht. Es gebe aktuell ein sehr günstiges Zeitfenster für Nabucco, „ein window of opportunity“, wie er es formulierte.

Rückenwind für Nabucco

Nach seinem Vortrag zog Oettinger Bilanz im Exklusiv-Interview mit ENERGLOBE.DE: „Wir haben jetzt eine eindeutige Bereitschaft der Regierungen Aserbaidschans und Turkmenistans vielleicht auch bald der des Iraks in langfristige Lieferverträge mit Europa einzusteigen“. Die Entscheidung über das Wohl und Wehe des Projekts erwartet der Energiekommissar im zweiten Halbjahr: „Ich sehe dem Ganzen optimistisch entgegen.“ (siehe auch Videointerview.)

Allen Unkenrufen zum Trotz: Nabucco spürt plötzlich kräftigen Rückenwind. Das ist auch das Fazit der Veranstaltung „Energy Security for Europe: The EU Agenda until 2050“ am King´s College London, die ENERGLOBE.DE als Medienpartner begleitet hat.

Positive Signale aus Aserbaidschan und dem Irak

Immer wieder sah die Fachwelt das europäische Pipeline-Prestigeprojekt vor dem Aus, seit es im Jahr 2000 von der österreichischen Energiefirma OMV initiiert worden war. Betroffen von der Zitterpartie sind nationale Unternehmen aus den Transitländern Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Türkei sowie seit 2008 der deutsche Energieriese RWE.

Nun scheint sich die Situation zu drehen: Die EU hat ein Abkommen mit der Regierung in Baku unterzeichnet. Darin verspricht Aserbaidschan, zeitnah einen Vertrag über zukünftige Gaslieferungen für Nabucco zu unterschreiben. Auch im potenziellen Lieferland Irak erwarte man bald die nötige Einigung zwischen kurdischer Regionalregierung im Nordirak und Zentralregierung, wie Teilnehmer der Londoner Veranstaltung berichteten. Dieser Punkt müsse nun auf die Agenda der Zentralregierung in Bagdad, fordert Oettinger. Und ergänzt, er stehe in dieser Frage in engem Kontakt zu US-Außenministerin Hillary Clinton.

Nabucco Plus“ soll zusätzliche Mitgliedsstaaten einschließen

Ein neuer Ausdruck machte im King´s College London die Runde: „Nabucco Plus“. Oettinger erläuterte ihn dem Auditorium: „Ich würde mir wünschen, dass auch eine französische Firma Teil des Konsortiums würde – dann wäre es ein wirklich europäisches Projekt.“ Zudem will Oettinger den griechischen und den italienischen Markt integrieren. Der Energiekommissar favorisiert eine Nord-Süd-Verbindung von der Baltischen See bis nach Kroatien, Slowenien und Serbien. So würden fast alle EU-Mitgliedsstaaten von Nabucco Plus profitieren.

Das Gros der Teilnehmer schien das mit Freuden zu registrieren. Schon vor der Oettinger-Rede hatte Frank Umbach, stellvertretender Direktor des European Center for Energy and Resource Security (EUCERS) am King´s College London, ein starkes Plädoyer für Nabucco vorgetragen: Die geplante Pipeline sei für die kaspischen Staaten ebenso ein Gewinn wie für Europa. Beide Seiten können durch die Pipeline diversifizieren, die EU ihre Lieferanten und Aserbaidschan, Turkmenistan sowie der Irak ihre Abnehmer.

Russland ist Europas größter Gaslieferant

So hat Turkmenistan laut Umbach mit Russland noch eine Rechnung offen: Im Jahr 1997 kaufte der Kreml dort für 75 Dollar pro 1000 Kubikmeter sein Erdgas ein– und verkaufte es für 250 weiter an die USA. Seitdem sei das Vertrauen der Turkmenen gering.

Russland ist Europas größter Gas-Lieferant, bei den neuen EU-Mitgliedsstaaten machen die Importe laut Umbach sogar bis zu 90 Prozent aus. Diese Situation drohe der gesamten EU. Weil die norwegischen Reserven abnehmen, warnt Umbach, könnte der Anteil Russlands an Europas Gasimporten „von 41 Prozent auf 60 Prozent ansteigen.“

Unterstützt wurde Sicherheitsberater Umbach in der anschließenden Diskussion von EUCERS-Direktor Friedbert Pflüger: Vorstände und Geschäftsführer unterschätzen seiner Meinung nach reihenweise die politische Dimension des Projekts. "Das Schicksal von Nabucco wird letztlich nicht auf Unternehmensebene, sondern auf höchster Regierungsebene entschieden", sagte Pflüger. Der frühere Verteidigungs-Staatssekretär der Merkel-Regierung, inzwischen Professor am King´s College London, mahnte:  Nabucco dürfe sich nicht gegen Russland richten. Es gehe vielmehr um Diversifizierung und Wettbewerb.

Kritiker zweifelt an der Unabhängigkeit kaspischer Staaten

Wasser in den Wein kippte allerdings Joachim Bitterlich. Der frühere deutsche Botschafter bei der NATO, den die Wochenzeitung „Die Zeit“ 1998 zum „Nebenaußenminister“ kürte, ist heute als Lobbyist für den französischen Versorger Veolia unterwegs. Bitterlich bezeichnete das Nabucco-Plus-Projekt als „sehr politisch“. Nach seinen Worten wird die Unabhängigkeit der kaspischen Region überschätzt: „Glauben Sie wirklich, dass diese Staaten, beginnend mit Kasachstan, die Lieferungen an den Westen aufrecht erhalten werden, wenn der große Bruder im Osten ihnen sagt, dass sie sie einstellen sollen?“ fragte Bitterlich die Teilnehmer rhetorisch.

Energiekommissar Oettinger bereitet dieses Szenario offenbar keine schlaflosen Nächte. Auf die Frage nach einer möglichen Nabucco-Blockade durch den Kreml antwortete er im Interview mit ENERGLOBE.DE: „Wenn die Russen klug sind und wenn sie erreichen wollen, dass wir Vertrauen haben in langfristige steigende Gasmengen, dann müssten sie unseren Kurs der Diversifizierung akzeptieren." Die Kreml-Führer begreifen laut Oettinger gerade, dass Europa die Partnerschaft mit ihnen nur dann ausbaue, „wenn nicht andere Routen parallel blockiert werden“.

Weitere Informationen:

Zum Wettstreit um Aserbaidschans Erdgas beim Energie-Informationsdienst Platts, 15.02.2011, „Azerbaijan to double gas output to 54 Bcm/year by 2020: official“: www.platts.com

Die russische Sicht auf die aktuellen Ereignisse in der Online-Ausgabe des staatlichen russischen Hörfunks „Voice of Russia“, 09.02.2011, „Nabucco searches for gas“: http://english.ruvr.ru

Guter Überblick über Gaskrisen und Pipeline-Projekte für Europa, 11.10.2010: www.euractiv.de

Deutsche Bank Research, „Gasschwemme erreicht Europa“: www.db.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014