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Pipeline-Projekt

Nabucco, der ewige Plan

ENERGLOBE.DE-Gastautor Friedemann Müller analysiert die Chancen für das EU-Pipeline-Projekt Nabucco.

Nabucco, der ewige Plan Nabucco, der ewige Plan
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Der Name der Pipeline ist eingängig, doch die Hängepartie wirkt ermüdend: Wird Nabucco nun gebaut oder nicht? Fest steht: Die kommenden zehn Wochen entscheiden über Wohl und Wehe des Projekts.

Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Frage, ob genug sichere Abnehmer für die acht Milliarden Euro teure Investition mit einer Jahreskapazität von 31 Milliarden Kubikmetern Gas gefunden werden. Vielmehr richten sich alle Augen auf Aserbaidschans Staatsunternehmen SOCAR. Die Gretchenfrage lautet: An wen wird SOCAR die jährlich rund zehn Milliarden Kubikmeter Gas aus dem noch nicht fertig erschlossenen Offshorefeld Shah Deniz II verkaufen? Ohne das Gas aus Baku kann Nabucco kaum gebaut werden: Alle anderen potentiellen Lieferungen – aus dem Irak, aus Turkmenistan, vielleicht auch irgendwann einmal aus dem Iran – sind mit viel größeren Unsicherheiten verbunden.

Die drei Fronten von Nabucco

Doch um das aserbaidschanische Gas bemühen sich mehr Konkurrenten, als dem Nabucco-Konsortium lieb sein kann. Dies ist aber nur die zweite von drei Fronten. Die erste besteht zwischen der Europäischen Union (EU) und Russland. Hier geht es um Ordnungspolitik und Versorgungssicherheit. Die dritte Front verläuft innerdeutsch, sie betrifft den Konkurrenzkampf der beiden deutschen Platzhirsche. Wird RWE, der deutsche Nabucco-Teilhaber, ein ernsthafter Gas-Konkurrent für Eon, dessen Konzerntochter Ruhrgas über Jahrzehnte nicht nur das Importgeschäft, sondern auch die dazu passenden politischen Kontakte monopolisierte? Der Reihe nach:

Nabucco wurde im Jahr 2000 von der österreichischen Energiefirma OMV initiiert, um Europa neben der starken Abhängigkeit von russischem Gas eine alternative Route anzubieten, die Erdgas aus Regionen südlich von Russland bis zum österreichischen Verteilpunkt Baumgarten vor den Toren Wiens transportieren soll. Russland ist größter Erdgasexporteur der Welt und möchte unbedingt seinen hohen Monopolgrad bei der Belieferung Europas beibehalten: 55 Prozent von Europas Importen stammen aus Russland. Aus der reservereichsten Region der Welt zwischen Kaspischem Meer, Persischem Golf und Mittelmeer bezieht Europa dagegen nur elf Prozent seiner Importe. Mit Nabucco will die EU diesen Anteil erhöhen. Deshalb hat die Brüsseler Kommission schon 2007 Nabucco in die Liste der vier wichtigsten Infrastrukturprojekte im Energiebereich aufgenommen. Das sieht der Kreml gar nicht gern, weil er seinen Machtverlust seit dem Ende des Kalten Krieges kompensieren möchte – und dabei Energielieferungen als Machtinstrument einsetzt.

Deshalb versucht Russland, die Transitländer der Nabucco-Pipeline mit Hilfe des South Stream Projekts auf seine Seite zu ziehen. South Stream soll russisches Gas durch das Schwarze Meer nach Bulgarien liefern. Eine solche Pipeline wäre zwar für sich genommen nicht rentabel, würde aber ihren Zweck erfüllen: Nabucco zu verhindern.

Die Prognosen der Internationalen Energieagentur

Der im November erschienene World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA) geht von aus, dass die EU im Rahmen einer nachhaltigen „New Policy“ ihren Netto-Erdgasimportbedarf von 320 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2008 auf 504 Milliarden im Jahr 2035 steigern wird. Dabei wird das Importwachstum weniger durch steigenden Verbrauch hervorgerufen, sondern vielmehr durch den Rückgang der Eigenproduktion. Norwegen, Europas größter Gasproduzent, kann dies nicht auffangen, denn seine Produktion steigt in diesem Zeitraum kaum mehr an. Die EU muss also etwas tun, um diese zusätzlichen 184 Milliarden Kubikmeter zu beziehen.

Laut IEA wird sich Russlands Produktion zwar um weitere 152 Milliarden Kubikmeter erhöhen, aber diese werden gewiss nicht zusätzlich zu den derzeit jährlich 135 Milliarden Kubikmetern nach Europa geleitet: Damit will Russland in erster Linie seine Position in Ost- und Südasien verbessern. Europa wird zwar der größte Importmarkt der Welt bleiben, muss aber dringend dafür sorgen, dass die großen Anbieter der Zukunft – dazu gehört auch der Irak – auf diesem Markt präsent sein können.

Nabucco als Bindeglied zur Kaspischen Region

Nabucco ist dabei von zentraler Bedeutung. Die kaspische Region, die Nabucco vor allem beliefern soll, produziert mit hohen Wachstumsraten Erdgas. Es fehlt freilich die Infrastruktur, die beide Regionen verbindet. Es geht dabei um mehr als um die Reduktion der Abhängigkeit von Russland. Europa hat einen erheblichen Standortvorteil gegenüber anderen Nachfrageregionen etwa in Ostasien: 70 Prozent der globalen konventionellen Erdgasreserven lagern in einer Entfernung von Europa, die wirtschaftlich mit Pipelines erreichbar ist.

Dagegen müssen Länder wie Japan, China und Indien die langen Transportstrecken teuer bezahlen; das in Europa bereits existierende interne Verteilernetz wird in den asiatischen Schwellenländern erst aufgebaut. Europa muss also seinen Standortvorteil in einen Wettbewerbsvorteil umsetzen. Doch die Konkurrenz um die Erdgasvorkommen im Kaspischen Raum und Mittleren Osten wächst.

Russland, der exklusive Hoflieferant Europas, will zusätzlich die Wachstumsmärkte Asiens als Anbieter erobern. Dazu braucht es mehr zum Verteilen als die eigene Produktion. Gerne kauft Russland deshalb Erdgas aus dem postsowjetischen Raum auf, insbesondere kaspisches Gas. Mit seinem Veto gegen eine transkaspische Pipeline verhindert der Kreml, dass Gas aus Kasachstan und Turkmenistan nach Westen fließen kann; denn eine Südroute über den Iran wollen die Europäer aus politischen Gründen nicht bauen. Das weiß Russland. China wiederum würde am Liebsten die kaspischen Produktionen, einschließlich der des Irans, für sich vereinnahmen.

Drei konkurrierende Pipelines

Kein Wunder also, dass sich die kaspischen Erdgasproduzenten umworben fühlen und sich ungern auf Europa als alleinigen Abnehmer festlegen. Dazu kommt, dass sich Europa selbst Konkurrenz macht und dadurch die Rentabilität von Nabucco gefährdet. Drei weitere Pipelines sollen Erdgas von Aserbaidschan nach Europa liefern.

Erstens: Die Transadriatic Pipeline (TAP) von der Türkei über Griechenland, Albanien nach Italien. Anfängliche Jahreskapazität 10 Milliarden, später 20 Milliarden Kubikmeter.

Zweitens: Der Italian-Turkey-Greek Interconnector (ITGI). Jahreskapazität acht Milliarden Kubikmeter.

Drittens: Der Azerbaijan-Georgia-Romania Interconnector (AGRI), der Gas in verflüssigter Form über das Schwarze Meer nach Rumänien bringen will. Jahreskapazität sieben Milliarden Kubikmeter.

Nabuccos größter Rivale scheint TAP zu sein. Anteilseigener sind zu je 42,5 Prozent die Schweizer Gruppe EGL und die norwegische Statoil. Die restlichen 15 Prozent hält seit Mai 2010 Eon – und damit ein Konzern mit Stammsitz innerhalb der EU. Dies hatte seine Wirkung. EU-Energiekommissar Günther Oettinger versprach seine Unterstützung für das Projekt, Nabucco hin oder her. Das TAP-Konsortium ist auch deshalb gut aufgestellt, weil Statoil Anteilseigner des Shah Deniz-II-Projektes ist und deshalb auf SOCAR Einfluss nehmen kann. SOCAR wiederum lässt durch seinen eloquenten Vizepräsidenten Elshad Nassirov sagen, dass es Ende März nach rein wirtschaftlichen Kriterien entscheiden werde, wem es sein Gas verkauft.

Konkurrenzkampf zwischen Eon und RWE

Die dritte Front ist mindestens für den großen deutschen Gasmarkt von Interesse. Eons Konzerntochter Ruhrgas steht seit Jahrzehnten für besondere Beziehungen mit Russland und dessen Monopolanbieter Gazprom. Damit steht Ruhrgas für langfristige Verträge, Ölpreisbindung der Erdgasimporte und Wettbewerbsvermeidung einschließlich der Nichtwahrnehmung des Baus eines LNG-Hafens in Deutschland. Ruhrgas ist das einzige Unternehmen in Deutschland, das baurechtlich seit Jahrzehnten über eine Option zur Errichtung eines solchen LNG-Terminals (in Wilhelmshaven) verfügt, diese aber nicht nutzt und damit auch Wettbewerber fernhält. Diesen Status Quo fordert RWE mit dem Nabucco-Projekt heraus.

Die Entscheidung über den Zugang des größten Erdgasnachfragemarkts der Welt zu der größten Reserveregion der Welt liegt nun in den Händen Aserbaidschans. Das Land will seine Entscheidung Ende März verkünden. Einiges spricht dafür, dass sich TAP und damit die Koalition aus Nicht-EU-Unternehmen und Eon durchsetzt, oder gar die kleineren Projekte ITGI und AGRI. Dann wäre Nabucco gescheitert, zumindest vorerst. Das wäre ein Jammer.

Zur Person:

Dr. Friedemann Müller ist Berater der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Dort leitete er viele Jahre die Forschungsgruppe Globale Fragen. Zuvor arbeitete er im Planungsstab des Auswärtigen Amts.

Weitere Informationen:

SWP-Homepage www.swp-berlin.org

Zum Abkommen mit Aserbaidschan im Handelsblatt: „EU will neue Gasquellen erschließen“, www.handelsblatt.com,12.01.2011

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014