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EU-Kommission

Risiken im Energiehandel

Die EU plant für den OTC-Derivatehandel die Einführung von Clearinghäusern. Das betrifft auch den Energiemarkt.

Risiken im Energiehandel Risiken im Energiehandel
Europäische Union, 2010

Finanzkrise, Griechenland, Euro. So lauten gegenwärtig die Schlagworte in den Medien. Die allgemeine Forderung nach einer strengen Kontrolle der Finanzmärkte und Staatshaushalte dominiert die Medien und die politischen Absichtserklärungen.

EU-Gesetzentwurf Anfang Juli: Mehr Kontrolle im Energiehandel

Für Binnenmarktkommissar Michel Barnier läuft der Countdown, denn er hat angekündigt, bis Anfang Juli nicht nur eine Absichtserklärung, sondern einen Gesetzentwurf einzubringen, der über die Banken hinausgehend, alle Unternehmen, deren Geschäft ein systemisches Risiko birgt, neuen Regeln und Kontrollen unterwirft. Die EU spricht von einem Paradigmenwechsel ihrer Finanzpolitik und schließt darin alle Märkte ein, auch den Energiehandel – das führt zu Streit.

Bislang wurde von den Medien und der Öffentlichkeit wenig beachtet, dass die Absicht auch den Energiegroßhandelsmärkten ein „systemisches Risiko“ unterstellt und sie deshalb in der Behandlung der Risiken den Finanzmärkten gleichsetzt. Damit avancierte das Thema EU-Regulierung der Energiemärkte innerhalb der deutschen Energiebranche sofort auf Rang zwei, nach der Laufzeitenverlängerung, denn viele Energieunternehmen in Deutschland sind im Energiegroßhandel aktiv.

Risikoabsicherung müssten Kunden und Unternehmen bezahlen

Der Grund liegt auf der Hand: Eine den Vorstellungen von Barnier entsprechende Risikoabsicherung des Energiehandels kostet die Unternehmen zusätzliches Geld, das sie mit Preiserhöhungen an ihre Kunden, sprich die deutschen Strom- und Gasverbraucher, weiter reichen würden. Es geht um Milliarden.

Außerdem müssten einige der kleinen und mittleren Energieunternehmen – das betrifft eine ganze Reihe deutscher Stadtwerke – wegen dieser zusätzlichen Kosten ganz aus dem Energiehandel ausscheiden, was den Wettbewerb und die Liquidität des Energiemarktes deutlich beeinträchtigen würde.

Energie-Generaldirektor sieht systemische Risiken im Energiehandel

Ironie der Geschichte: Es war ausgerechnet der Brite Philip Lowe, der bis vor kurzem als wichtigster EU-Wettbewerbshüter E.on und RWE das Fürchten und das Zahlen lehrte, und heute als neuer Generaldirektor Energie – und damit als „der Mann hinter EU-Energiekommissar Oettinger“ – vor der Einführung einer Risikoabsicherung steht, die zwangsläufig zu Wettbewerbseinschränkungen führt.

In Brüssel sagte er dazu während eines Treffens mit energlobe.de, die generelle Risikoabsicherung sei nicht als Wettbewerbseinschränkung konzipiert worden, „würde aber ohne Differenzierung von Energie- und Finanzmärkten zu solchen Auswirkungen führen“. Während des seit seinem Amtsantritt im Februar erstmals mit deutschen Medien geführten Gesprächs macht er deutlich: Ja, es gäbe für ihn systemische Risiken im Energiehandel und nein, dies sei nicht ausreichend, um Energie- und Finanzmärkte undifferenziert zu behandeln.

Handel mit OTC-Derivaten außerhalb der Börse - oft ohne Aufsicht

„OTC, Derivate und Clearinghäuser“ – so lauten die Schlüsselbegriffe für das Verständnis der geplanten neuen Regulierung durch die Generaldirektion Binnenmarkt. Sie soll mehr Transparenz und Risikoabsicherung für die Handelsgeschäfte schaffen, die außerhalb der Börsen und ihrer Aufsicht abgewickelt werden, aus Derivaten bestehen und ein „systemisches Risiko“ darstellen, also das Risiko, ein ganzes Wirtschaftssystem zum Einsturz zu bringen.

„OTC“ steht für „Over The Counter – über den Tresen“ und bezeichnet genau diesen, sich außerhalb der Börse und damit oft außerhalb jedweder Aufsicht vollziehenden Bereich des Handels. Die in diesem Bereich weltweit gehandelten Derivate hatten im Dezember 2009 nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel weltweit ein Volumen von 605 Billionen US-Dollar. Das ist mehr als der Nominalwert der zu diesem Zeitpunkt weltweit an den Börsen gehandelten Derivate von 425 Billionen US Dollar.

EU will OTC-Derivatemarkt absichern

Nach den Erfahrungen der weltweiten Finanzkrise geht es Barnier und der EU-Kommission jetzt um eine wirksame Neuordnung und bessere Absicherung dieses „OTC-Derivatemarktes“, vor allem durch Transparenz. Während der Ausdruck „Derivate“ inzwischen landläufig zum Schimpfwort für alles geworden ist, was mit weltweiter Finanzkrise, ungebremstem Spekulantentum und Handel mit Fiktionen in Verbindung gebracht werden kann, unterstreicht die EU-Kommission die nützliche Rolle der Derivate für die Volkswirtschaften, weil Unternehmen mit Derivaten ihre Risiken steuern können.

Derivate: Ein junges Konstrukt

Derivate und der Handel mit ihnen sind noch nicht alt. Erst 1973 gelang es den Amerikanern Fischer Black und Myron Scholes eine für die Praxis brauchbare wirtschaftliche Bewertungsformel für Optionen zu finden, wofür Scholes 1997 den Nobelpreis erhielt. Das war die Geburtsstunde der Derivate – der Handelsverträge, deren Wert von der Entwicklung einer oder mehrerer Variablen abhing, z.B. vom Wetter. Vereinfacht gesagt, führte die Berechenbarkeit dieser Variablen in der Folgezeit einerseits zum Handel mit Derivaten, mit denen man Risikooptionen der Wirtschaftstätigkeit absichern konnte und andererseits zur intransparenten Verknüpfung von rein spekulativen Derivatepaketen mit fragwürdigem Realwert als Auslöser der weltweiten Finanzkrise.

Generaldirektion will Handel über Clearinghäuser abwickeln

Um letzteren Fall künftig auszuschließen, plant die Generaldirektion Binnenmarkt, den OTC-Derivatehandel für alle Bereiche mit systemischen Risiken in den Finanz-, Industrie- und Energiemärkten über „Clearinghäuser“ abwickeln zu lassen. Damit wird ein Vermittler eingeschaltet, der über die Spielregeln wacht und das Ausfallrisiko für die jeweils vertragführenden Seiten übernimmt – und sich diese Tätigkeit entsprechend bezahlen lässt, was den Handel von Derivaten deutlich verteuert. Zusätzlich müssen die über ein Clearinghaus aktiven Handelspartner beträchtliche Sicherheitsleistungen in Form von Geld oder Wertpapieren hinterlegen.

Streit um Barniers Entwurf

Über die ursprüngliche Idee Barniers, alle Wirtschaftsbereiche mit „systemischen Risiken“ in einem einheitlichen Gesetzentwurf zu regeln, der im Wesentlichen für den gesamten OTC-Derivatehandel Clearinghäuser vorschreibt, ist eine heftige Debatte ausgebrochen.

Dabei stehen drei Fragen im Vordergrund: Welche Märkte außerhalb des Finanzmarktes bergen überhaupt „systemische Risiken“, und verlangen die Unterschiede zwischen diesen Märkten und dem Finanzmarkt Sonderregelungen? Was heißt das für den Energiehandel?

Drastischer Ausbau des OTC-Derivatehandels auf Energiemarkt

Die Liberalisierung des europäischen Energiemarktes und die damit einher gegangene Veränderung des Energiehandels sowie die Einführung von Energiebörsen haben auch hier zum drastischen Ausbau des OTC-Derivatehandels geführt. Die Dimension ist groß: So werden pro Jahr in Deutschland 540 Terawattstunden Strom verbraucht und nach Schätzungen der Leipziger Strombörse EEX an der Börse und im OTC-Handel 2000 bis 5000 Terawattstunden pro Jahr gehandelt.

Anders gesagt: Jede Terawattstunde Strom wird dieser Schätzung nach vor ihrem Verbrauch vier bis zehn Mal gehandelt. Ein anderes Beispiel: Im „trading floor“ von RWE, dem Energiehandel des deutschen Branchenriesen, wird schon jetzt die Mehrheit der Verträge durch Banken und Finanzinstitute abgeschlossen. Jede Einheit Energie wird hier vor ihrem realen Verbrauch zehn bis elf Mal gehandelt.

Unternehmen wollen Extra-Regulierung für Energiehandel

In Brüssel argumentieren die führenden deutschen Energieunternehmen für ein Extra-Regulierungspaket im Energiehandel, da er nach ihrer Ansicht nicht zu den Auslösern der Finanzkrise gehöre und kein systemisches Risiko berge, denn im Gegensatz zum Finanzmarkt – und diese These ist umstritten - handele es sich hier um handfeste Assets wie Netze, Rohstoffe und Kraftwerke.

Weiterhin würden bei einem Zwang, generell ein Clearinghaus für den OTC-Handel einschalten zu müssen, nach Meinung dieser Unternehmen, viele kleinere Energieunternehmen dem Handel fernbleiben müssen. Größere Energieunternehmen würden die zusätzlichen Kosten auf die Kunden umlegen, was die Energiepreise deutlich erhöhen würde.

Philip Lowe führt die Generaldirektion Energie

Die offene Frage war, wie die von Philip Lowe geführte Generaldirektion Energie in ihrem für Mai angekündigten Konsultationspapier an Binnenmarktkommissar Barnier diese Argumentation bewerten wird.

Wenn auch erst seit kurzem in der neuen Position, sind Philip Lowe (63) diese Argumente bestens bekannt. Seit Ende Februar 2010 ist er Generaldirektor der Generaldirektion Energie. Zuvor leitete er seit 2002 die Generaldirektion Wettbewerb.

Man mag ihm seine 37 Jahre lange Erfahrung und seinen enormen Einfluss bei der EU-Kommission nicht gleich ansehen, wenn er in seiner unaufdringlichen Art mit einem Rucksack über der Schulter einer Konferenz europäischer Kommunalunternehmen in Brüssel beiwohnt. Philip Lowe differenziert aber sehr deutlich.

Lowe: Kozept sollte Unterschiede der Märkte berücksichtigen

Auf die Frage, ob er mit Blick auf die Herangehensweise der Generaldirektion Binnenmarkt im Energiehandel „systemische Risiken“ sehe, sagt er, dass er sie sehr wohl sehe, weil sich Banken und andere Finanzinstitute sehr intensiv mit diesen Märkten beschäftigen würden. Bei anderen Unternehmen würden die gehandelten Volumina darüber entscheiden, ob sie eine systemische Relevanz hätten.

Die Absicht ein globales Gesetzespaket für alle Märkte zu schaffen, sieht Lowe eher skeptisch: „Ich würde zögern, mich einer solchen Schlussfolgerung anzuschließen, denn es gibt wichtige Unterschiede zwischen den Finanz- und Energiemärkten. Auch wenn es dort in der Realität letztendlich eine große Grauzone gibt.“ Lowe betont, dass er intuitiv, also ohne sich mit seinen Kollegen und anderen Generaldirektionen dazu schon abgesprochen zu haben, ein allgemeines Konzept befürworten würde, das zwischen den Märkten differenziere. Man wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die einzelnen Märkte isoliert zu betrachten, „vielmehr wollen wir ein allgemeines Konzept, welches die Unterschiede der Märkte berücksichtigt“.

Gewisses Niveau der Regulierung durch Clearinghäuser nötig“

Man habe sich schon vor seiner Zeit mit den anderen Generaldirektionen darauf geeinigt, ein gewisses Niveau der Regulierung durch Clearinghäuser zu benötigen, sagt Lowe. Dabei bleibe vorerst offen, ob es ein oder mehrere Clearinghäuser geben werde, die auch im Wettbewerb zueinander stehen könnten. „Es gibt Argumente in beiden Richtungen. Als ehemaliger Wettbewerbshüter halte ich ein einziges Clearinghaus nicht gleich für eine gute Lösung.“

Eine Position, wer die Aufsicht über die Integrität von Energiegroßhandelsmärkten im Allgemeinen führen solle, werde man noch nicht beziehen. Lowe verweist auf Stimmen, die für die Aufsicht durch Energieexperten sprächen als auch auf die, welche die Finanzexperten in der Pflicht sähen. Er selbst neige eher zu der Seite der Finanzexperten.

Für kleine und mittlere Energieunternehmen Ausnahmen schaffen“

Auf die Befürchtung, die Berücksichtigung der Marktunterschiede in einem allgemeinen Gesetzentwurf laufe auf Fußnoten hinaus, die mit der Zeit auch wieder schnell verschwinden könnten, entgegnet Lowe, „es handelt sich nicht um Fußnoten oder kleine Ausnahmen. Es geht um eine Architektur des Gesamtpakets.“ In diesem müsse man erstens klären, ob alle oder welche Teile des OTC-Handels über Clearinghäuser laufen sollen, zweitens welches Niveau der Aufsicht nötig sei und drittens durch wen diese Aufsicht geführt werden müsse.

Auf die kleinen und mittleren Energieunternehmen geht Lowe besonders ein. Für sie müsse man Ausnahmeregelungen schaffen, betont er. Dabei müsse man die Handelsvolumina und den Anteil dieser Volumina am Profil der gesamten Unternehmenstätigkeit berücksichtigen. „Damit kann die Mehrheit der kleinen Unternehmen weiter am Energiehandel teilnehmen. Das ist wichtig für die Liquidität der Märkte und den Wettbewerb.“

Weitere Informationen:

Deutsche Bank Research: „OTC-Derivate - Grundlagen und Aktuelle Entwicklung“ www.dbresearch.pdf

Das EU-Papier zu Transparenz und Integrität des Elektrizitäts- und Gasmarktes befindet sich in der Konsultationsphase. Auch Bürger, Firmen und Verbände können es auf der Seite der EU unter http://ec.europa.eu kommentieren.



»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014