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Gasversorgung

„Chancen stehen 70 zu 30“

„Chancen stehen 70 zu 30“ „Chancen stehen 70 zu 30“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Was hat die Verzögerung beim Bau der Nabucco-Pipeline zu bedeuten? Sind solche neuen Leitungsprojekte im Angesicht der Schiefergas-Schwemme überhaupt noch sinnvoll? Diese Fragen beantwortet Frank Umbach im ENERGLOBE.DE-Interview. Er ist Vize-Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King's College London und Autor einer aktuellen Studie zu den Folgen der Schiefergas-Revolution.

Herr Umbach, der Baubeginn der Nabucco-Pipeline ist um ein Jahr verschoben worden und hat damit Unkenrufe provoziert. Sind die Realisierungschancen von Nabucco gesunken?

Frank Umbach: Nein, aus meiner Sicht stehen die Chancen nach wie vor 70 zu 30, dass Nabucco tatsächlich gebaut wird. Daran hat die Verschiebung des Baubeginns nichts geändert, denn sie hatte objektiv nachvollziehbare Gründe.

Welche denn?

Umbach: Der wichtigste Grund war der Wunsch Aserbaidschans auf Erweiterung des Leitungsnetzes. Zum einen soll das Gas zusätzlich noch aus einem zweiten aserbaidjanischen Feld, dem Umid-Gasfeld, bezogen werden. Zum anderen will die Regierung in Baku mit den Gasleitungen näher an potentielle Endkunden in Süd- und Mittelosteuropa heranrücken als bislang geplant. Zudem möchte die EU-Kommission Verbindungen zwischen der Nabucco-Pipeline und zwei anderen Pipelineprojekten im „Südlichen Korridor“ herstellen: Der Trans-Adriatic Pipeline zwischen Griechenland, Albanien und Italien sowie der Interconnector Turkey-Greece-Italy (ITGI) Gaspipeline. Darüber hinaus wird der Gasedarf Europas bis 2017 nicht so stark zunehmen, wie vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 prognostiziert. Daran ändert auch der deutsche Atomausstieg nichts, so lange dieser nicht von anderen EU-Staaten als Vorbild genommen wird was derzeit mit Ausnahme der Schweiz und vielleicht auch Italiens nicht erfolgt ist.

 

Gefährdet der globale Siegeszug des unkonventionellen Gases das Nabucco-Projekt?

Umbach: Das glaube ich nicht. Problematisch sehe ich eher das South-Stream-Projekt. Es müsste sein Gas wohl aus ukrainischen Pipelines beziehen, wie nicht zuletzt die innenpolitischen Diskussionen in Russland zeigen. Sollte South Stream langfristig auch aus Jamal und anderen sibirischen Feldern gefüttert werden, würde das ganze Projekt noch erheblich teurer als ohnehin. Es wird rund dreimal so viel wie Nabucco kosten. Gerade unter Kostengesichtspunkten, aber auch unter Aspekten der Versorgungssicherheit bietet unkonventionelles Gas eine wirkliche Alternative. Dies erklärt, warum Moskau am liebsten das South-Stream-Projekt so schnell wie möglich unter Dach bringen und damit vollendete Tatsachen auf dem europäischen Gasmarkt schaffen möchte, bevor die größeren Investitionen in die Ausbeutung womöglich billiger unkonventioneller Gasressourcen erfolgen und damit eine ungewünschte Konkurrenz mit geopolitischen Folgen zulasten Russlands schaffen könnte.

Welche Folgen hat die oft zitierte Schiefergas-Revolution insgesamt?

Umbach: Es handelt sich um eine „stille Revolution“, eigentlich eher eine Evolution der neuen Bohrtechniken bei unkonventionellem Gas; sie umfasst insbesondere Schiefergas, aber auch Methangas aus Kohleflözen und engen Sandsteinformationen.
Die Förderung von unkonventionellem Gas hat die USA, bislang größter Importeur von Flüssiggas (LNG), zum Selbstversorger gemacht. Dazu kommen die bereits 2005 gefallenen Investitionsentscheidungen in große Verflüssigungsanlagen im Mittleren Osten sowie die Wirtschafts- und Finanzkrise. Diese Gemengelage sorgt
seit 2009 für die derzeitige Überversorgung mit Erdgas. Auf den Spotmärkten in Großbritannien kostete Erdgas zeitweise nur ein Drittel des Pipelinegases aus Russland und Norwegen.
Diese Entwicklung hat auch zur Entkoppelung des Gaspreises vom Ölpreis geführt. Sollte außerhalb der USA nur ein Bruchteil des theoretisch verfügbaren unkonventionellen Gases für den Weltmarkt verfügbar werden, wird die gegenwärtige Gasschwemme definitiv länger als 2015 reichen und damit die Abkoppelung des Gas- vom Ölpreis zementieren. Wohlgemerkt: Die unkonventionellen Gasressourcen sind größer als die konventionellen.

Was bedeutet dies geopolitisch?

Umbach: Es gäbe faktisch eine größere Diversifizierung des Energiemixes sowie der Energie- und Gasimporte. Konsumentenstaaten würden gestärkt. Von der weltweiten Renationalisierung der Energie- und Gassektoren seit Ende der 90er Jahre profitierten Energieproduzenten und nationale Staatskonzerne zulasten privater westlicher Öl- und Gaskonzerne. 85 Prozent der verbleibenden konventionellen Öl- und Gasressourcen befinden sich unter der Kontrolle von nationalen Staatskonzernen und ihrer Regierungen, so dass von liberalisierten Öl- und Gasmärkten nicht länger gesprochen werden kann.
Schiefergas wäre für Europa eine weitere einheimische Energiequelle und würde somit die steigende Abhängigkeit von Russland verringern. Russland gerät damit zunehmend in eine schwierige Position: Zum einen muss es Investitionen in neue große Erdgasfelder sichern und zum anderen bietet der alternative Export nach China kaum ein Substitut für den Export in die EU. China, das seine Energiepolitik
stark nach Kriterien der Versorgungssicherheit, also Diversifizierung des Energiemixes und der Öl- und Gasimporte, ausrichtet, investiert derzeit schon in großem Umfang in unkonventionelles Erdgas.

Welche Rolle spielt Schiefergas für Europa und Deutschland?

Umbach: Auch Europa und Deutschland haben prinzipiell große Vorkommen. Was hiervon wiederum wirklich ausbeutbar ist, wird sich erst nach den gegenwärtig laufenden Probebohrungen zeigen, die noch zumindest zwei bis drei Jahre dauern werden. Dies ist auch eine Frage des Preises, der höher sein dürfte als in den USA, aber auch niedriger als der künftige Import von extrem teuren Pipelinegas aus den neuen sibirischen Gasfeldern von Jamal oder gar Schtokman in der Barentssee. Natürlich hängt diese Frage auch von öffentlicher Akzeptanz ab und der Lösung potentieller Umweltfragen.
Wichtig ist, dass wir die strategischen Perspektiven erkennen. Es handelt sich faktisch um eine neue förderbare Energiequelle, die im Vergleich zu Öl und Kohle relativ sauber ist. Alle historischen Erfahrungen bei neuen Energiequellen und Technologien zeigen: Neue ausschöpfbare Ressourcen steigen nicht zuletzt aufgrund der Weiterentwicklung und Innovationen bei den gegenwärtigen Fördertechniken in ihrer Verfügbarkeit für die Märkte immer an.

Wie wirkt sich die Schiefergas-Revolution auf Russland aus?

Umbach: Für Russland, das bislang auf Pipelinediplomatie setzt, würde dies einen erheblichen Einflussverlust zur Folge haben. Die Ausnutzung von Energieabhängigkeiten für die russische Außen- und Sicherheitspolitik wird damit in Frage gestellt. Die Gewinne des Staatsmonopolisten Gazprom könnten einbrechen, das hätte auch Folgen für den Staatshaushalt. Russland droht damit zum Verlierer zu werden, wenn es nicht radikal in seiner Gaspolitik umschwenkt. Dabei besitzt Russland selbst große Schiefergas-Vorkommen, aber nicht die Technologien und vor allem nicht die Erfahrungen bei der Förderung und dem Fördermanagement selbst.
Insofern könnte eine Revolution von unkonventionellen Gasressourcen
wie bereits in der EUCERS-Studie „Strategic Perspectives of Unconventional Gas“, mit meinem Co-Autor Maximilian Kuhn beschrieben auch zur Liberalisierung der Gaspolitik in Russland selbst und damit auch zur stärkeren Öffnung des russischen Gasmarktes führen sowie zu einer Entpolitisierung der Pipelinepolitik und asymmetrischer Energieabhängigkeiten. Dies alles würde dann in der Tat völlig neue Perspektiven für eine nachhaltige Energiepartnerschaft zwischen der EU und Russland eröffnen, die wesentlich mehr als bisher auf beiderseitigem Vertrauen beruhen würde.

Der US-Kongress hat die Umweltbehörde EPA mit einer Studie zu den Folgen des Hydraulic Fracturing für das Trinkwasser beauftragt. Könnte das den Siegeszug des Schiefergases bremsen?

Umbach: In den USA gibt es zumeist keine vergleichbaren Umweltauflagen etwa für Grundwasserschutz wie im wesentlich dichter bevölkerten Europa und insbesondere in Deutschland. Es gibt technische und regulative Möglichkeiten eines entsprechenden Umweltschutzes bei den Fördertechniken. Dies muss adäquat und von unabhängiger Seite überwacht und kontrolliert werden. Zugleich wird jedoch auch an neuen Fördertechniken gearbeitet, die keine vergleichbaren chemischen Substanzen bei der Förderung benutzen. Eine strikte Regulierung von Umweltschutzauflagen ist in den USA sicherlich dringend notwendig, wird aber grundsätzlich die bisherige Expansion der Schiefergas-Produktion nicht aufhalten.

Gibt es überhaupt Alternativen zum Fracking mit chemischen Stoffen?

Umbach: Daran wird gearbeitet. Ukrainische Experten behaupten, über eine vergleichbare Technologie zu verfügen, die aus der Weltraumforschung kommt und bereits heute industriell in anderen Bereichen eingesetzt wird und aus ihrer Sicht auch bei der Förderung von unkonventionellem Gas verwendet werden kann. Technische Innovationen gibt es also nicht nur bei den Erneuerbaren Energien. Das ist gut so. Erneuerbare und Schiefergas werden sich künftig eher ergänzen, als dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machen.

Dr. Frank UmbachZur Person:
Dr. Frank Umbach, geboren 1963, studierte Politikwissenschaft, osteuropäische Geschichte und Jura in Marburg und Bonn. Von 1996 bis 2007 arbeitete er bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Seit 2008 ist er Senior Associate und Programmleiter Internationale Energiesicherheit am Centre for European Security Strategies (CESS) in München und Berlin. Zusätzlich ist Umbach seit 2010
Vize-Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King's College London.


Weitere Informationen:

Die Studie „Strategic Perspectives of Unconventional Gas: A Game Changer with Implications for the EU's Energy Security“ von Frank Umbach und Maximilian Kuhn steht auf der EUCERS-Website als Download zur Verfügung: www.eucers.eu

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014