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Energiepolitik

Die neue Gasmacht

Die Europäer müssen um die Gunst der Türkei buhlen. Experten sehen das Land auf dem Weg zur Energiedrehscheibe.

Die neue Gasmacht Die neue Gasmacht
energlobe.de, Denny Rosenthal

Die energiehungrigen Europäer müssen um die Gunst der Türkei buhlen. Laut einer Studie der Stiftung für Wissenschaft und Politik kann sich die Türkei zur Energiedrehscheibe für Westeuropa entwickeln, zumindest aber zum zentralen Energiekorridor werden. Das Land liegt zwischen zwei der größten fossilen Energievorkommen weltweit: Den Öl- und Gasressourcen der Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres und denen im Nahen und Mittleren Osten. Ohne die Unterstützung der Türkei lässt sich für den Westen in dieser Region „nichts oder nicht sehr viel machen“, kommentiert der ehemalige Außenminister Joschka Fischer: „Europa wird im 21. Jahrhundert auf die Türkei angewiesen sein.“

Nabucco

Fischer ist auch Lobbyist für die Gas-Pipeline Nabucco, das zentrale Projekt für die türkische Drehscheiben-Version. Die Pipeline soll in vier bis fünf Jahren Gas aus Aserbaidschan und Turkmenistan über das Festland in den Westen bringen. Die Gesamtkosten der 3.300 Kilometer langen Verbindung werden auf acht Milliarden Euro geschätzt, 2.000 Kilometer davon verlaufen durch die Türkei. In der Dachgesellschaft befinden sich sechs Partner zu gleichen Anteilen. Aus deutscher Sicht ist RWE mit dabei. Nabucco wäre dabei die einzige Pipeline, die nicht von Moskau kontrolliert wird. Bis auf RWE sind jedoch alle Partner auch in dem alternativen South-Stream-Projekt der Russen eingebunden. Gazprom ist daher bestrebt auch den Essener Energiekonzern zum Seitenwechsel zu verführen. RWE-Chef Großmann konterte aber mit einem klaren Bekenntnis für das von Russland unabhängige Vorhaben: Nabucco sei die einzige Initiative für mehr Vielfalt an Gasquellen, Transportrouten und Wettbewerb in Europa.

Nur eine Pipeline wird gebaut

Bei Energiefragen rücken Russland und die Türkei seit einiger Zeit enger zusammen. Die Türken erlaubten die russische South-Stream-Pipeline durch ihre Wirtschaftszone zu bauen: Die Pipeline soll Gas aus dem Kaukasus durch das schwarze Meer nach Westeuropa transportieren. Zweitens besiegelten die Staatsoberhäupter vor knapp einem Jahr die Belieferung der geplanten Transanatolien-Ölpipeline mit kaspischen Erdöl, die vom Schwarzmeerhafen Samsun bis zum türkischen Erdölhafen Ceyhan am Mittelmeer verlaufen soll. Am 12. Mai 2010 unterschrieb der russische Ministerpräsident Wladimir Putin zusätzlich einen Vertrag über den Bau von vier neuen Atomkraftwerken durch russische Unternehmen auf türkischem Boden im Auftragswert von knapp 16 Milliarden Euro. Die Kraftwerke sollen 2017 ans Netz gehen.

Jeder wartet auf den Anderen

Je besser die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland, desto unwahrscheinlicher wird die Nabucco-Pipeline. „South Stream und Nabucco schließen einander aus“, heißt es in der SWP-Studie. „Daher wird Nabucco so lange in der Schwebe bleiben, bis seine Betreiber verbindlich erklären, dass sie die russische Alternative nicht nutzen werden.“ Wegen erheblicher Unsicherheiten versuchen sämtliche Akteure sich alle Optionen offen zu halten. Damit bewirken sie aber, dass die Unsicherheit andauert. Die Türkei selbst kann nach Ansicht von Autor Heinz Kramer wenig beitragen, um dieses Dilemma aufzulösen. „Daher ist es immer noch ungewiss, ob und wann die Nabucco-Erdgasleitung aus dem Planungsstadium in die Realisierungsphase eintreten wird.“ Vor zwei Wochen räumte nach dem österreichischen Energieunternehmen OMV auch RWE das erste Mal offen Vorbehalte ein: „Wir werden kein Geld investieren, solange die Gaslieferung nur eine vage Hoffnung ist“, betont der zuständige Manager von RWE-Trading, Stefan Judisch.

Um die Gasreserven wird „ein kalter Energiekrieg“ zwischen Russland und dem Westen geführt – dabei könnte China lachender Dritter sein. Nach Ansicht von Kramer bemühten sich die Asiaten „deutlich diskreter als die alten Weltmächte um die Vorräte der kaspischen Staaten“.

Weitere Informationen:

SWP-Studie "Die Türkei als Energiedrehscheibe"

EU-27 Watch "Turkey becomes an energy hub"

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014