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Energieaußenpolitik

„Gegenseitige Abhängigkeit“

Dena-Chef Stephan Kohler im Interview mit energlobe.de über sein Engagement in Russland und China

„Gegenseitige Abhängigkeit“ „Gegenseitige Abhängigkeit“
Sabeth Stickforth

Herr Kohler, in der Energiebranche ist Schiefergas derzeit ein großes Thema. Ist das nur ein Hype – oder eine Zäsur?

Stephan Kohler: Wir haben es hier sicher nicht mit einem Hype zu tun, sondern mit einer nachhaltigen Entwicklung. Die Lagerstätten und die Eigenschaften von Schiefergas sind in Fachkreisen bereits seit langem bekannt. Neu sind die Fortschritte bei der Fördertechnik; dadurch lohnt sich die Gewinnung jetzt auch ökonomisch, zumindest in den USA.

Und in Europa?

Kohler: In Polen, Tschechien und auch in Deutschland wird derzeit nach Schiefergas gesucht. Die Exploration ist aber aufwändiger und teurer als in den USA.

Ab wann lohnt Schiefergas-Förderung?

Kohler: Das hängt vom Ölpreis ab, der im Energiemarkt immer noch das Maß aller Dinge ist. Ab etwa 70 Dollar pro Barrel ist die Schiefergas-Förderung in den USA wirtschaftlich. Diese Bedingung ist seit einiger Zeit erfüllt. In Europa liegt der Schwellenwert wegen der schwierigeren geologischen Bedingungen höher. Es sind Werte von rund 100 Dollar in der Diskussion.

Wie wird sich der Gasmarkt entwickeln?

Kohler: Er wird internationaler und vielfältiger. Die USA haben die Gasproduktion, auch durch Schiefergas, deutlich gesteigert; gleichzeitig sank aber die Nachfrage aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Folge war ein Preisverfall beim Gas. Das überschüssige Gas wurde teilweise verflüssigt und als Liquified Natural Gas (LNG) mit Tankern nach Europa transportiert.

Verringert dies die Abhängigkeit vom russischen Gas? Mehr als ein Drittel des hierzulande verbrauchten Gases stammen vom Moskauer Monopolisten Gazprom.

Kohler: Wir beobachten zwei gegenläufige Effekte. Zum einen ist der LNG-Anteil am weltweiten Gasverbrauch in den vergangenen fünf Jahren gestiegen, auf inzwischen mehr als 20 Prozent. Dadurch wird zwar weniger russisches Pipelinegas benötigt. Andererseits sind die Russen selbst längst auf den LNG-Zug aufgesprungen. Sie haben etwa in Sibirien Verflüssigungsanlagen gebaut, um von dort ihr Gas als LNG nach Japan und in die USA zu exportieren. Ich glaube daher nicht, dass die Europäische Union ihre Abhängigkeit vom russischen Gas künftig verringern werden kann.

Wie verhalten sich die USA?

Kohler: Durchaus janusköpfig. Der US-Botschafter in Schweden forderte Ende 2008 die Regierung in Stockholm per Zeitungsannonce auf, den Bau der Nordstream-Pipeline zu verhindern, die russisches Gas direkt an die deutsche Ostseeküste transportieren soll. Er warnte dabei eindringlich vor zunehmender Abhängigkeit von Russland. Gleichzeitig verhandelten US-Emissäre bereits über den Bau von LNG-Terminals in Sibirien. Offenbar wollen die USA uns das russische Gas madig machen, um es dann selber zu importieren.

Begrüßen Sie den Bau der Nordstream-Pipeline?

Kohler: Ja, denn sie erhöht letztlich die Versorgungssicherheit in der EU. In der Vergangenheit haben Russlands Konflikte mit der Ukraine oder mit Weißrussland wiederholt die Gazprom-Lieferungen in die EU bedroht. Diese Gefahr ist mit dem Bau der Pipeline verringert worden. Der Trend zu Schiefergas und LNG macht diese Pipeline keinesfalls überflüssig, weil der Importbedarf in der EU künftig weiter zunehmen wird.

Warum eigentlich?

Kohler: Zum einen versiegen die EU-eigenen Gasquellen wie zum Beispiel in Großbritannien und in den Niederlanden. Zum anderen wird der Gasanteil am Energiemix in Europa insgesamt weiter zunehmen, nicht zuletzt, weil der Energieträger relativ klimafreundlich ist und zum Beispiel nur halb so viel Kohlendioxid bei der Verstromung emittiert wie die Braunkohle. Schiefergas und LNG kommen da wie gerufen. Damit können wir unsere Bezugsquellen geographisch diversifizieren. Zudem werden Schiefergas und LNG die höhere Nachfrage ausgleichen und so den Markt stabilisieren. Übrigens wollen auch die beiden größten Schwellenländer China und Indien, die primär auf Steinkohle setzen, den Gasanteil am Energiemix erhöhen – aus Umweltschutzgründen. China hat gerade eine Pipeline von Turkmenistan in Betrieb genommen, in der auch iranisches Gas fließt.

Apropos: Wie bewerten Sie die geplante Nabucco-Pipeline, die vom Kaspischen Meer nach Wien führen soll und von der Brüsseler EU-Kommission politisch unterstützt wird?

Kohler: Der Bedarf der EU-Staaten ist eindeutig vorhanden. Abnehmer gäbe es genug. Aber am anderen Ende sind nicht genug Gaslieferanten in Sicht. Kurzum: Momentan sind die Aussichten für Nabucco ernüchternd. Das kann sich irgendwann natürlich ändern, insbesondere, wenn eines Tages in Teheran eine gemäßigte Regierung an die Macht kommen sollte. Der Iran besitzt riesige Vorkommen, scheidet aber aus politischen Gründen derzeit aus. Turkmenistan besitzt nennenswerte Gasreserven, wird aber derzeit von Russland umgarnt. Es gilt die Regel: Durch das Kaspische Meer wird keine Pipeline gebaut, die nicht vorher den Segen aller Anreinerstaaten hat, also auch von Russland. Russland ist gegen Nabucco und treibt stattdessen ein eigenes Projekt unter dem Namen Southstream voran.

Wollen die Russen mit dem Southstream-Projekt vor allem Nabucco torpedieren?

Kohler: Für Southstream gilt Ähnliches wie für die Nordstream-Pipeline in der Ostsee. Es geht den Russen darum, ihr Gas nicht mehr durch die Ukraine und Weißrussland transportieren zu müssen. Und zwar in diesem Fall in die Südländer wie Bulgarien und Griechenland, aber auch nach Italien. Aus diesem Grund reist Ministerpräsident Silvio Berlusconi ja in letzter Zeit häufig nach Moskau: Er verhandelt über Southstream-Gas.

Sie selbst reisen auch häufig nach Russland. In welcher Mission?

Kohler: Es geht um die Modernisierungs-Partnerschaft zwischen der EU und Russland. Diesen Ausdruck hat der frühere deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier geprägt. Der Begriff signalisiert eine gegenseitige Abhängigkeit. Die EU-Staaten hängen am russischen Gas-Tropf. Aber Russland seinerseits ist vom Hightech-Knowhow der EU abhängig. Nur so kann Moskau die angestrebte Modernisierung der russischen Volkswirtschaft verwirklichen. Präsident Medwedjew hat das Ziel ausgerufen, 40 Prozent des bislang prognostizierten Energiebedarfs bis zum Jahr 2020 einzusparen. Das kann er nur mit westlicher Hilfe schaffen.

Wo verschwendet Russland denn Energie?

Kohler: Zum Beispiel bei Gebäudeheizungen, die zu 40 Prozent mit Fernwärme versorgt werden. Die Fernwärmeleitungen sind marode, mit Verlusten zwischen 20 und 25 Prozent. Zum Vergleich: Im Berliner Fernwärmenetz liegen die Leitungsverluste bei rund acht Prozent. Fairerweise muss man ergänzen, dass die klimatischen Bedingungen in Russland viel höhere Anforderungen an das Leitungsmaterial stellen als hierzulande. In Sibirien herrschen im Winter minus 40 Grad, teilweise sogar minus 50 Grad. Im Sommer werden dann oft plus 35 Grad gemessen. Solche jährlichen Temperaturunterschiede von rund 80 Grad belasten Leitungen natürlich ungemein. Hinzu kommt, dass die russischen Kraftwerke meist reine Heizkraftwerke sind, ohne Kraft-Wärme-Kopplung zur gleichzeitigen Stromproduktion.

Und Sie leisten da Hightech-Hilfe?

Kohler: Seit Jahresanfang gibt es die Russisch-Deutsche Energieagentur unter dem Namen „rudea“ mit Sitz in Moskau. Wir als dena sind mit 40 Prozent an der rudea als Gesellschafter beteiligt. Die rudea bringt deutsche Unternehmen, also Technologieanbieter, mit russischen Kunden zusammen. Die konkrete Projektarbeit der rudea ist sehr erfolgreich.

Ihr anderes wichtiges Partnerland ist China. Wie sieht dort Ihre Arbeit aus?

Kohler: Wir arbeiten an zwei Hauptthemen. Mit dem chinesischen Bauministerium haben wir eine strategische Arbeitsgruppe zum energieeffizienten Bauen gegründet. Eine weitere Arbeitsgruppe befasst sich mit der künftigen Entwicklung des Mobilitätssektors.

Wie wichtig ist Chinas Bausektor?

Kohler: Ungemein wichtig. Was kaum jemand ahnt: Studien prognostizieren, dass im Jahr 2020 rund die Hälfte aller Gebäude weltweit in China gebaut werden. Das unterstreicht, wie wichtig der chinesische Heiz- und Gebäudemarkt ist – für den weltweiten Energieverbrauch und für das Weltklima. Natürlich ist China damit auch ein riesiger Absatzmarkt für deutsche Bau- und Anlagenlieferanten. Ein Problem in China ist der Fachkräftemangel: Auf den Baustellen fehlt es oft an qualifiziertem Personal.

Im Westen wird China oft für mangelnden Klimaschutz kritisiert. Zu Recht?

Kohler: Aus meiner Sicht ist China auf den Gebieten Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien fortschrittlicher, als wir das im Westen wahrnehmen. Die zentralistische Struktur ist da durchaus hilfreich: Im Bausektor beispielsweise sind ehrgeizige Einsparungsziele vom Präsidenten festgelegt worden; jetzt setzen große Wohnungsbaugesellschaften, mehrheitlich im Staatsbesitz, diese Ziele auch um. Hinzu kommt, dass Chinas Elite den Gedanken der Energieeffizienz verinnerlicht hat – stärker als zum Beispiel die Elite in Russland, wo Öl und Gas stets im Überfluss vorhanden war. China hat nicht diese eigene Rohstoffbasis nicht; seine Leistungsträger sind sich bewusst, wie wichtig es ist, Ressourcen zu schonen und nachhaltig zu wirtschaften. Immerhin: China investiert dieses Jahr mehr Geld in Regenerative Energien als die USA.

Weitere Informationen:

„Schiefergas vermasselt Exportgeschäft von Gazprom - Kommersant“ http://de.rian.ru

„Schiefergas - die wieder entdeckte Reserve“ www.nzz.ch

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014