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Erdgas

Libyen-Krise stärkt Russland

Die Unruhen in der arabischen Welt gefährden Europas Zugang zu Öl und Gas. Diese explosive Situation dürfte Russland zugute kommen.

Libyen-Krise stärkt Russland Libyen-Krise stärkt Russland
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Unruhen in der arabischen Welt gefährden Europas Zugang zu Öl und Gas. Diese explosive Situation dürfte Russland stärken.

Im Konferenzraum I des Luxushotels Adlon wirken die holzvertäfelten Wände eher düster und passen damit zur Stimmung. Vorne sitzen EU-Energiekommissar Günther Oettinger und Russlands Energieminister Sergej Schmatko gemeinsam am Tisch, nur einen halben Meter voneinander getrennt und doch so fern. Die Fronten sind verhärtet: Europa will, dass Gasanbieter nicht auch noch die Pipelines besitzen. Mit dieser Entflechtung soll mehr Wettbewerb entstehen. Das geht Russlands Monopolisten Gazprom gegen den Strich – er liefert Gas durch seine eigenen Leitungen. „Die russischen Interessen werden nicht genügend berücksichtigt“, klagt Minister Schmatko. Oettinger reagiert kühl. Er werde von seiner Position nicht abrücken, gibt der EU-Kommissar zu verstehen. Immerhin sagen beide auch, dass sie bis zum Sommer eine Lösung finden wollen.

Im Hotel Adlon wurde deutlich, dass die Unruhen in der arabischen Welt die Position des Energielieferanten Russland in den Verhandlungen stärken könnten. Denn das Land kann sich als Retter in der Not profilieren. Zwar will die EU den Ausfall beim Öl mit eigenen Reserven kompensieren, es sollen aber auch andere Lieferländer zum Einsatz kommen: „Ich bin sicher, dass die OPEC und Russland alles tun werden, um Engpässe zu verhindern“, so Oettinger.

IEA-Chef Fatih Birol sieht Russland als Gewinner der Krise

Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) Fatih Birol sieht Moskaus Position durch die Krise gestärkt: „Im Moment profitieren Russland, die kaspische Region und viele andere.“ Das sagte Birol gegenüber ENERGLOBE.DE am Rande der Focus-Tagung „Die Zukunft der Kraftwerke“ in Berlin. Dies werde aber nur von kurzer Dauer sein.

Die Lage würde sich ändern, wenn die Wirtschaft der ölimportierenden Länder wegen der hohen Kosten für den Rohstoff Schaden nähme. „Die Krise wird ein signifikantes Problem für die wirtschaftliche Erholung in Europa, Japan, den USA und den Schwellenländern“, warnt Birol mit Blick auf den steigenden Ölpreis.

Gazprom sprang in Italien bereits ein

Die EU bezog bisher nach eigenen Angaben rund zehn Prozent ihres Öls und drei Prozent ihres Erdgases aus dem krisengeschüttelten Libyen. Am stärksten ist Italien demnach vom libyschem Öl abhängig, hier beträgt der Anteil an den Gesamtimporten fast ein Viertel. 

Im Gasbereich sprang Russland den Italienern bereits bei und steigerte seine Exporte in das Land nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters um 150 Prozent. Rund 40 Prozent der europäischen Gasimporte stammen aus Russland, in den neuen Mitgliedsländern sind es sogar bis zu 90 Prozent.

Russland als Retter in der Not

Die Rolle als Retter in der Not nutzt Russland bereits als Argumentationshilfe, wie der Sicherheits-Berater Frank Umbach berichtet: „Offiziell werden die Unruhen dort zu islamistischem Terror hochstilisiert und Russland dagegen als verlässlicher Partner dargestellt“, so der Vizedirektor am European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) des King's College London.

„Die Russen nutzen die Krise schon im Streit um die Entflechtung“, so Umbach, gleichzeitig Programmleiter „Internationale Energiesicherheit“ am Centre for European Security Strategies in München und Berlin.

Experte sieht kaum Kompromissbereitschaft

Der Osteuropa-Experte Stefan Meister geht davon aus, dass der Kreml im Gasstreit hart bleiben wird: „Russland wird sein Transitmonopol unter keinen Umständen aufweichen – ich glaube, da ist eher die EU-Kommission zu einem Kompromiss bereit“, sagt der Mitarbeiter am Zentrum für Mittel- und Osteuropa der Robert Bosch Stiftung.

Russland macht der weltweit gefallene Gaspreis zu schaffen. Gründe für diesen Preisverfall sind die Finanzkrise und der Siegeszug von unkonventionellem Gas, das etwa die USA aus Schiefergestein gewinnt. Gazprom wehrt sich dagegen, den Preis seiner langfristigen Lieferverträge entsprechend zu senken. Die Gasverkäufe Russlands nach Europa sind laut Gazprom-Vizechef Valeri Golubev gesunken, von 158,8 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2008 auf 138,6 Milliarden Kubikmeter in 2010.

Lösungsmöglichkeit vorhanden

„Die Russen sind nervös“, sagt Meister: „Die EU ist der wichtigste Markt für Russland und ein Großteil der geplanten Investitionsprojekte im Gasbereich gehen Richtung Europa.“

Der Konflikt um die Entflechtung im Gasmarkt müsse laut Meister aber nicht eskalieren. Er sieht Lösungsmöglichkeiten für eine Entflechtung, ohne Russlands Interessen zu verletzen: „Gazprom könnte zum Beispiel, wie im Energiepaket vorgesehen, Tochtergesellschaften für den Betrieb der Pipelines gründen und die Erzeugung behalten.“ Solange die Leitungsgesellschaften unabhängig seien, werde zumindest die formale Anforderung der EU erfüllt.

Produktionssteigerung beim russischen Öl begrenzt

Bisher hat Saudi-Arabien die Ausfälle beim libyschen Öl ausgeglichen. Die Bürgerproteste in der arabischen Welt breiten sich allerdings in der Region aus. Die Unruhen aus dem benachbarten Jemen und dem nahegelegenen Bahrain sind inzwischen auch in den benachbarten Oman hinübergeschwappt.

Für sehr wahrscheinlich halten IEA-Chef Birol und Sicherheits-Experte Umbach einen Lieferstopp bei saudischen Energierohstoffen nicht. Derzeit sei die Lage in Saudi-Arabien erfreulich stabil.

Lichtblick im Adlon: Das Okay zur Diversifizierung

Im Hotel Adlon gab es trotz aller spürbaren Differenzen einen weiteren Lichtblick. Verantwortlich dafür war ein Satz von Russlands Energieminister Schmatko: „Die Beziehung von Russland und Deutschland kann durch keinerlei Diversifizierung zerstört werden.“ Damit könnte Schmatko indirekt grünes Licht für die Nabucco-Pipeline gegeben haben, mit der sich Europa von Russland unabhängiger machen will, indem es Erdgas aus dem kaspischen Raum in die EU transportiert.

Weitere Informationen:

Die Welt, „Russland rühmt sich als Gaslieferant des Vertrauens“, 23.02.2011: www.welt.de

Das Handelsblatt über die Angst der Anleger vor einem Übergreifen der Proteste auf Saudi-Arabien, „Kurseinbruch in Saudi-Arabien verunsichert Anleger“, 01.03.2011, www.handelsblatt.com

Das Handelsblatt, „Ministerium glaubt nicht an Ölengpässe“, 28.02.2011: www.handelsblatt.com

Spiegel-Online über die Stabilität Saudi-Arabiens: „Can Oil Money Buy Political Stability?“, 01.03.2011, www.spiegel.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014