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Atomunglück

Peking in der Bredouille

China hat die Genehmigung von Atomprojekten nach der Katastrophe in Japan gestoppt. Experten sehen darin eine Reaktion auf den öffentlichen Druck.

Peking in der Bredouille Peking in der Bredouille
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

China hat Genehmigungsverfahren für Atomprojekte nach der Katastrophe in Japan vorerst gestoppt. Experten sehen darin eine Reaktion auf den öffentlichen Druck. Langfristig werde die Volksrepublik jedoch nicht von der Atomkraft abrücken.

Peking hat einen Genehmigungsstopp und eine Sicherheitsüberprüfung bestehender Kernkraftwerke angeordnet. Die Lage in der Volksrepublik ist angespannt, berichtet Shiguan Zhuang von WWF China gegenüber ENERGLOBE.DE: „Zwei unserer größten Sorgen sind die Situation in Fukushima und die Konsequenzen für andere Atomkraftwerke.“

Diese Sorge schlug für viele in Panik um: Chinesen haben nach der Nachricht über ein atomares Unglück in Fukushima massenhaft Kochsalz gekauft. So wollen sie sich gegen atomare Strahlung schützen. Der China-Experte der Munich Business School, Christian Schmidkonz, erklärt: „Fukushima ist für Teile des Landes das chinesische Tschernobyl.“ Kochsalz ist allerdings völlig wirkungslos, denn es enthält kein Kaliumjodid – anders als die Jodtabletten, die Tokio nach dem Nuklearunglück an die Japaner ausgeben ließ.

Experten sehen in dem Genehmigungsstopp und den Sicherheitsüberprüfungen auch eine Reaktion der Regierung auf die Angst der Bevölkerung. Trotzdem sind sie sich einig: Die Volksrepublik wird den Ausbau der Kernenergie weiter voran treiben.

Peking betont Sicherheit der Atomprojekte

Doch auch in China scheint das Volk Macht zu haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Londoner Beratungsfirma Business Monitor International: „Der Entschluss, die Atom-Projekte zu überprüfen, ist der wachsenden Angst der Bevölkerung vor der Technologie und ihrem Ausmaß geschuldet“, so die Analyse der Wirtschaftsexperten.

Bis zum Jahr 2020 will die Regierung die Kapazitäten der heimischen Kernkraft von derzeit 10 auf 80 Gigawatt ausbauen. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehr als 150 Milliarden Dollar. Läuft alles nach Plan, werden im Jahr 2050 in China rund 400 Gigawatt installiert sein – mehr als es 2008 weltweit gab.

Bisher hat sich Peking bemüht zu betonen, dass geplante und bestehende Kernkraftwerke weit ab von den erdbebengefährdeten Regionen des Landes liegen. Die Volksrepublik betreibt bereits 13 Reaktoren, die an der Küste und damit nicht in seismisch aktiven Regionen liegen. Allerdings bieten sie dadurch eine Angriffsfläche für Tsunamis.

Auch Planungen für Erdbebengebiete

Kurz vor dem Atomstopp versicherte Xie Zhenhua, der Vize-Vorsitzende der chinesischen National Development and Reform Commission, seismische Aktivitäten seien bei den Überlegungen zur Auswahl geeigneter Nuklear-Standorte einbezogen worden. Erdbebengefährdete Regionen wie Sichuan und Yunnan im Westen würden weniger bevorzugt.

Doch auch Bürgermeister in erdbebengefährdeten Gebieten haben es geschafft, Atomkraftwerksprojekte an Land zu ziehen. „In den Provinzen braucht man Energie, und Atomkraft ist die scheinbar saubere Alternative zur Kohle“, erklärt Schmidkonz die Motive.

Wenig wissen über Kernkraft

Zu diesen Provinzen gehört Sichuan im Landesinneren. Dort forderte erst vor drei Jahren ein Beben der Stärke 8 rund 90.000 Tote und Vermisste. Zum Vergleich: In Japan haben Erschütterungen von 8,9 auf der Richterskala die verheerenden Reaktorunfälle ausgelöst. In der Sieben-Millionen-Stadt Nanchong soll ein Kernkraftwerk enstehen, sie bekam vor drei Jahren die Ausläufer der Katastrophe zu spüren. „Man denkt nun aber darüber nach, in gefährdeten Gebieten wie Sichuan geplante und im Bau befindliche Projekte zu stoppen“, schränkt Schmidkonz ein.

Peking mag zwar aktuell in der Bredouille stecken. Von dem langfristigen Druck einer aufkeimenden Anti-Atombewegung muss es sich allerdings nicht fürchten. Der Grund: „Anders als bei kontaminiertem Wasser oder stark verschmutzter Luft fühlen die Menschen in China derzeit keine konkreten negativen Auswirkungen der Kernkraft“, sagt Schmidkonz. „Bisher weiß die breite Bevölkerung wenig über Atomkraft, aber die Katastrophe in Japan könnte für viele ein Auslöser sein, sich zu informieren.“

Bislang Sicherheitsstandards nicht hinterfragt

Es bleibt nicht allein beim Konsumprotest, wie der China-Experte Frank Umbach vom King's College London betont: „Jetzt werden von Wissenschaftlern und Journalisten erstmals kritische Fragen gestellt, die zumindest den aus ihrer Sicht zu radikalen Ausbau infrage stellen.“ Sie würden zum Teil nicht zensiert oder publizierten in Medien, die nicht so leicht zensiert werden könnten, so der Vize-Chef des European Centre for Energy and Resource Security. Es bleibt zudem die Möglichkeit, Ideen etwa über die ehemalige britische Kolonie Hongkong ins Internet zu stellen.

Die Kritiker haben einiges vor sich, wie Umbach klarstellt. „Bisher wurde noch nicht einmal über die Sicherheitsstandards diskutiert“, beschreibt er die Lage in der Volksrepublik. Mit Blick auf die ambitionierten Ausbaupläne fügt er hinzu: „Es ist auch nicht hinterfragt worden, ob China überhaupt in der kurzen Zeit genügend Fachpersonal ausbilden kann und wie man mit der Entsorgungsproblematik umgeht.“

Transparentes Atomgesetz fehlt

Der Volksrepublik fehlt ein transparentes Regulierungssystem für Nuklearenergie. Ein Nuklear-Sicherheits-Inspektor am Umweltsschutzministerium, Chen Jinyuan, betonte in den staatlichen Medien, dass China dringend ein Atomgesetz brauche. Bis heute ist ein solches Regelwerk nicht verabschiedet, obwohl es seit 25 Jahren in der Schublade der Regierung liegt.

Manche Hochschulen und Umweltforen haben nun kurzfristig das Thema Atomenergie und Sicherheit in ihr Programm aufgenommen. Auch die Sichuan University plant einen Studiengang zu „Katastrophen-Management und Wiederaufbau“, angesichts des Bebens in der Region vor drei Jahren.

Energiehunger überwiegt: China hält an Atomausbau-Plänen fest

Die aktuellen Bewegungen in Bevölkerung und Regierung scheinen allerdings nicht den Beginn einer Kehrtwende in der chinesischen Atompolitik zu markieren. China-Experten erwarten keine 180-Grad-Wendung der Regierung. Der Grund: „Der Energiebedarf ist zu groß“, so Umbach. China müsse alle Energiearten ausbauen, um ihn zu befriedigen. Damit liegt Umbach auf einer Linie mit Schmidkonz und den Beratern des Business Monitor International in London.

Besonders die Abhängigkeit von der emissionsreichen Kohle will die Volksrepublik reduzieren. Ihr Anteil an der Energieerzeugung beträgt laut der U.S. Energy Information Administration etwa 70 Prozent. Er soll laut dem neuen Fünfjahresplan auf rund 63 Prozent fallen – auch, indem der Anteil der Atomenergie noch schneller wächst. Schmidkonz sieht in der schnellen Entwicklung einen weiteren Vorteil für die Volksrepublik: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass China auch im Bereich der Atomkraft die Technologieführerschaft übernehmen will.“

Eine Kehrtwende in der Atompolitik sieht Jingjing Yang von Dynabond Powertech Services in Peking ebenfalls nicht, einer Wirtschaftsberatung für den Nuklearmarkt: „Ich denke nicht, dass die Ereignisse unsere Atomenergieversorgung beeinflussen werden“, prophezeit er gegenüber ENERGLOBE.DE. Die Volksrepublik werde aus dem Japan-Unglück für ihre zukünftige Nuklearstrategie lernen. „Aber die Entscheidung für Chinas Atomenergie-Entwicklung wird nicht verändert werden, ebensowenig der nationale Nuklearentwicklungsplan“, betont Yang.

Weitere Informationen:

Energieporträt von China bei der U.S. Energy Information Administration: www.eia.doe.gov

Der Spiegel, „Überblick über den Fünf-Jahresplan“, www.spiegel-online.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014