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Untersuchung

Rezept gegen Rohstoffkonflikt

Eine noch unveröffentlichte Studie gibt der Politik konkrete Empfehlungen, wie sie Ressourcenkriege verhindern kann.

Rezept gegen Rohstoffkonflikt Rezept gegen Rohstoffkonflikt
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Die Gefahr von Ressourcenkriegen wächst: Eine noch unveröffentlichte Studie zeigt der Politik, wie sie sich vermeiden lassen. Bisher waren solche Fragen für die Bundesregierung kaum ein Thema. Im Konflikt um Chinas Seltene Erden zahlt die Wirtschaft bereits die Rechnung dafür.

Der Hunger nach Rohstoffen nimmt weltweit zu, die Preise steigen. Damit wächst auch die Gefahr von Ressourcenkonflikten. Diese gilt es zu verhindern – schon aus dem Interesse der Versorgungssicherheit: „Wir brauchen eine Folgenabschätzung für politische Ziele, wenn sie Rohstoffkonflikte auslösen oder betreffen könnten“, betont Moira Feil vom Forschungsinstitut adelphi. Sie ist Mitautorin der bisher unveröffentlichten Studie „Rohstoffkonflikte nachhaltig vermeiden“ und sprach mit ENERGLOBE.DE über das Papier.

Die Untersuchung, die bald erscheinen soll, gibt Politikern konkrete Handlungsempfehlungen zur Krisenprävention. Geschrieben hat sie das Forschungsinstitut adelphi gemeinsam mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag des Umweltbundesamtes. Feil und ihre Kollegen haben einen siebenteiligen Bericht erstellt – mit Fallstudien zu Konflikten um die Nabucco Pipeline, den rohstofffinanzierten Bürgerkrieg im Kongo, den Abbau Seltener Erden in China und den um Lithium in Bolivien.

Konflikte in Erzeuger-Ländern sind Risiko für die Versorgung

Für Feil ist politisches Handeln zur Vermeidung von Rohstoffkonflikten überfällig: „Das sieht man am Fall Seltene Erden.“ Der Konflikt um diese Hightech-Metalle schürte in den vergangenen Wochen die Versorgungsängste der deutschen Industrie. Sie braucht Seltene Erden für Zukunftstechnologien wie die Generatoren von Windanlagen und die Motoren von Elektroautos. Der Quasi-Monopolist China kappte jedoch seine Exportquoten und verhängte gegen Japan sogar zeitweise einen Lieferstopp. Nun befürchten Experten Versorgungsengpässe. „Die Ereignisse zeigen, was passieren kann, wenn politisches Konfliktpotenzial nicht berücksichtigt wird“, stellt Feil klar.

Konflikte müssen sich nicht auf internationaler Bühne abspielen, um die Versorgungssicherheit zu gefährden: Die Studie skizziert das Szenario eines Konflikts in China selbst, der den Export von Seltenen Erden beschränkt. „Das wollen viele nicht wahrhaben, aber Versorgungssicherheit hängt auch von Rohstoffkonflikten in den Lieferländern ab“, stellt Feil klar.

Deutsche Politikziele können Auseinandersetzungen fördern

Wie soll Deutschland globale Rohstoffkonflikte aktiv vermeiden oder sie sogar innerhalb fremder Länder verhindern? Indem die Bundesrepublik bei den eigenen Zielen anfängt, raten die Forscher: Hierzulande festgelegte Vorhaben wie der Ausbau der Erneuerbaren Energien bleiben nicht ohne Folgen für Auseinandersetzungen, die im Zusammenhang mit Ressourcen stehen.

Denn der Bau von immer mehr Regenerativen treibt die Nachfrage nach Rohstoffen wie Seltene Erden in die Höhe – und damit auch die Preise. Dies kann schwelende Ressourcenkonflikte schüren: Rebellen können mehr Geld mit illegalem Verkauf von Rohstoffen verdienen und dafür Waffen kaufen. Auch korrupte Regime rohstoffreicher Länder profitieren von dem Boom, während die Bevölkerung in Armut lebt. Das verschärft Spannungen und erhöht die Gefahr von gewaltsamen Protesten.

Energiekonzept klammert Rohstoffkonflikte aus

Die Politik blendet bisher allerdings weitgehend aus, dass sich ihre Vorhaben auf Konflikte auswirken können. So sucht man im Energiekonzept vergeblich nach Einschätzungen, wie sich die dort festgelegten Ziele auf Konflikte auswirken könnten. 

Beispiel Elektroautos: Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2020 eine Millionen strombetriebener Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen fahren sehen. Geht der Plan auf, treibt er den Bedarf nach Lithium in die Höhe, das derzeit vorrangig für die Batterien von E-Mobilen verwendet wird. Welche Konsequenzen das hat, davon ist im Energiekonzept keine Rede.

E-Mobil-Ziel könnte Konflikt in Bolivien befördern

Eine hohe Lithium-Nachfrage auf dem Weltmarkt könnte der Studie zufolge etwa in Bolivien Konflikte auslösen: Dort befinden sich die weltweit größten gut abbaubaren Lithium-Vorkommen - in einem Land, dessen Vergangenheit durch Rohstoffkonflikte geprägt ist.

Die Forscher rechnen durch den Abbau des Rohstoffs mit negativen Folgen für die Umwelt in der agrarisch strukturierten Region, was der Bevölkerung die Lebensgrundlage nehmen könnte. Wenn die Menschen zudem nicht an den Erlösen aus dem Rohstoffverkauf beteiligt werden, scheinen Aufstände programmiert. „In Bolivien gibt es eine gut organisierte Bevölkerung, die durchaus im Stande ist, den Export lahmzulegen“, warnt Feil.

Forscher fordern Folgenabschätzung auf G20 Ebene

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung nicht das einzige Land mit ambitionierten Ausbauzielen für Elektroautos ist. Allein China will schon 2012 rund 500.000 Elektroautos im Einsatz haben. „Deshalb muss eine Folgenabschätzung immer den globalen Bedarf nach Rohstoffen miteinbeziehen“, betont Feil.

Die Forscher fordern, globale Folgenabschätzungen für die Politik international zur Regel zu machen. Deutschland hat in diesem Bereich bereits viel Erfahrung: Es könnte seine Kompetenz auch bei Rohstoffkonflikten nutzen und das Konzept bis auf Ebene der G20 etablieren, in der Industrienationen und Schwellenländer zusammengeschlossen sind.

Mehr Transparenz im Rohstoffhandel

Die Wissenschaftler gehen noch weiter und fordern einen Systemwechsel: Sie wollen mehr Transparenz auf den Rohstoffmärkten und den Wertschöpfungsketten. Bisher sei über die Herkunft der Ressourcen und die Preisbildung wenig bekannt, monieren die Forscher.

In Deutschland soll nun die neu gegründete deutsche Rohstoffagentur für mehr Transparenz sorgen, was Feil positiv stimmt. Allerdings hat die Einrichtung, die an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe angesiedelt ist, gerade erst mit ihrer Arbeit begonnen. „Wir müssen jetzt abwarten, wie die Arbeit der Rohstoffagentur gestaltet wird“, sagt Feil.

Gezielte Entwicklungshilfe soll Bevölkerung am Gewinn beteiligen

Zudem empfiehlt die Studie eine stärkere Abstimmung von Sicherheits-, Entwicklungs- und Rohstoffpolitik. So soll die Regierung zum Beispiel sogenannte Rohstoffpartnerschaften mit Lieferländern gezielt mit konfliktmindernder Entwicklungspolitik begleiten. „Eine entsprechende Entwicklungshilfe sollte dafür sorgen, dass die Bevölkerung etwa an den Gewinnen aus dem Rohstoffabbau beteiligt ist“, erklärt Feil.

Firmen zu Umweltschutz und Sozialverträglichkeit verpflichten

Für die Bergbauunternehmen fordert die Studie verpflichtende Leitsätze für Umweltschutz und Sozialverträglichkeit. Dies könne Konfliktrisiken reduzieren. Zudem sollten Firmen über die Herkunft der von ihnen und ihren Zulieferern verwendeten Rohstoffe berichten, schlagen die Forscher vor.

In den USA müssen Unternehmen das bald tun, zumindest, wenn sie Mineralien aus dem Kongo oder seinen Nachbarstaaten verwenden. Dies sei auch von Vorteil für die Wirtschaft, erklärt Feil: „Eine deutsche Firma wurde in einem UN Bericht als eines der Unternehmen genannt, das in den illegalen Rohstoffhandel verwickelt gewesen sei – so etwas ist natürlich reputationsschädigend.“

Internationale Verhandlungsgremien für Rohstoffkonflikte

Für internationale Konflikte wie den um Seltene Erden schlagen die Forscher entsprechende Gremien vor. „Bisher gibt es keinen Ort, an dem dieser Konflikt mit allen Beteiligten verhandelt werden kann“, erklärt Feil. Die einzige Plattform ist derzeit die Welthandelsorganisation (WTO), bei der eine Klage der Europäischen Union und der USA gegen China läuft. „Da China die Exportreduktion allerdings mit Umweltrisiken begründet, wird das Streitschlichtungsverfahren der WTO ausgehebelt.“

Denn der Abbau Seltener Erden ist tatsächlich mit Umweltrisiken verbunden und solche Gefahren erlauben Exportbeschränkungen im Rahmen der WTO. Experten vermuten allerdings, dass China die Ausfuhr aus wirtschaftlichen Gründen beschränkt. Für Moira Feil machen die Ereignisse jedenfalls eines klar: „Die Politik greift das Thema Vermeidung von Rohstoffkonflikten noch nicht genug auf.“

Weitere Informationen:

Informationen zur Studie „Rohstoffkonflikte nachhaltig vermeiden“: www.adelphi.de

Gastbeitrag der Politikwissenschaftlerin Stormy-Annika Mildner im Handelsblatt, „Rohstoffe: Der große Kampf“: www.handelsblatt.de, 3.12.2010

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014