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Interview

„Russland gerät unter Druck“

Der Berater für Energiesicherheit Frank Umbach sieht Russland im Pipeline-Streit um Nabucco und South Stream zunehmend in Schwierigkeiten.

„Russland gerät unter Druck“ „Russland gerät unter Druck“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Der Energiesicherheits-Berater Frank Umbach sprach mit ENERGLOBE.DE über den Streit um die Gasleitung Nabucco und das russische Konkurrenzprojekt South Stream. Anlass ist die heutige Tagung am King's College London, auf der Umbach als Referent auftritt und deren Medienpartner ENERGLOBE.DE ist. Die Keynote-Speech hält EU-Kommissar Günther Oettinger.

Umbach sieht Russland und sein Konkurrenzprojekt zur europäischen Pipeline zunehmend in Schwierigkeiten geraten: „Eine South-Stream-Pipeline ist nicht realistisch.“ Der Experte ist Associate Director am European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) des King's College London sowie Senior Associate und Programmleiter „Internationale Energiesicherheit“ am Centre for European Security Strategies (CESS, GmbH) in München und Berlin.

Herr Umbach, weshalb ist die Gas-Pipeline Nabucco so wichtig?

Frank Umbach: Nabucco ist zentral, weil Europa nicht in eine zu große Abhängigkeit von Russland und seinem einzigen, staatlichen Gasexporteur Gazprom gelangen darf. Solche Abhängigkeiten lassen sich geopolitisch instrumentalisieren. Welche Probleme das geben kann, hat Europa zuletzt 2009 in der Gaskrise zwischen Russland und der Ukraine erlebt. Die neuen Mitgliedsländer der EU sind bisher zu 80 bis 100 Prozent von russischem Gas abhängig. Nabucco kann die Importe diversifizieren, indem sie Gas direkt von Zentralasien über die Türkei nach Europa bringt.

Will Russland den Bau von Nabucco verhindern?

Umbach: Bisher hat Russland ein Monopol auf die Lieferung zentralasiatischen Gases nach Europa. Solange das so ist, kann es die Preise weitestgehend bestimmen. So konnte es 1997 die Abhängigkeit der zentralasiatischen Staaten dazu nutzen, für 75 Dollar pro 1000 Kubikmeter turkmenisches Gas zu kaufen und für 250 Dollar an Europa weiterzuverkaufen. Wenn es Nabucco gäbe, würde Russland außerdem Marktanteile verlieren. Deshalb versucht das Land durch die sogenannte South-Stream-Pipeline das Nabucco-Projekt zu torpedieren.

Wird der Kreml damit Erfolg haben?

Umbach: Eine zusätzliche South-Stream-Pipeline ist nicht realistisch: Heute geht man davon aus, dass Europas Gasverbrauch in der Zukunft deutlich geringer ausfallen wird als noch in der Planungsphase im Jahr 2004 erwartet. Bis vor etwa einem Jahr hieß es auch auf Seiten der Bundesregierung, wir brauchen alle Pipelines – die russischen Leitungen South Stream und North Stream sowie Nabucco, plus möglichst viel Flüssiggas, das mit Schiffen nach Europa transportiert wird. Aber 2004 gab es noch keinen europäischen Aktionsplan mit Ausbauzielen zu Erneuerbaren Energien und zur Energieeffizienz. Es war noch nicht von einer Renaissance der Kernenergie in Europa die Rede und vom Bau effizienter Kohlekraftwerke.

Die Rahmenbedingungen haben sich zuungunsten des russischen Projekts entscheidend verändert. Das erklärt, warum sich der Wettbewerb von South Stream und Nabucco um Lieferländer in den vergangenen Monaten rapide verschärft hat.

Weshalb halten Sie den Bau von South Stream für unrealistisch, nicht den von Nabucco?

Umbach: South Stream ist etwa dreifach so teuer wie die europäische Leitung. Denn während Nabucco als Landpipeline geplant ist, soll South Stream vor allem unter Wasser durch das Schwarze Meer laufen. Außerdem haben die Russen inzwischen die geplante Kapazität auf 60 Milliarden Kubikmeter vergrößert – das ist das Doppelte von Nabucco. Politik und Unternehmen in der EU müssen daher Prioritäten setzen und aus geoökonomischen und geopolitischen Gesichtspunkten ist Nabucco die beste Option.

Entscheidend ist jedoch auch, dass die Pipeline die günstigste Variante ist, zentralasiatisches Gas zu importieren. Außerdem ist die Pipeline erheblich billiger, als teureres Gas aus dem abgelegenen sibirischen Jamal oder gar aus dem Shtokman-Feld in der Barentssee nach Europa zu importieren.

Es liegt also in erster Linie an den Kosten?

Umbach: Auch bei der South-Stream-Pipeline ist die Frage entscheidend, woher das Gas kommen soll. Der russische Gasmonopolist Gazprom hat das niemals offen gelegt. Denn Russland selbst hat mittelfristig allenfalls etwa zehn bis 20 Milliarden Kubikmeter. Die restlichen 40 Milliarden müssten aus der kaspischen Region kommen, primär aus Turkmenistan, was aber nicht länger realistisch ist. Daher bleibt nur eine Option, das zeigen die innenpolitischen Pipeline-Diskussionen in Russland: nämlich das Gas für Europa aus dem bestehenden Gasnetz in der Ukraine zu entziehen.

Das war in den letzten beiden Jahren ein probates Druckmittel gegenüber der ukrainischen Regierung. Sie ist aus diesem Grund vehement gegen das South-Stream-Projekt, selbst jetzt noch unter dem pro-russischen Präsidenten Viktor Janukovytsch. Doch gerade die politische Annäherung und das jüngste Gasabkommen zwischen Moskau und Kiew werfen die Frage auf, ob und warum der Kreml weiterhin auf eine kostspielige South-Stream-Pipeline setzt, die Gas aus einem bestehenden Gasnetz eines nun befreundeten Landes nehmen muss.

RWE-Manager Stefan Judisch sagte kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Nabucco-Pipeline habe ein Lieferangebot, das die Transportkapazität übersteige. Ist die Lage tatsächlich so komfortabel?

Umbach: Prinzipiell ist genug Gas da. Liefern sollen Aserbaidschan 15 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, Turkmenistan könnte zehn bis 40 Milliarden und der Nord-Irak bis zu 15 Milliarden. Im Irak könnte auch eine Einigung der kurdischen Regionalregierung mit der Zentralregierung bevorstehen. Bisher konnte die kurdische Regionalregierung nämlich nicht so einfach Gas ohne Zustimmung der Zentralregierung exportieren.

Mit Aserbaidschan ist bereits ein Abkommen darüber geschlossen, dass Verträge unterzeichnet werden. Auch die Frage, ob das Gasfeld Shah Deniz reicht, scheint geklärt: Aserbaidschan will weitere fünf Milliarden Kubikmeter aus einem anderen, dem Umid-Gasfeld, beisteuern.

Dann wäre da noch Turkmenistan, das über die viertgrößten Gasreserven der Welt verfügt. Hier gibt es ein Problem: Das Gas müsste von dort entweder über den Iran transportiert werden – mit dem der Westen im Nuklearstreit steckt. Oder durch das Kaspische Meer, an das auch Russland grenzt. Hier gibt es zwar keine völkerrechtlichen Schwierigkeiten, aber ein Gentleman-Agreement. Es besagt, dass man keine Pipelines ohne Zustimmung der Anrainerstaaten unter Wasser legen darf. Darauf berufen sich die Russen. Ob es sich rechnet, das Gas zu kompressieren und per Schiff nach Aserbaidschan zu bringen, ist meines Wissens noch nicht klar.

Wie wirkt sich in dieser Situation der Boom beim sogenannten unkonventionellen Gas aus, das etwa aus Schiefergestein gewonnen wird?

Umbach: Die USA hat sich praktisch über Nacht vom größten Flüssiggasimporteur zum Selbstversorger durch unkonventionelles Gas entwickelt. Gleichzeitig ist der Gasverbrauch in den vergangenen beiden Jahren durch die Wirtschafts- und Finanzkrise eingebrochen. Flüssiggas wurde so extrem billig – teilweise sogar günstiger als das Pipelinegas aus Russland und Norwegen. Der Gaspreis entkoppelte sich daraufhin vom immer noch hohen Ölpreis. Diese sogenannte Gasschwemme wird wohl nicht nur bis 2015, sondern wohl länger anhalten. Das setzt Russland massiv unter Druck. Denn seine Partner haben auch Preisanpassungen gefordert, wenn sie in Langfristverträgen steckten. Dadurch sind die Verhandlungen um Nabucco noch stärker unter Druck geraten. Auch Banken sind viel vorsichtiger geworden.

Rechnen sich neue Pipelines angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch?

Umbach: Ich denke trotzdem, dass für die 30 Milliarden Kubikmeter Gas von Nabucco ein Markt besteht. Außerdem ist Nabucco aus übergeordneten geo-ökonomischen und geopolitischen Gesichtspunkten notwendig und so ein zentraler Baustein europäischer Ordnungspolitik.

Zeigt die Rivalität zwischen Nabucco und South Stream also eine neue Politisierung der Energieversorgung?

Umbach: Ja, denn der Bau beider Pipelines richtet sich nicht allein nach ökonomischen Gesichtspunkten: Nach Schätzungen der EU aus dem Jahr 2008 könnte der Gasbedarf Europas bei einem höheren Gaspreis sogar unter 300 Milliarden Kubikmetern liegen. Auch wenn dies nicht das wahrscheinlichste Szenario ist: Das ist weniger, als Europa in bestehenden Abnahmeverträgen auch mit Russland vereinbart hat. Damit würde aber auch der Bau der zweiten Röhre der russischen North Stream-Pipeline in Frage stehen, von South Stream ganz zu schweigen. Nabucco wird trotzdem vorangetrieben und in höchsten politischen Kreisen verhandelt, weil die Pipeline höchste strategische Priorität hat, zusammen mit dem Ausbau von Flüssiggas-Terminals.

Außerdem hat die Pipeline eine oft übersehene integrationspolitische Funktion. Denn ohne eine Diversifizierung der Gasimporte in den neuen EU-Staaten wird es keine einheitlichen liberalisierten Gasmarkt geben, sondern mindestens zwei: einen westlichen, der über Gaspipelines aus den Maghreb-Staaten, Norwegen und durch den Bau neuer Flüssiggasterminals zunehmend diversifiziert ist; zusätzlich wird es einen Gasmarkt der neuen EU-Mitgliedsstaaten geben, der weiterhin 80 bis 100 Prozent von der russischen Gazprom abhängig ist. Unter diesen Umständen könnte kein einheitlicher und vor allem weitgehend liberalisierter Gasmarkt in der EU entstehen.

Weitere Informationen:

Guter Überblick über Gaskrisen und Pipeline-Projekte für Europa, 11.10.2010: www.euractiv.de

Deutsche Bank Research, „Gasschwemme erreicht Europa“: www.db.com

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014