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Interview

„So macht man Machtpolitik“

Energieexperte Friedemann Müller spricht über Verlierer und Gewinner des BP-Unglücks und das globale Kräfteverhältnis.

„So macht man Machtpolitik“ „So macht man Machtpolitik“
Stiftung Wissenschaft und Politik

Energieexperte Friedemann Müller spricht über Verlierer und Gewinner des BP-Unglücks und das weltpolitische Kräfteverhältnis nach der Ölpest. Er berät die Forschungsgruppe Globale Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, die er jahrelang selbst leitete.

Herr Müller, welche Folgen hat das BP-Unglück für das globale Kräfteverhältnis?

Friedemann Müller: Durch die Katastrophe konzentriert sich die Ölförderung noch stärker auf fünf Regionen: Der Nahe Osten und Russland sind die wichtigsten Fördergebiete – neben West- und Nordafrika, wo sich auch China, Amerika und Europa engagieren, und der kaspischen Region. Dort kann man Öl aus dem Boden holen, ohne Risiken wie Tiefseebohrungen eingehen zu müssen. Der Nahe Osten und Russland gewinnen an Macht: Die Regierungen lassen keine ausländischen Investoren zu und halten mit geringen Fördermengen den Ölpreis hoch, wie das etwa Saudi Arabien tut. Auf die großen Vorkommen haben die westlichen Fördergesellschaften deshalb kaum Zugriff. Sie müssen mit ihren überlegenen Technologien arbeiten, etwa mit Tiefseebohrungen. Angesichts der Katastrophe von BP ist fraglich, ob das so weiter geht. Eins ist klar: Wir müssen einen Prozess beschleunigen, der unausweichlich ist und den wir längst entschieden hätten gehen müssen. Er heißt: weg vom Öl. Es ist auch unsere Ignoranz, die uns in die aktuelle schwierige Lage gebracht hat. Wir sind abhängig vom Öl wie von einer Droge.

Werden die Länder Öl als Druckmittel auf der globalen Bühne einsetzen?

Müller: Dass Saudi Arabien mit einem Förderstopp droht, ist nicht vorstellbar. Ebenso wenig wird das wichtigste Land der kaspischen Region, Kasachstan, weltpolitisch Druck ausüben. Es hat lange Grenzen zu China und Russland und hat genug damit zu tun, dort Ruhe zu halten. Anders ist es im Falle des Irans und Russlands. Der Iran hat die drittgrößten Ölreserven und könnte es China ermöglichen, aus der Abhängigkeit von den USA herauszukommen. Damit hätte der Iran die Hilfe der Volksrepublik gewonnen, um den Einfluss der Staatengemeinschaft abzuwehren – etwa auf sein Atomprogramm.

Wieso ist China in Sachen Öl von den USA abhängig?

Müller: China holt wie andere Schwellenländer jetzt das nach, was wir schon hinter uns haben: Die Mobilisierung der Gesellschaft. Es braucht immer mehr Öl. Bisher muss das über den Persischen Golf transportiert werden, den die USA kontrollieren. Die Amerikaner könnten die Schiffe jederzeit blockieren. Mit einer iranischen Pipeline könnte sich die Volksrepublik der Kontrolle der USA entziehen. Wenn die Nachfrage Chinas nach Öl weiterhin so steigt – was anzunehmen ist – gewinnt der Iran starken Einfluss auf das Land. Die Volksrepublik hat einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat und kann alles blockieren, was die Vereinten Nationen gegen den Iran unternehmen wollen.

Gefährdet die zunehmende Ölknappheit die Handlungsfähigkeit der Staatengemeinschaft?

Müller: Das Krisenmanagement wird immer schwieriger. Konflikte wie im ölreichen Darfur im Südsudan lassen sich nicht über den Weltsicherheitsrat lösen, weil China dort Ölinteressen hat. Außerdem schürt der Wettlauf ums Öl die Aggressionen der Schwellenländer. Deren Standpunkt lautet: Die Industrieländer haben sich durch Zufall früher industrialisiert und die Hälfte des Öls für wenig Geld aus dem Boden geholt. Die Spannungen werden zunehmen, ähnlich wie beim Klimaschutz.

Haben diese geopolitischen Machtverschiebungen konkrete Auswirkungen auf Deutschland?

Müller: Wenn Russland mittels seines Öls Druck auf Deutschland ausüben wollte, könnte es das – und zwar gewaltig. Das Land ist unser wichtigster Lieferant. Russlands Öl kommt über die Pipeline Druschba, zu deutsch Freundschaft, zu den deutschen Raffinerien in Schwedt und Leuna. Solche Leitungen lassen sich schnell blockierent und Russland versucht durch Energiepolitik seine frühere Macht wieder zu erlangen. Das hat der damalige Präsident Wladimir Putin schon 2006 gesagt, als sein Land Gastgeber des G8-Gipfels war. Seitdem sind viele mißtrauisch, denn Russland ist der wichtigste Ölexporteur für Europa.

Haben Sie ein Beispiel für die Öl-Machtpolitik Russlands?

Müller: Als es um den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation ging, hatten die Europäer zur Bedingung gemacht, dass nicht nur der russische Staatskonzern Gasprom Öl und Gas exportieren darf. Und sie forderten eine Liberalisierung der Leitungen. Passiert ist davon nichts. Gasprom ist immer noch Exportmonopolist und das staatliche Unternehmen Transneft alleiniger Betreiber aller Ölleitungen in Russland. Damit hat das Land die Europäer ihre Abhängigkeit deutlich spüren lassen. So wird Machtpolitik gemacht.

Weitere Informationen:

Spiegel-Online:China verdrängt die USA als größter Energieverbraucher“, www.spiegel-online.de

Die Welt: „Oettinger fordert Stopp von Tiefsee-Bohrungen in der Nordsee“ www.welt.de

Ein Beispiel für Chinas Ölinteressenpolitik im Atomstreit mit dem Iran 2006: „China vermeidet Konflikt mit Iran“, www.handelsblatt.de

Der Fall des Öllieferstops für Deutschland 2007:Russisches Öl fließt wieder nach Europa“, www.spiegel-online.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014