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Gastbeitrag

Wandel braucht 20 Jahre

Ein exklusiver Gastkommentar der Energieökonomin Claudia Kemfert über die Folgen des Öldesasters.

Wandel braucht 20 Jahre Wandel braucht 20 Jahre
© D. Gürthenke

Erst solch dramatische Unfälle wie im Golf von Mexiko bewegen Gesellschaft und Politik ernsthaft dazu, sich unangenehme Fragen zu stellen: Wie lange sind wir noch abhängig vom Öl? Warum sind wir überhaupt derart abhängig? Warum haben wir nicht schon früher die Risiken von Tiefseeölbohrungen richtig eingeschätzt? Und was sollen wir jetzt tun?

„Blut unserer Volkswirtschaft“

Die globale Wirtschaft basiert auf billigem Öl. Es ist das „Blut unserer Volkswirtschaft“, ohne das wir nicht lebendig, gesund und glücklich sind. Die erste und zweite Ölpreiskrise aus den Siebziger und Achtziger Jahren haben zwar kurzfristig zu Empörung geführt. Anstatt damals die Weichen der Energieversorgung neu zu stellen, blieb jedoch alles beim Alten. Wenn Öl wieder billig wird, sind Probleme eben gern vergessen.

Die weltweite Ölproduktion, derzeit rund 85 Millionen Barrel pro Tag, war bisher ausreichend, um die Nachfrage zu decken. Zwar streiten sich die Gelehrten darum, wann die globale Ölförderung ihr Maximum erreichen wird, doch einig sind sich alle: Öl ist und bleibt endlich. Und die Zeit des ausreichenden Ölangebots schwindet.

Dabei liegt das Gros der weltweiten Ölvorkommen in Händen von staatlich kontrollierten Systemen, wie im arabischen Raum, in Russland oder Venezuela. Private Unternehmen, die kosten- und kapitalintensive Bohrungen übernehmen können, haben ohnehin nur einen Zugriff auf rund 20 Prozent der globalen Ölvorkommen.

Besonders abhängig sind die USA. Die Vereinigten Staaten verbrauchen pro Kopf mehr als doppelt so viel Öl wie Europa und Deutschland. Anders als in Europa gibt es dort kaum Energiesteuern, Mobilität ist ein Freiheits- und Wohlstandsgut, welches nicht angetastet werden darf. Hier liegt die Crux: Es ist politisch extrem unpopulär, Öl künstlich teuer zu machen – obwohl genau dies geboten wäre.

Der weltweite Ölhunger nimmt zu

Zudem haben die boomenden Schwellenländer einen enormen Ölhunger. Die globale Ölnachfrage wird wohl im kommenden Jahrzehnt auf 100 Millionen Barrel pro Tag ansteigen – 15 Millionen Barrel mehr als die heutige Produktion. Um diese Nachfrage überhaupt noch bedienen zu können, müssen wir alle Ölquellen anzapfen. Herkömmliche, leicht erschließbare Felder gehen zur Neige. Daher waschen wir schon heute mit einem unglaublichen Aufwand und großer Umweltverschmutzung Öl aus Sänden und Gesteinen heraus, vor allem in Kanada. Und wir benötigen wohl oder übel die Tiefseeölbohrungen, nicht nur in den USA, sondern auch vor Brasilien oder Afrika.

Keine Frage: Tiefseebohrungen sind riskant. Insbesondere wenn es in Meerestiefen von über 1.500 Meter geht, wie derzeit die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zeigt. Allerdings ist die Technik beherrschbar, und wir haben leider auch keine andere Wahl: Insbesondere die westliche Welt braucht dieses Tiefsee-Öl. Natürlich müssen jetzt Risiken sowohl auf der Technikseite als auch auf politischer Ebene minimiert werden. Und man muss sich auf Schadensbeseitigung und Unfallminimierung viel besser als bisher vorbereiten.

Wir brauchen neue Antriebstechniken

Der größte Teil des global eingesetzten Öls geht in die Mobilität, gefolgt von Gebäudeenergie und Produktherstellung etwa im Bereich Pharmazie und Chemie. Um uns also spürbar weniger abhängig vom Öl zu machen, müssten wir vor allem so rasch wie möglich andere Antriebstechniken und –stoffe in der Mobilität einsetzen. Neben neuen Techniken wie beispielsweise Elektromobilität und innovativen Stromspeichern brauchen wir vor allem auch eine neue Infrastruktur.

Bei Erdgas oder Autogas als Antriebsstoff ist dies im bestehenden Tankstellen- und Fahrzeugsystem durchaus leichter und schneller möglich. Wasserstoff hingegen muss produziert, gelagert und transportiert werden und bedarf somit einer komplett neuen Technik und Infrastruktur. Dabei könnte man Erneuerbare Energien einsetzen, um Wasserstoff zu produzieren – als Speichermedium.

Genauso könnten wir Methan und Biomethan sowie Biokraftstoffe als Speichermedien für die volatil auftretenden Erneuerbaren Energien nutzen. Immerhin: Biokraftstoffe werden bereits in konventionellen Kraftstoff beigemischt und manche Länder wie Brasilien setzen Ethanol aus Zuckerrohr als Treibstoff ein. Alles in allem bedarf es umfangreicher, konsistenter und vor allem globaler Anstrengungen, solche innovativen Lösungen zu erforschen und an den Markt zu bringen.

Zukunftsmärkte sind "grün"

Damit müssen wir sofort beginnen: Spürbarer Wandel benötigt mindestens 20 Jahre. In diesem Zeitraum müssen wir auch Energie einsparen, also Energieprozesse effizienter machen und zum Beispiel die Effizienz von Gebäuden deutlich verbessern.

Diese „grünen“ Märkte der Energieeffizienztechniken, der nachhaltigen Mobilität und der intelligenten Infrastruktur sind die Zukunftsmärkte – mit enormen wirtschaftlichen Chancen. Die Politik muss diese Bereiche fördern, und zwar langfristig. Die ölverschmierten Pelikane im Golf von Mexiko werden bald in Vergessenheit geraten. Die nachhaltige Energiewende darf es nicht.

Zur Person:

Die Autorin ist Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr und Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

Die Homepage von Claudia Kemfert: www.claudiakemfert.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014