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Technikakzeptanz

Der genährte Mythos

Der wirkliche Technikfeind ist und war ein seltener Zeitgenosse.

Der genährte Mythos Der genährte Mythos
energlobe.de, Denny Rosenthal

Einer Emnid-Umfrage zufolge sind zwei Drittel aller Deutschen gegen gentechnisch manipulierte Lebensmittel, knapp ein Drittel ist dafür. Der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft ist ein Thema, das polarisiert. Nicht nur in diesem Kontext ist oft von der Technikfeindlichkeit der Deutschen die Rede. Doch was ist dran an der These?

Professor Ernst Kistler vom Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie in Stadtbergen kommt zu dem Schluss: „Der wirkliche Technikfeind ist und war ein seltener Zeitgenosse.“ Und Ortwin Renn, Leiter des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung an der Universität Stuttgart, kann das sogar das mit eindrucksvollen Zahlen belegen: „Nur jeder zwanzigste Bundesbürger ist generell skeptisch gegenüber technischen Neuerungen eingestellt.“

Großtechnologien werden kritisch gesehen

Politik, Wirtschaft und Medien fördern jedoch den Mythos der Technikfeindlichkeit. Dabei sollte in der Analyse vielmehr stark differenziert werden: „Gerade in der Konsum- und Alltagstechnik sind wir Deutsche geradezu technikeuphorisch“, so Renn. In keinem Land – mit Ausnahme von Luxemburg – verfügen die Haushalte über so viel Technik wie in Deutschland.

Auch kann und darf von einer Ablehnung einzelner Technologien nicht auf eine generelle Technikfeindlichkeit geschlossen werden. „In Deutschland gibt es Akzeptanzprobleme bei einer Reihe von Großtechnologien“, stellt Renn fest. Dazu gehören vor allem Kernkraftwerke und große Infrastrukturmaßnahmen sowie die grüne Gentechnik. Die Schärfe der Auseinandersetzung hat sich gelegt, doch Befürworter und Gegner dieser Technologien stehen sich weiterhin unversöhnlich gegenüber.

Wie entstand der Mythos?

Überraschenderweise sind jüngere Menschen oft technikkritischer als Ältere. „Deutschland schleppt die Kohorte der 68er-Generation mit ihrer Technikskepsis weiter von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mit“, schränkt der Sozialforscher ein. Ansonsten sei die Technikaversion bei wirtschafts- und technikfernen sowie gut situierten Personen höher – dieser Personenkreis ist in Deutschland im Vergleich größer als in anderen Ländern.

Doch wie entstand überhaupt dieser Mythos? In einer Studie von 1988 bescheinigen die Kommunikationswissenschaftler Elisabeth Noelle-Neumann und Jochen Hansen den Deutschen eine hohe Skepsis gegenüber neuer Technik - mit einer im Zeitverlauf stärker werdenden Tendenz. Andere Forscher konnten das jedoch nicht belegen, die Ergebnisse waren durchaus ambivalent. Größter Kritikpunkt an früheren Studien ist nach Kistler ihre methodische Schwäche. Bei Umfragen sollten deshalb Erhebungsdetails zugänglich gemacht werden. „Medien und Politik erwarten kurze und einfache Aussagen von den Umfragen und sei die Aussage noch so schwachsinnig“, kritisiert Kistler.

Kampfbegriff Technikfeindlichkeit

Die Medien hätten das Thema dankbar angenommen. Sie pflegen den Mythos, weil die Berichterstattung über Konflikte und deren vermeintliche Ursachen beim Zielpublikum gut ankommt. In der Politik bewertet Kistler das rückblickend so: „Die Etikette der Technikfeindlichkeit ist immer auch ein Kampfbegriff gewesen.“ Politischen Gegnern konnte so eine Verhinderung des Fortschritts unterstellt werden, um von eigenen Fehlern und Versäumnissen abzulenken. Auch die deutsche Wirtschaft führte den Mangel an Ingenieuren eher auf eine generelle Technikfeindlichkeit als auf zu geringe eigene Bemühungen bei der Ausbildung zurück.

Weitere Informationen:

Technikfeindlichkeitsdebatte von Ernst Kistler

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014