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Soziales

Energiearmut nimmt zu

Rund 20 Prozent der Deutschen leiden unter Energiearmut. Ein höherer Hartz-IV-Satz dürfte nur wenig daran ändern.

Energiearmut nimmt zu Energiearmut nimmt zu
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Energiearmut gibt es nicht nur in Entwicklungsländern: Rund 20 Prozent der Deutschen leiden darunter. Die Bundesregierung tut bisher wenig dagegen. Auch die aktuell geplante Erhöhung der Hartz-IV-Sätze dürfte dies kaum ändern.

In Deutschland leiden nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen schon heute rund 20 Prozent der Bevölkerung unter Energiearmut. Diese Bürger müssen mehr als 13 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Strom, Wärme und zum Teil Treibstoff ausgeben.

In Irland sieht die Lage noch sehr viel schlechter aus: Dort könnten mehr als 2.000 Menschen in diesem Winter der Kälte zum Opfer fallen, wie die Irish Times meldet. Der Grund: Sie haben nicht genug Geld fürs Heizen. Das wären demnach mehr Tote als in den kalten Monaten der Jahre 2009 und 2010.

Oettinger warnt vor zunehmender Energiearmut

EU-Energiekommissar Günther Oettinger sieht Energiearmut zunehmend zum Problem in der Europäischen Union (EU) werden: „Das wird in den nächsten Jahren dazu führen, dass sich nicht mehr jeder aus seinem schmalen Budget Wärme im Winter, Kälte im Sommer, Mobilität, Sicherheit, Lebensqualität leisten kann“, warnt er.

Auch Professor Karl Rose von der Universität Graz und früherer Chef-Stratege von Shell stellt klar: „Energiearmut ist kein rein afrikanisches Problem mehr.“ Der Ökonom verweist in diesem Zusammenhang auf die steigenden Kosten für Strom und Wärme.

Energiearmut spielt in Politik kaum eine Rolle

In Deutschland ist Energiearmut bisher wenig erforscht. Eine der raren Studien zum Thema hat Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie im Herbst vergangenen Jahres geleitet. Das Fazit: Die Politik muss aktiv werden. „Hierzulande ist das Problem nicht so stark wie in Irland, aber es ist größer als die meisten denken“, warnt Kopatz.

In Berlin spielt das Thema bisher aber kaum eine Rolle. „Die politische Diskussion ist über populistische Statements von Entscheidungsträgern kaum hinausgekommen“, kritisieren die Wuppertaler Forscher in ihrer Untersuchung. Kopatz geht davon aus, dass der Grund fehlender Druck aus der Forschung und Öffentlichkeit ist. „Es gibt sogar Wissenschaftler, die zu dem Ergebnis kommen, dass die steigenden Energiepreise kein Problem für Empfänger von Sozialtransfers sind“, so Kopatz gegenüber ENERGLOBE.DE.

Heizkosten-Erstattung ist Auslegungssache

Der Grund für die Fehleinschätzungen ist seiner Ansicht nach die Annahme, dass der Staat für Bedürftige die kompletten Kosten für Energie trägt. Die Realität sieht weniger rosig aus: Im Arbeitslosengeld II (ALG II) ist zwar eine Pauschale für Strom enthalten. „Aber die Preise sind gestiegen und das Geld dafür wurde nicht entsprechend angepasst“, bemängelt Kopatz. Auch das aktuell geplante Anheben der Hartz-IV-Sätze um acht Euro reiche nicht aus. „Wenn die Erhöhung nur für Strom wäre, würde es vielen weiterhelfen – das ist aber nicht der Fall.“

Immerhin will der Bund nun laut Bundesarbeitsministerium die Kosten für die Warmwasseraufbereitung übernehmen. Das dürfte Betroffene freuen, denn beim Heizen ist die Lage noch prekärer als beim Strom. Erstattet wird, was „angemessen“ ist. Was das bedeutet, ist Auslegungssache. Ein Drittel der Kosten übernimmt der Bund, den Rest tragen die Kommunen. Dies führt dazu, dass Bedürftige je nach Gemeinde unterschiedlich viel Heizkosten erstattet bekommen.

Damit nicht genug: „Meistens wird die Bausubstanz nicht einbezogen, sondern es gibt eine Pauschale“, so Kopatz. Darunter leiden Menschen in schlecht sanierten Häusern. Denn während in einem gut sanierten Haus 90 Cent Heizgeld pro Quadratmeter reichen, sieht die Sache in einem zugigen Altbau anders aus.

Kaum bundesweite Maßnahmen gegen Energiearmut

Auch den unterschiedlichen Heizbedarf von Wohnungen rechnen Kommunen der Studie zufolge häufig nicht ein. Dabei muss ein Bewohner einer Dachgeschosseckwohnung fast 50 Prozent mehr heizen als einer, dessen Domizil in der Hausmitte liegt. „Die Regierung hat jetzt auch noch den Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger gestrichen“, beklagt Kopatz.

Bundesweit fördert der Staat bisher nach den Ergebnissen seiner Studie kaum Projekte gegen Energiearmut. Eine Ausnahme ist der Stromspar-Check des katholischen Hilfswerks Caritas, den das Bundesumweltministerium unterstützt. In dem Projekt beraten ehemalige Arbeitslose Empfänger von Hartz IV, wie sie Elektrizität sparen können.

Forscher fordern Mikrokredite und Hilfe für alle Energiearmen

Doch das reicht nach den Ergebnissen der Wuppertaler Studie nicht aus: Damit die Betroffenen stromfressende Kühlschränke und Waschmaschinen austauschen können, brauche es Mikro-Kredite, so Kopatz. „Außerdem muss der Stromspar-Check unbedingt flächendeckend angeboten und aufs Heizen ausgedehnt werden.“ Zudem sollten nach Empfehlung der Forscher auch Menschen Unterstützung erhalten, die an der Armutsgrenze leben.

Als gutes Beispiel nennt er Projekte in Kommunen wie die Energieschuldenprävention in Nürnberg, die auch Geringverdiener einschließt. Damit senkten die Teilnehmer ihre Heizkosten durchschnittlich um rund 130 Euro, also 20 Prozent. Beim Strom sparten sie 120 Euro, etwa 15 Prozent.

EU fordert mehr Aktivität der Mitgliedsstaaten

Auch wenn sich in Deutschland noch wenig tut, gibt sich Kopatz vorsichtig optimistisch: „Langsam kommt das Thema in der Politik an – es hilft schon, dass EU-Kommissar Oettinger das Thema aufgegriffen hat.“

Die EU fordert von ihren Mitgliedsstaaten, etwas gegen Energiearmut zu unternehmen. Dies ist umso wichtiger, als die Verbraucher allein für den geplanten europäischen Stromnetzausbau den Großteil der Kosten von rund 100 Milliarden Euro zahlen sollen. „Energiearmut wird eines der wichtigsten Zukunftsthemen“, stellt Oettinger klar.

Weitere Informationen:

Die Studie des Wuppertal Instituts: www.wupperinst.org

Irish Times zur Energiearmut in Irland, 08.02.2011, „Fuel poverty may cause thousands of deaths“: www.irishtimes.com

Das Bundesarbeitsministerium zum aktuellen Kompromiss beim ALG II: www.bmas.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014