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Fukushima-Folgen

Grüne Wende mit Hindernissen

Nach dem Atomunglück in Japan scheint der Protest gegen Windanlagen und Speicher hierzulande ungebrochen.

Grüne Wende mit Hindernissen Grüne Wende mit Hindernissen
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Nach Fukushima soll Deutschland grüner werden. Doch die Gegner von Speicherkraftwerken und Windanlagen machen keine Zugeständnisse.

Die Bundesrepublik scheint an der Schwelle eines neuen Energie-Zeitalters zu stehen: Die Kanzlerin sieht sich „von Japan belehrt“, Solar- und Windaktien boomen an der Börse und im konservativen Stammland Baden-Württemberg regiert nach 58 Jahren CDU-Regierung mit Winfried Kretschmann bald der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands.

Vom Stimmungsumschwung profitieren Ökostromanbieter wie das Hamburger Unternehmen Lichtblick. „Wir verzeichnen täglich bis zu 12.000 Zugriffe auf unsere Homepage und schließen bis zu 800 Neukundenverträge am Tag ab“, heißt es von Seiten der Firma. Inzwischen soll es sogar Stromwechsel-Parties geben, Protest durch bewussten Konsum. Auch das Interesse an Kleinstwind- und Phtovoltaikanlagen ist gestiegen.

Weiterhin Protest gegen Großprojekte für regeneratives Energiesystem

Die neue Begeisterung für Regenerative hat allerdings Grenzen: Sie hört dort auf, wo Großprojekte für das grüne Energiesystem gebaut werden sollen. Vor Ort organisieren Bürgerinitiativen den Protest: Windräder, Stromtrassen und -speicher sollen an einem anderen Standort enstehen, fordern sie – nur nicht vor der eigenen Haustür. NIMBY nennen die Amerikaner und Briten diese Haltung, abgekürzt für „Not in my backyard“. In Deutschland spricht man vom Sankt-Florians-Prinzip.

So wehren sich ausgerechnet Anwohner im bald grün regierten Baden-Württemberg gegen das Pumpspeicherkraftwerk in Atdorf, das die Schluchseewerk AG plant. Solche Speicher sind bisher die einzige Möglichkeit, im großen Maßstab effizient Strom aufzubewahren. Die Anlagen können dazu beitragen, die wetterbedingt schwankende Stromproduktion von Wind- und Solaranlagen auszugleichen.

Gegen Atomkraft und gegen den Pumpspeicher

Ein Umdenken hat bei der Bürgerinitiative Atdorf nach dem Reaktorunglück in Japan nicht stattgefunden: „An der Einschätzung zum Pumpspeicherbecken hat sich nichts geändert; die schon bislang geäußerte Kritik am Projekt wurde durch die jüngsten tragischen Ereignisse bestärkt“, steht auf der Internet-Seite. Schließlich liegt die geplante Anlage in einer erdbebengefährdeten Region.

Wie hart das klingt, scheint dem Sprecher des Vereins Klaus Stöcklin bewusst zu sein. „Was in Japan passiert, ist so schrecklich, ich mag den Bezug von unserer Bürgerinitiative dazu gar nicht herstellen“, sagt Stöcklin. Man habe aber wegen der vielen Anfragen reagieren müssen.

Stöcklin selbst ist gegen Atomkraft. Er lebt praktisch in Sichtweite eines Nuklearreaktors. Von seinem Heimatort Herrischried aus könne er die Kondenswolken eines nahegelegenen Schweizer Kernkraftwerks sehen, berichtet er.

Gründe für Protest bestehen unverändert

Die Katastrophe in Fukushima ändert trotz allem nichts an Stöcklins Protest gegen den geplanten Stromspeicher: Der könne die Trinkwasserversorgung in trockenen Perioden gefährden, argumentieren die Gegner. Zudem warnen sie vor arsenhaltigem Bauabfall.

Für die Anlage soll ein Stollensystem in den Berg gebohrt werden. Wenn Energie billig ist, wird später Wasser auf diesem Weg von einem tiefer gelegenen See in einen weiter oben befindlichen gepumpt. Ist der Strom später knapp, lassen die Betreiber das Wasser wieder ins Tal rauschen. Dabei treibt es Turbinen an, die Elektrizität erzeugen.

Bürger wollen kein Atomstrom im geplanten Speicher

Die Bürgerinitiative befürchtet, in den Speicher könnte so auch Atomstrom aus baden-württembergischen Kernkraftwerken fließen. „Die großen Windparks liegen im Norden Deutschlands, wir sind ganz im Süden und die Leitungen für den Transport gibt es noch nicht“, kritisiert Stöcklin.

Der Übertragungsnetzbetreiber in Baden-Württemberg, EnBW Transportnetze, ist dazu verpflichtet, rund 14 Prozent des Windenergieaufkommens einzuspeisen. Dieser Prozentsatz entspricht etwa dem Anteil des Landes am deutschen Energieverbrauch. In Baden-Württemberg selbst gibt es tatsächlich wenig Windräder. Es war 2010 deutschlandweit das Flächenland mit der geringsten installierten Windenergie-Leistung. Der Zubau ging bisher nur schleppend voran.

Windkraft-Gegner stehen bereit

Dabei ist Baden-Württemberg laut dem Bundesverband für Windenergie gut für Windräder geeignet. Greenpeace schätzt, dass das Bundesland die Windkraft bis 2020 fast verfünffachen kann. Besonders gute Standorte wären die Höhenzüge von Schwarzwald und Schwäbischer Alb, schreiben die Landesgrünen in ihren Wahlprüfsteinen zur Windenergie.

Die Befürworter müssen sich allerdings schon jetzt auf Proteste gegen solche Projekte einstellen. Daran hat auch Fukushima nichts geändert, wie Elmar Klein von der Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwaldes klar macht. Er bleibt dabei: „Will man effektiv Erneuerbare vermehren, sind Windräder im Schwarzwald so etwa das Letzte, was man anpacken sollte.“

Grüne müssen sich auf Ärger einstellen

Die neue Landesregierung muss sich auf einiges gefasst machen, wenn sie ihr Wahlversprechen einhalten will und plant, die Windkraft in Baden-Württemberg auch auf den Höhenzügen des Schwarzwaldes voranzutreiben.

Dazu kommt eine weiterer Konfliktherd: Die bald grün dominierte Landesregierung ist indirekt an der Schluchseewerk AG beteiligt, die den Pumpspeicher in Atdorf plant. Deren Mehrheitseigner ist neben RWE nämlich der Karlsruher Energieversorger EnBW. Der designierte Ministerpräsident Kretschmann kontrolliert mit seiner Regierung rund 45 Prozent der Anteile des baden-württembergischen Konzerns. Besonders delikat: Die Grünen im zugehörigen Wahlkreis Waldshut sind gegen den Speicher.

Weitere Informationen:

Stellungnahme der Bürgerinitiative Atdorf zu Japan: www.unruheforscher.de

Grüne Waldshut gegen Schluchsee-Speicher: www.gruene-wt.de

Wahlprüfsteine der Grünen für Windkraft beim BWE: www.wind-energie.de

Jahresbilanz Windkraft 2010 beim BWE: www.wind-energie.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014