Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Interview

„Menschen müssen ehrlich abwägen“

Der Energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Hans-Josef Fell, spricht über Proteste gegen Pumpspeicherkraftwerke.

„Menschen müssen ehrlich abwägen“ „Menschen müssen ehrlich abwägen“
Bündnis 90/Die Grünen

Der Energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Hans-Josef Fell, spricht über Proteste gegen Pumpspeicherkraftwerke und das Dilemma zwischen Klima- und Umweltschutz, das die Partei spaltet.

Herr Fell, halten Sie Pumpspeicherkraftwerke für sinnvoll?

Eine 100-prozentige Vollversorgung mit Strom aus Erneuerbaren Energien bis 2030 ist möglich und aus Gründen des Umwelt- und Klimaschutzes notwendig. Das heißt, die Grundlast aus Atom- und Kohlekraft muss vollständig ersetzt werden. Wind und Sonne werden den Löwenanteil bringen, womit die Notwendigkeit von Speicherung und intelligentem Netzmanagement schnell zunimmt. Bestehende Pumpspeicherkraftwerke statt für die Veredelung von Atomgrundlast nun für den Ausgleich der Angebotsschwankungen von Sonne und Wind zu verwenden, ist notwendig - genauso, wie der Neubau von Speicherkraftwerken. Hier sollten auch andere Speichersysteme, zum Beispiel Druckluftspeicher oder dezentrale Batteriespeicher zum Zuge kommen.

Kritiker befürchten, Pumpspeicher im Süden würden in erster Linie konventionell erzeugten Strom aufnehmen: Gleichstromnetze, die Windstrom von Nord nach Süd transportieren, fehlen derzeit noch. Sind die Bedenken berechtigt ?

Auch weil der Netzausbau zur großräumigen Verteilung von Offshore-Windstrom nur zögerlich in die Gänge kommt, ist es notwendig, dezentrale Stromspeicher für den weiter schnell zunehmenden Wind- und Solarstrom aus der Region zu schaffen. Stromspeicherung für konventionellen Strom wird immer weniger benötigt, wenn es gelingt den Atomausstieg, wie er im Gesetz steht, zu realisieren. Genau dafür braucht es aber auch zusätzliche Speichermöglichkeiten. Eine prinzipielle Ablehnung solcher neuer Speicher würde den Atomkonzernen in die Hände spielen, die behaupten, man bräuchte weiterhin Grundlastkraftwerke.

Können Sie die Proteste gegen den Bau solcher Anlagen nicht nachvollziehen?

Bei jedem größeren technologischen Projekt gibt es Beeinträchtigungen vor Ort, die viele Menschen nicht nachvollziehen können oder wollen. Allerdings muss es eine Abwägung geben. Eine geringe Beeinträchtigung vor Ort nicht zu akzeptieren, aber eine Stromerzeugung weiter zuzulassen, die andere Orte hohen Belastungen aussetzt, wäre nicht akzeptabel. Ein Pumpspeicherkraftwerk, einen Windpark oder eine Photovoltaikfreiflächen-Anlage zu Hause zu verhindern, anderen aber die Lasten eines Atommüllendlagers oder das Abbaggern des Dorfes wegen der Braunkohlenutzung aufzuerlegen, wäre nicht fair. Diese Abwägungen müssen auch die Menschen ehrlich mit sich ausmachen.

Die Grünen im Schwarzwald stellen sich gegen den Bau eines Pumspeicherkraftwerkes. Widerspricht sich Ihre Partei da nicht selbst?

Es ist gut, wenn die Grünen vor Ort auf die lokalen Probleme hinweisen. Trinkwasserschutz zum Beispiel ist eine existenzielle Notwendigkeit für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser vor Ort. Auch der Naturschutz spielt eine bedeutende Rolle. Unter anderem haben die Grünen vor Ort darauf hingewiesen, dass die Schüttung der Quellen gefährdet sein könnte.

In Atdorf gibt es seit 2008 Streit zwischen den Menschen vor Ort und den Erbauern eines Pumpspeicherkraftwerkes. Sehen Sie eine Möglichkeit für einen Konsens?

Die Befürworter des Pumpspeicherkraftwerkes müssen sich ernsthaft mit den Argumenten der Bürgerinitiative und der örtlichen Grünen auseinandersetzen. Der Schutz der Schüttung der Trinkwasserquellen und der Heilwasserquellen ist ein wichtiges Gut, wie auch die Verringerung der Belastungen in der Bauzeit und der Schutz der Natur. Auf der anderen Seite ist auch die Notwendigkeit des Klimaschutzes, wofür neue Pumpspeicher notwendig sind, anzuerkennen. Die Fauna und Flora des gesamten Hotzenwaldes, nicht nur der eventuell überfluteten Flächen, ist durch die fortschreitende Klimaveränderung massiv gefährdet. Angesichts der Dimension der Klimaveränderung sind alle Regionen gefordert, ihren Beitrag zu leisten.

Dazu gehört aber auch, dass die Betreiber des Pumpspeicherkraftwerkes klar aufzeigen, dass eben nur Angebotsschwankungen von Sonne und Wind ausgeglichen werden sollen und eben nicht Grundlast aus Kohle oder Atom veredelt wird. Ebenso müssen die Betreiber aufzeigen, dass auch unter Abschaltung der bestehenden Atomkraftwerke die freiwerdenden Speicherkapazitäten sowie die Erschließung bestehender skandinavischer Wasserkraft nicht ausreichen würde. Ein klares Bekenntnis der Betreiber zum Atomausstieg wäre notwendig.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014