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Interview

Ökostrom gegen Ohnmacht

Grünstrom boomt wegen des Atomunglücks, Gegner von Windparks bleiben trotzdem hart. Umweltpsychologe Kaiser erklärt die Gründe.

Ökostrom gegen Ohnmacht Ökostrom gegen Ohnmacht
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Heute überreicht der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung einen Gesellschaftsvertrag für eine grüne Wende. Die Chancen dafür scheinen in Deutschland gut zu stehen: Seit Beginn der Atomkatastrophe in Japan beziehen hierzulande immer mehr Menschen Ökostrom. Großprojekte wie Windparks und Stromspeicher stoßen jedoch weiterhin auf den Protest von Anwohnern. ENERGLOBE.DE geht dem Phänomen im Interview mit dem Umweltpsychologen Professor Florian Kaiser auf den Grund.

Herr Professor Kaiser, seit Beginn der Atomkatastrophe in Japan rennen die Deutschen den Ökostromanbietern die Türen ein. Auch das Interesse an Solaranlagen und Kleinstwindrädern für Zuhause ist nach Branchenangaben gestiegen. Hat Fukushima das grüne Gewissen der Menschen geweckt?

Florian Kaiser: Es ist auffallend, dass es scheinbar nicht attraktiver geworden ist, einfach weniger Energie zu konsumieren. Ich vermute also, dass die Menschen nicht energie- oder umweltbewusster geworden sind. Sie dürften schlicht verängstigt sein, sich ohnmächtig fühlen. Den Energiemix zu ändern oder eine Windanlage zu kaufen, gibt einem das Gefühl, etwas tun zu können – also nicht ohnmächtig zu sein. Im Fachchinesisch bedeutet das: den Kontrollverlust beseitigen.

Wind- oder Solaranlagen zu kaufen, ist eine kostspielige Art, ein Ohnmachtsgefühl loszuwerden. Muss da nicht mehr dahinter stecken?

Kaiser: Es fallen ja nicht nur die finanziellen Mehrkosten für nachhaltigen Strom und der Aufwand an, den Energiemixwechsel zu initiieren. Gleichzeitig entstehen emotionale „Vergünstigungen“ wie Angst- und Ohnmachtsbeseitigung. Durch die Vorfälle in Fukushima „vergünstigt“ es sich psychologisch, erneuerbaren Strom oder eine Windanlage zu kaufen. Dies führt zu einer Reduktion der Gesamtkosten, wodurch bei gleichbleibendem Umweltbewusstsein erneuerbarer Strom und Kleinstwindanlagen attraktiver geworden sind. Unter Umweltbewusstsein verstehe ich übrigens die Bereitschaft, etwas für den Umweltschutz zu tun.

Wenn die Deutschen mit Ökostrom und Kleinstwindanlagen ihre Ohnmacht bekämpfen, weshalb protestieren Anwohner weiterhin gegen Windparks und Pumpspeicher?

Kaiser: Man muss sich grundsätzlich fragen, warum diese Personen eigentlich gegen Windräder und Pumpspeicher sind, und worin die individuelle Motivation besteht. Daraus ergibt sich die Antwort auf Ihre Frage: Der Protest scheint ungebrochen, weil sich an den Gründen dafür – etwa Ästhetik, Landschaftsschutz oder Tierschutz – nichts geändert hat. Es geht bei diesem Widerstand in der Regel also nicht um sichere Energie und Umweltschutz im weitesten Sinn.

Ohne Großprojekte wie Windparks funktioniert die Energiewende aber nicht. Welche Möglichkeiten haben Politik und Energiekonzerne, um protestierende Bürgerinitiativen umzustimmen?

Kaiser: Die Frage ist doch, wie viel man den Protestierenden sozusagen bezahlen müsste, um sie zur Aufgabe des Widerstandes zu bewegen. Was wäre eine Gegenleistung, die die Aufgabe des Widerstandes attraktiv machen würde? Um das zu beantworten, muss man im Einzelfall wissen, worum es einem Protestierenden geht. Geht es darum, gewisse Landschaftsbilder zu bewahren, kann man sicher einen Kompromiss aushandeln. Geht es aber darum, einen Machtkampf gegen die Obrigkeit zu gewinnen, hat man eigentlich keine Chance.

Zur Person:

Der Umweltpsychologe Professor Florian Kaiser ist Inhaber des Lehrstuhls für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er ist Sprecher der Fachgruppe Umweltpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Verhaltens- und Einstellungsforschung.

Weitere Informationen:

Lehrstuhl von Professor Kaiser mit Links zu Publikationen: www.ipsy.ovgu.de

Aktueller Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: www.wbgu.de

Aktionsprogramm für die Energiewende vom Bundesverband für Erneuerbare Energien, das auch einen Schwerpunkt auf Akzeptanz legt: www.bee-ev.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014