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Energiekonzept

Effizienz mit Bumerang-Effekt

Die Regierung erklärt die Effizienz im Energiekonzept zur Schlüsselfrage. Sie verschweigt, dass das Allheilmittel einen Haken hat.

Effizienz mit Bumerang-Effekt Effizienz mit Bumerang-Effekt
energlobe.de, Denny Rosenthal

Die Bundesregierung erklärt Effizienz im Energiekonzept zu einer Art Allheilmittel. Nicht erwähnt ist ihre Schattenseite – ein Fehler, sagen Experten: Wie ein Bumerang macht der Rebound-Effekt einen Teil der klimafreundlichen Wirkung des Energiesparens zunichte.

Das erlebt man selten in einem Hintergrundgespräch des Bundesumweltministers: ratlose Stille. Eigentlich hat Norbert Röttgen immer eine Antwort auf Journalistenfragen. Auf dem Treffen zu den Energieszenarien war das anders. Da saßen sie, der Minister und seine Staatssekretäre. Und schwiegen, sekundenlang. Auslöser dieser ungewohnten Ruhe war eine kurze Frage: Haben Sie den Rebound-Effekt mit einbezogen?

Autofahrer vergeuden 60 Prozent der Effizienz

Hinter dem Wort mit der erstaunlichen Wirkung auf den Bundesumweltminister verbirgt sich eine Art schwarzes Schaf, das den guten Ruf der Effizienz beeinträchtigt: Der Rebound-Effekt mindert wie ein Bumerang die klimafreundliche Wirkung des Energiesparens.

Das Phänomen entspringt der Konsumfreude des Menschen: Einen spritsparenden Wagen zu besitzen heißt nicht nur, weniger Abgase in die Atmosphäre zu blasen – sondern auch, Kosten zu senken. Dummerweise neigt der Mensch dazu, mit einem Teil des so gesparten Geldes einfach mehr Energie zu verbrauchen. Das gilt besonders für die deutschen Autofahrer, die rund 60 Prozent der erreichten Treibstoffeinsparung mit Mehrfahrten wieder vergeuden. Das ergaben mehrere Studien des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

„Verschlafen und ungern gesehen“

Auch, wenn der Rebound-Effekt etwa im Gebäudebereich weniger Effizienz frisst: Er ist unbequem für die Regierung. Sie möchte ihre Wunderwaffe Effizienz ohne Image-Schaden verkaufen. Zudem ist das Phänomen bisher hierzulande kaum erforscht. Der Energieökonom Manuel Frondel vom RWI wundert sich deshalb nicht darüber, dass das Phänomen nicht im Energiekonzept vorkommt. „Es ist eine Mischung aus verschlafen und ungern gesehen“, lautet seine Diagnose. Wenn Frondel den Rebound-Effekt öffentlich erwähnt, wird er schräg angeguckt. Praxisfern sei das, bekommt er zu hören. Ein Phänomen für Leute aus dem Elfenbeinturm.

Auf die ambitionierten Ziele im Energiekonzept wirft der Rebound-Effekt jedenfalls keinen Schatten: Im Gebäudebereich, der Industrie und bei der Vergabe öffentlicher Aufträge soll der Primärenergieverbrauch sinken. Bis 2050 sollen die Deutschen ihn so insgesamt um 50 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2008 drücken. Ein Ziel, das Frondel für unrealistisch hält: Dazu müsste die Effizienz jedes Jahr etwa doppelt so stark ansteigen wie bisher.

Politik macht weltweit einen Bogen um Rebound-Effekt

Der Rebound-Effekt der Ziele aus dem Energiekonzept dürfte nach seiner Einschätzung allerdings eher gering ausfallen. Allerdings ist das Phänomen in Deutschland noch wenig erforscht. Deshalb mahnt Frondel, es auf keinen Fall zu vernachlässigen.

Da stimmt ihm einer der wichtigsten deutschen Umweltforscher, Ernst Ulrich von Weizsäcker, zu. Für den ehemaligen Präsidenten des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie reiht sich die Regierung nur in den internationalen Reigen der Schweigenden ein. „Die Politik hat in allen Ländern der Welt einen Riesenbogen um den Rebound-Effekt gemacht“, sagt der SPD-Politiker bedauernd.

Denn eigentlich müsste die Politik seiner Meinung nach dafür sorgen, dass Energie teuer bleibt, um den Rebound-Effekt zu bremsen und das Klima zu schützen. Aber mit hohen Strom- und Heizungskosten gewinnt man keine Wähler. Weizsäcker hat sich deshalb mit seinen Mitautoren zusammengesetzt und in seinem Buch „Faktor Fünf“ ein Konzept erarbeitet, das die Energiepreise nur so viel ansteigen lässt, wie die Bürger durch Effizienz einsparen. Vielleicht sollte Weizsäcker dem Bundesumweltminister einmal ein Exemplar seines Buches schicken.

Weitere Informationen:

Technology Review: Auszug aus Marcel Häggis Buch Wir Schwätzer im Treibhaus“, www.heise.de

Das Energiekonzept der Bundesregierung auf der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums, www.bmwi.de

Buchkritik zu Ernst Ulrich von Weizsäckers Buch „Faktor Fünf“ in der Südwestpresse, www.swp.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014