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Rebound-Effekt

Grenzen des Sparens

Verbraucher nutzen durch Energieeffizienz gespartes Geld, um noch mehr Sprit und Strom zu konsumieren. Die Politik schweigt bisher dazu.

Grenzen des Sparens Grenzen des Sparens
energlobe.de, Maud Radtke

Effizienz ist für Politiker der neue Klimaschutzrenner. Sie bedeutet geringere Energiekosten, technologischen Fortschritt und senkt die Emissionen. Kein Wunder, dass die Regierung über die Schattenseiten gerne schweigt: Verbraucher nutzen das durch Effizienz gesparte Geld, um noch mehr Sprit und Strom zu konsumieren.

In der Öffentlichkeit ist das weitgehend unbekannt: Wenn Deutsche spritsparende Autos kaufen, schonen sie damit die Umwelt. Das gilt zumindest in der Theorie. In der Praxis nutzen sie das beim Tanken gesparte Geld auch dazu, mehr in der Gegend herumzufahren – so viel, dass sie 60 Prozent der durch den effizienten Wagen erreichten Treibstoffeinsparung wieder vergeuden. Das ergaben mehrere Studien des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Im Klartext heißt das: Nur 40 Prozent der Effizienzsteigerung kommen bei der Umwelt an. Die CO2-Emissionen sinken also sehr viel weniger als zunächst gedacht. „Der Rebound-Effekt betrug beim Auto in Deutschland in den vergangenen Jahren konstant rund 60 Prozent – egal mit welcher Methode wir den Effekt geschätzt haben“, sagt Professor Manuel Frondel vom RWI.

Nebensache bei Weltklimarat, BMU und dena

Von dem Effizienzfresser ist in der Öffentlichkeit allerdings kaum die Rede. Auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums ergibt die Suche unter dem Stichwort Rebound-Effekt keinen Treffer. Gleiches gilt für die Webseiten der Deutschen Energieagentur. Der Weltklimarat bezieht das Phänomen in seinem letzten Report nicht mit ein.

In die deutsche Forschung hat das Phänomen erst in den letzten Jahren Einzug gehalten. „Es fehlte einfach an der notwendigen Datengrundlage und bis heute gibt es in vielen Bereichen noch Nachholbedarf“, erklärt Frondel. In anderen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Österreich sammelt der Staat die entsprechenden Daten. Doch „die Forschung in Deutschland hat sich relativ wenig mit dem Rebound-Effekt beschäftigt“, so der Ökonom.

Rebound-Effekt trübt das positive Bild

Für diese Vernachlässigung spielt nach Frondels Einschätzung auch politisches Kalkül eine Rolle: Der Rebound-Effekt passt nicht ins Gesamtkonzept. „Die Politik hat sich die Energieeffizienz auf die Fahnen geschrieben, weil sie eine vermeintliche, mehrfache win-win-Situation herstellt. Sie reduziert die Energiekosten für die Nutzer, sorgt angeblich für weniger Treibhausgase, geringere Energieimportabhängigkeit und mehr Beschäftigung im Land.“

Wegen des Rebound-Effekts müssten Regierungen für ambitionierte Klimaziele eigentlich weitaus unbequemere Maßnahmen propagieren. „Emissionen lassen sich am effektivsten durch kontinuierlich erhöhte Steuern auf Energie einsparen, weil sie das Verhalten der Menschen direkt beeinflussen“, erläutert Frondel.

Steuer statt Effizienzgesetz

Ist das Benzin wegen der Steuer teurer, fahren die Deutschen weniger Auto und blasen weniger CO2 in die Luft. Der Ökonom hätte es begrüßt, wenn die Bundesregierung jährlich den Benzinpreis über die Ökosteuer anheben würde, wie einst Rot-Grün. „So werden auch Anreize geschaffen, effizientere Autos zu bauen und der Umstieg auf andere Antriebstechnologien wie Elektroautos wäre ebenfalls forciert worden.“ Weil der Steueranstieg auch langfristig kalkulierbar sei, hätten Käufer und Produzenten Planungssicherheit, betont Frondel.

Entsprechend kritisch sieht er die 2009 verabschiedete PKW-Verordnung der Europäischen Union. „Mit dem EU-Beschluss werden ab 2012 Effizienzstandards vorgeschrieben, die in den USA nachweislich nichts gebracht haben“, bemängelt Frondel. In den Vereinigten Staaten gibt es seit der Ölkrise in den 70er-Jahren Vorschriften, die amerikanische Autos sparsamer machen sollen. Doch bis heute gelten sie als Spritfresser auf dem Weltmarkt.

BMU verteidigt Effizienzrichtlinie

Das Bundesumweltministerium verteidigt indessen die Effizienzrichtlinie der EU: „Ein Drehen an der Preisschraube allein hilft nicht“, lässt Hausherr Norbert Röttgen mitteilen. Das hätten die in den letzten Jahren empfindlich gestiegenen Spritpreise gezeigt. Auf einen Preisschock mit verändertem Verhalten folge regelmäßig eine Phase der Gewöhnung, in der das alte Verhaltensmuster bald wieder eingenommen werde – auch dies sei ein klassischer Rebound-Effekt.

Röttgen setzt lieber auf Kampagnen, um die Bürger zum Energiesparen zu bewegen. Eins macht die Mitteilung klar: Das ungeliebte Phänomen findet zunehmend Beachtung.

IPCC-Autoren wollen Rebound-Effekt zum ersten Mal einbeziehen

Das könnte bald auch für die globale Bühne gelten, für den Bericht des Weltklimarats. Jedenfalls wollen sich zwei der federführenden Autoren dafür einsetzen. „Es verdichten sich die Anzeichen, dass derart kompensierende Effekte in einer Nettobetrachtung Einsparbemühungen konterkarieren können“, sagt Professor Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Dies gelte gerade für den privaten Verbraucher aber auch teilweise für gewerbliche Anwendungen. „Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, den aktuellen Sachstand zusammen zu tragen.“

Fischedicks Weltklimarat-Kollege Thomas Bruckner will den Effekt ebenfalls nicht länger unter den Tisch kehren. Der Energie-Ökonom von der Universität Leipzig verweist allerdings darauf, dass der Effekt – je nach Sektor – unterschiedlich ausfallen dürfte: „Ich gehe davon aus, dass der Rebound-Effekt im Bereich der Raumwärmeversorgung und im Kraftwerksbereich keine überragende Rolle spielt.“

Weitere Informationen:

Technology Review: Auszug aus Marcel Häggis Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“ auf www.heise.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014