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Bioethanol

Debatte um Brasiliens Sprit

Europäischer Biosprit ist in die Kritik geraten. Das könnte die Chance für Brasiliens umstrittenes Ethanol sein.

Debatte um Brasiliens Sprit Debatte um Brasiliens Sprit
energlobe.de, Maud Radtke

Die Europäische Union (EU) hat Biokraftstoffe fest für ihr Klimaschutzziel eingeplant. Der Anteil von grünem Sprit soll bis 2020 auf zehn Prozent steigen.

Doch nun geraten in der EU produzierte Biokraftstoffe in die Kritik: Eine aktuelle Studie des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW) bescheinigt ihnen, kaum CO2 einzusparen. „Es wäre besser, etwa Bioethanol aus Brasilien einzusetzen“, sagt Biokraftstoff-Experte Gernot Klepper vom IfW. Der Kraftstoff aus Zuckerrohr ist für seine gute Energie- und CO2-Bilanz bekannt.

Biosprit soll Amazonas gefährden können

Grüner Sprit aus dem südamerikanischen Land ist jedoch umstritten: Was die Brasilianer als Lösung für das Emissionsproblem im Verkehr anpreisen, gefährdet für Greenpeace International und die Welthungerhilfe den Regenwald und verschärft das Hungerproblem.

Nicht nur Umwelt- und Hilfsorganisationen sehen das Thema kritisch. Unlängst ergab eine Simulationsstudie der Universität Kassel, dass unter bestimmten Rahmenbedingungen Brasiliens Bioethanol- und Sojadieselproduktion indirekt den Amazonas und die Savannenlandschaft Cerrado gefährden kann.

Mitgearbeitet haben Forscher renommierter Einrichtungen wie dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Verdrängte Viehzucht als Bedrohung

Bis 2020 will die brasilianische Regierung die Plantagen für regenerativen Treibstoff massiv ausbauen. Sie sollen dann eine Fläche bedecken, die etwa halb so groß ist wie die Europas.

Der Anbau von Zuckerrohr für das Biobenzin Ethanol konzentriert sich zwar außerhalb des Regenwaldgebiets. Doch laut Studie könnte er die Viehzucht Richtung Cerrado und Amazonas verdrängen.

Die Wissenschaftler befürchten, dass solche für das globale Klimasystem wichtigen Flächen zerstört werden, um Rinderweiden Platz zu machen. Die Viehzucht sei ein wachsender Wirtschaftszweig, sagt Rüdiger Schaldach von der Universität Kassel.

Ein Problem entstehe, wenn zunehmend Flächen wegen des Anbaus von Zuckerrohr besetzt seien: „Dann besteht potenziell die Gefahr, dass Züchter neues Weideland in für das Klima kritischen Bereichen anlegen.“

VDB spricht von haltlosen Behauptungen

Regenwald- und Savannenökosysteme speichern Kohlenstoff in Pflanzen und Böden. Dieser wird als CO2 freigesetzt, wenn Landwirte sie etwa durch Rodung zu Weideland machen. Es dauere lange, bis die Emissionsbilanz durch die Nutzung von Biokraftstoffen wieder ausgeglichen sei, so Schaldach.

Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) weist die Studie als „haltlos“ zurück: Der Grund für die Abholzung von Regenwald sei der illegale Holzeinschlag.

Doch auch der VDB will offensichtlich verhindern, dass Vieh auf wertvollen Ökoflächen grast. Er fordert eine Nachhaltigkeitsverordnung für jegliche landwirtschaftliche Nutzung. „Das wäre ein praktikabler und sinnvoller Weg, um den Regenwald zu schützen“, sagt VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann.

Brasiliens Regierung wehrt sich

Die Regelung würde dafür sorgen, dass nur noch nachhaltig erzeugtes Rindfleisch in die EU importiert werden dürfte. Die Tiere müssten auf Flächen gegrast haben, auf denen sich vor 2008 keine besonders wertvollen Ökosysteme wie Regenwälder befanden. Für Biokraftstofffelder gilt eine solche Nachhaltigkeitsverordnung bereits ab Dezember dieses Jahres.

Die Abholzung des Regenwaldes ist trotz verstärkter Bemühungen der Regierung nach wie vor ein Problem in Brasilien. Das stellt auch eine Studie im Auftrag des lateinamerikanischen Staates aus dem Jahr 2008 fest. 19 Millionen Hektar sind demnach zwischen 1998 und 2008 zerstört worden, unter anderem um Soja-Plantagen anzulegen.

Es existierten jedoch kaum Daten, die einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Bioethanolproduktion und dem Roden des Amazonas belegten, so die Regierungsstudie.

"Diskussion ideologisch aufgeladen"

Die Diskussion um Bioethanol verfolgt die Lateinamerika-Spezialistin Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik bereits seit einigen Jahren. „Kaum eine Diskussion um einen Energieträger ist so ideologisch aufgeladen“, beurteilt sie die Lage.

Die Politologin sieht das Problem weniger in der Konkurrenz von Zuckerrohr, Weideland, Nahrungsmittelanbau und Regenwald. An diesem Punkt stimmt sie mit dem Biokraftstoffexperten Gernot Klepper vom IfW überein. „In Brasilien gibt es meiner Meinung nach genug Platz, um alle Ziele der an der Debatte Beteiligten zu erfüllen“, so Zilla. Die Fläche des Landes entspricht etwa der Europas.

Staat soll Kontrollen verschärfen

Das Problem liegt nach Ansicht Zillas auf ordnungspolitischer Ebene: „Es gibt die nötigen Gesetze und Regelungen, doch die Durchsetzung ist ein Problem.“ Es müsse sicher gestellt werden, dass sie eingehalten würden. „Hier ist der Staat gefragt.“

Bisher exportiert Brasilien nur einen Bruchteil seines regenerativen Treibstoffs in die EU: Rund 85 Prozent des Ethanols verkaufen die Produzenten im Inland. Die Exporte nach Europa sind zwar in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2008 waren es laut Unica 1,5 Milliarden Liter Bioethanol. Das ist aber nur ein Bruchteil der brasilianischen Gesamtproduktion: Dieses Jahr erwartet Unica einen Ertrag von 31,2 Milliarden Liter.

Protektionismus-Vorwürfe an EU

Der Grund für die geringen Ausfuhren nach Europa sind extrem hohe Importzölle. Sie verteuern den regenerativen Treibstoff um bis zu 50 Prozent. Kritiker werfen der EU Protektionismus vor.

Die Wissenschaftlerin Zilla bestätigt diese These: „Es gibt kaum ein Gut, dass so strengen umweltpolitischen und sozialen Regeln unterliegt. Würde man an andere Güter ähnliche Maßstäbe ansetzen, könnte die EU weder Erdgas noch Pflanzenmargarine mehr einführen.“

Die Wissenschaftlerin hält die Chance für gering, dass bald ein Freihandelsabkommen zustande kommt und die hohen Zölle der Vergangenheit angehören: „Ich bin da sehr skeptisch.“


Weitere Informationen:

Lateinamerika-Spezialistin Claudia Zilla zur Biokraftstoffdebatte: Pragmatismus statt Panikmache www.swp-berlin.de

Studie Universität Kassel: Biokraftstoffe könnten Regenwald gefährden http://np-net.pbworks.com

Stellungnahme des VDB www.biokraftstoffverband.de

Studie der Brasilianischen Regierung zu Bioethanol www.sugarcanebioethanol.org

Studie des IfW zu EU-Biosprit www.ifw-kiel.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014